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Die produktive Stadt als wichtiger Beitrag zur Umsetzung einer sozialen und ökologischen Transformation unserer Lebenswelt am Beispiel des auf 2,2 Hektar zwischen 2012 und 2024 realisierten produktiven Quartiers NRE Terrein in Eindhoven. Foto: Bas-Gijselhart/Houben-Van-Mierlo-architecten

Die produktive Stadt als wichtiger Beitrag zur Umsetzung einer sozialen und ökologischen Transformation unserer Lebenswelt am Beispiel des auf 2,2 Hektar zwischen 2012 und 2024 realisierten produktiven Quartiers NRE Terrein in Eindhoven. Foto: Bas-Gijselhart/Houben-Van-Mierlo-architecten

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10 Wege zum gemeinsamen Ziel

Christine Müllervon Christine Müller
3.07.2026

Olaf Bahner und Laura Holzberg haben für den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA den Band Baustelle Transformation bei Jovis herausgegeben, und zehn Strategien zusammengefasst, die am Beispiel umgesetzter Projekte zeigen, wie sozial-ökologische Transformation in Stadt und Land gelingen kann.

Der Klimawandel treibt bereits die Junitemperaturen in bislang ungewohnte Höhen. „Regelmäßig wird zwar eine verantwortungsvolle Klimapolitik in Umfragen befürwortet – doch sobald konkrete Maßnahmen das eigene Lebensumfeld betreffen, schwindet die Zustimmung“, steht in dem vorliegenden Band gleich zu Beginn zu lesen. Dass ein immer dringlicherer Handlungsbedarf besteht, wissen wir, dennoch werden Maßnahmen auch in der Klimapolitik weiter vertagt. Angesichts der dramatischen klimatischen Veränderungen sollten wir jedoch längst eine „weitreichende Transformation unserer energie- und ressourcenintensiven Wirtschafts- und Lebensweise“ in Angriff nehmen, um den „Erhalt einer lebenswerten Welt für kommende Generationen“ zu gewährleisten.

Unterschiedliche Wege führen zu einer klimagerechten und lebenswerten Zukunft, im Zentrum steht dabei mehr und mehr der Baubestand als wertvollste Ressource. Im Bild: NRE Terrein in Eindhoven. Foto: Bas-Gijselhart/Houben-Van-Mierlo-architecten

Unterschiedliche Wege zum gemeinsamen Ziel

Mitverantwortung ist gefragt, gemeinschaftliche Projekte, nachbarschaftliches Miteinander, gemischte Nutzungen oder alternative Wohnmodelle sind nur einige aller möglichen Perspektiven. In Baustelle Transformation stellen die Herausgeber:innen zehn konkrete Ansätze, die unterschiedliche Wege zum einen gemeinsamen Ziel, einer klimagerechten und lebenswerten Zukunft gehen. Im Zentrum der vorgestellten Beispiele steht dabei mehr und mehr der Baubestand als wertvollste Ressource.
Ein interessanter Aspekt ergibt sich dann, wenn der Umbau auch „strukturelle Veränderungen mit sich bringt – und dadurch räumliche, wirtschaftliche oder soziale Angebote schafft, die Menschen dabei unterstützen, ihre Lebensweise nachhaltig zu verändern. Erst wenn sich die Strukturen des Alltags ändern, kann ökologisches Verhalten zur Routine werden“, schreiben Laura Holzberg und Olaf Bahner einleitend.
Transformation gehe aber über die energetische Sanierung von Bauten oder Quartieren hinaus, ergänzen sie. Grundlegend sei es dabei Bestand für zukünftige Aufgaben zu adaptieren, ökologische Fragen im Verbund mit sozialen Belangen zu betrachten.

Eine gemeinschaftlich kultivierte und genutzte Gartenfläche ohne eingezäunte Parzellen inmitten eines öffentlichen Parks: BOB Campus verkörpert die Haltung und Herangehensweise bei der Transformation einer ehemaligen Textilfabrik in Wuppertal, Stadtteil Oberbarmen. Foto: Caroline Schreerg

„Von zentraler Bedeutung ist dabei die Art, wie der Transformationsprozess gestaltet wird: nicht als eine Verzichtsübung, sondern als gemeinschaftliche zu gestaltender Weg. Mit einem motivierenden Zukunftsbild“ heißt es weiter.
Zehn inspirierende Beispiele, erdacht von zehn Architekturbüros, die zeigen, dass es durchaus gelingen kann, dieses motivierende Zukunftsbild gemeinschaftlich zu realisieren, werden auf übersichtliche Art und Weise vorgestellt. Kurze prägnante Beiträge, tiefergehende Texte und einprägsame Bilder und Grafiken geben einen guten Einblick in die ausgewählten Projekte, die jeweils unterschiedliche Ansatzpunkte vorstellen und zum Nachmachen anregen. „Sie sind Einladung und Aufruf zugleich, die Zukunft des Bestands und unser Zusammenleben aktiv mitzugestalten“.

Zehn Strategien

Strategie eins „Zusammenkraft ermöglichen“ von Anna Holzinger und Nelli Fritzler, (Rurbane Realitäten, Berlin) zeigt anhand der neuen Nutzungsideen des Stadtbades Luckenwalde aus 1928, das seit 1990 leer steht, wie dieser Leerstand gemeinschaftlich reaktiviert werden und ein Ort für Bildung, Kultur und Begegnung entstehen kann. „Es ist Aufgabe der Planungsdisziplinen, die Grundlage für eine lebendige, aktivierende und offene Vermittlungskultur zu schaffen, sagen die Architektin Nelli Fritzler und die Stadtplanerin Anna Holzinger.

Strategie zwei „In Gebrauch transformieren“ hat Sascha Bauer (Studio Cross Scale, Stuttgart, ein Architekturbüro, das sich vorwiegend dem Bestand verschrieben hat) verfasst.
Sie erzählt davon, dass die Transformation großer Immobilien in städtischer Zentrumslage einer neuen methodischen Herangehensweise bedürfe. Jenseits konventioneller Planungsweisen, brauche es Offenheit für die Initiierung von Veränderungen, die experimentelle und prozesshafte Entwicklungen ermöglichten sowie die aktive Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Gelungen ist dies mit der Wiederbelebung eines ehemaligen Warenhauses „Jupiter“ in Hanau zu einem pulsierenden Ort der Begegnung und Inspiration für Jung und Alt.

In Sichtweite zum Aachener Dom im Altstadtquartier Bühel soll anstelle eines Parkhauses ein neues Stück Stadt entstehen. Die temporär zur Verfügung stehende weitläufige Freifläche lädt zum konsumfreien Aufenthalt und vielfältigen Nutzungen ein. Foto: Thomas Knüvener

Die Strategie drei „Temporäre Räume – zusammenkommen und testen“ von Thomas Knüvener (Knüvener Architekturlandschaft, Köln) widmet sich dem Wert des Temporären und der Bedeutung von Gastgeberschaft am Beispiel einer Freifläche am Büchel in Aachen. „Denn die temporäre Umgestaltung öffentlicher Räume lädt zum Diskurs ein. (…) Selbst einfache Angebote wie Sitzgelegenheiten oder Spielmöglichkeiten fördern die Interaktion zwischen dem Ort und seinen Nutzenden und damit ein Nachdenken über Entwicklungsoptionen“.

„Neustart Partizipation“ ist der Titel von Strategie vier von Julian Petrin (urbanista, Hamburg). Hierin wird beispielhaft das Projekt Horner Geest, eine fast 9 Kilometer lange Landschaftsachse im Hamburger Osten angeführt, die unterschiedliche Milieus verbindet, vom Zentrum bis in Einfamilienhausgebiete. Durch ein umfangreiches Beteiligungsverfahren entstand der längste Park Hamburgs mit Rad- und Fußwegen, Bäumen Wiesen und Orten für unterschiedliche Aktivitäten im Freien. „Neben einem übergeordneten Landschaftsplanerischen Konzept waren hierfür vor allem gut Ideen der Bevölkerung gefragt, die den Park mit Leben füllen“.

Strategie fünf „Da.sein“ von Marieke Behne, Dominique Peck, Marius Töpfer, Renée Tribble und Lisa Marie Zander (projektbüro, Hamburg) stellt Wunschbeispiele des Wohnens vor. „Transformation gelingt leichter, wenn wir uns in ihr wiederfinden. Der Schlüssel für einen Beitrag von Architektur und Städtebau zu einer sozial und ökologisch gerechten Transformation liegt im Wissen, dass Raum sozial (re-) produziert wird. Damit rückt der Gebrauch des Raums, oder anders: das Da.Sein, in den Fokus der Transformation“. Beispielhaft macht hier „Ein Zimmer für Dich“ die Praxis des Wohnens im öffentlichen Raum sichtbar. Es waren die Bewohner:innen eines Plattenbauquartiers in Berlin-Neu-Hohenschönhausen eingeladen, in einem 16 Quadratmeter großen Raum jene Vorstellungen vom Wohnen umzusetzen, die in ihren Wohnungen nicht realisierbar sind.

„Eine produktive Nachbarschaft“ lautet der Titel von Strategie sechs von Janna Hohn und Josh Yates (Jott architecture and urbanism, Frankfurt am Main). Hohn und Yates sehen in der produktiven Stadt einen wichtigen Beitrag, um eine soziale und ökologische Transformation unserer Lebenswelt umsetzen zu können. Ziel deren Leitbild sind „mischgenutzte und urbane Quartiere, sowohl im Neubau als auch im Bestand, die sich durch eine hohe bauliche Dichte, multikodierte Freiräume und ein enges Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen wie Wohnen und Freizeit, Arbeiten und Produktion sowie Sport und Kultur auszeichnen“. Vertieft wird die Strategie anhand des auf 2,2 Hektar zwischen 2012 und 2024 realisierten produktiven Quartiers NRE Terrein in Eindhoven.

Ein Beispiel der Partizipation: Die Projektidee Open KÖÖK von Stiftung Freizeit, Berlin. Die mobile Open-Air-Küche aus vier bewegbaren Modulen auf der Landschaftsachse des Horner Geest im Hamburger Osten, möchte Nachbarschaften zusammenbringen. Foto: Thomas Knüvener

In Strategie sieben von Julia Köpper und Philip Stapel (Octagon Architekturkollektiv, Leipzig) mit dem Titel „Gemeinwohl braucht Freiraum“ werden beispielhaft drei Projekte in Leipzig vorgestellt, die zeigen, „wie neue stadträumliche Qualitäten auf ehemals exklusiv genutzten Arealen entstehen – ob durch Verkehrsberuhigung, Umnutzung von Infrastruktur oder gemeinschaftlich genutzte Schulfreiräume. Beteiligte aus Planung und Verwaltung reflektieren in Gesprächen die Projektziele und sprechen über Hürden der Umsetzung“.

Strategie acht „Schritt für Schritt“ von Marika Schmidt (mrschmidt Architekten, Berlin) betrachtet die Schule neben Bibliotheken als letzte verbliebene nicht kommerzielle Gebäude, in denen sich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft begegnen. Das Beispiel einer Schule in Nordostmecklenburg zeigt, „wie es einer kleinen Gemeinde aus eigener Kraft gelungen ist, mit dem Erhalt der Schule als Sozialgemeinschaft und Lebensraum zu revitalisieren“.

„Retroaktive Resilienz“ haben Thorsten Pofahl, Tim Panzer und Matthias Hoffmann (Demo Working Group, Köln) als Bezeichnung für die Strategie neun gewählt. Ihre Prämisse lautet: „Unsere Umwelt ist fertig gebaut – das weiße Blatt gibt es nicht mehr“, das sei „in Hinblick auf eine ressourcengerechte Gestaltung der Zukunft unverhandelbar“. Retroaktive Resilienz ist eine Methode des Erkennens und Aktivierens der Anpassungsfähigkeit von Bestandsgebäuden. Am Beispiel des Kölner Justizzentrums des Architekten Henrik Busch von 1981, das abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll, zeigen die Autor:innen, dass die Nutzung von Bestandbauten für die Erreichung der Klimaziele entscheidend ist und sich die Ziele durch die Einbeziehung des Bestands in eine Neuplanung erreichen lassen würden.

Strategie zehn „Was brauche ich wirklich?“ schließlich geht auf die richtigen Fragen ein, die zur Einleitung eines wirksamen Richtungswechsels gestellt werden müssten. Alexander Poetzsch, Liam Floyd (Alexander Poetsch Architekturen, Dresden) haben hierzu ein Gespräch mit John von Düffel, Dramaturg, Intendant und Professor für szenisches Schreiben, geführt. Ausgangspunkt ist der Satz „Wenn das Wenige dem Wesentlichen enstpricht/Ist das Glück“ aus seinem 2022 erschienenen Buch „Das Wenige und das Wesentliche. Ein Stundenbuch“, über den idealen Zustand des Maßhaltens, den es braucht, um mit sich selbst und der Welt in Einklang zu leben. Die darin gestellten Fragen und Erkenntnisse – „muss man folgerichtig auch auf Transformationsprozesse und insbesondere die Architektur übertragen“, so die Verfasser dieser zehnten Strategie. Eigenverantwortung und Selbsterkenntnis seien der erste Schritt, um Veränderungen anzuerkennen und aktiv Lösungen zu gestalten. Es gehe dabei auch in einem Lern- und Entscheidungsprozess darum, andere anzuregen ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten zu hinterfragen.

Im abschließenden Kapitel „Projekte und Viten“ werden nicht nur die Verfasser:innen vorgestellt sondern jeweils auch ein den vorangestellten Strategien entsprechendes, erfolgreich umgesetztes oder geplantes Projekt.

Das Buch zeigt anhand einer Auswahl gelungener Beispiele, dass sozial-ökologische Transformation des Gebauten in Stadt und Land den produktiven Diskurs mit der Gemeinschaft braucht. Die hier zusammengefassten Strategien von Architekt:innen und Statplaner:innen erzählen davon, wie durch kollektives Erleben inspirierende Ideen und konkrete Vorstellungen für den klimagerechten Umbau unseres Lebensraumes formuliert werden können.

Baustelle Transformation Zehn Strategien für Stadt und Land
Olaf Bahner / Laura Holzberg / Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA (Hg.), Jovis Verlag, Berlin 2025, Broschur, 17 x 24 cm, 208 Seiten, 50 farb. Abb., Deutsch
ISBN 978-3-98612-237-9

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Dr. Christine Mueller
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