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Tomás Saraceno,The Sanctuary of Water, 2026. Umsetzung in Zusammenarbeit mit den elf Indigenen Gemeinschaften des Red-Atacama-Netzwerks, Salinas Grandes, Nordargentinien. Courtesy: der Künstler, Red Atacama, Aerocene Foundation, sowie die Galerien neugerriemschneider/Berlin, Tanya Bonakdar/Los Angeles, Pinksummer/ Genua, Andersen’s/Kopenhagen und Ruth Benzacar/Buenos Aires. Foto: Studio Tomás Saraceno

Tomás Saraceno,The Sanctuary of Water, 2026. Umsetzung in Zusammenarbeit mit den elf Indigenen Gemeinschaften des Red-Atacama-Netzwerks, Salinas Grandes, Nordargentinien. Courtesy: der Künstler, Red Atacama, Aerocene Foundation, sowie die Galerien neugerriemschneider/Berlin, Tanya Bonakdar/Los Angeles, Pinksummer/ Genua, Andersen’s/Kopenhagen und Ruth Benzacar/Buenos Aires. Foto: Studio Tomás Saraceno

in ausstellung

Alles hängt mit allem zusammen

Christine Müllervon Christine Müller
23.08.2026

Alles steht miteinander in Verbindung, so jedenfalls sieht es Tomás Saraceno. In der ihm gewidmeten Ausstellung Tomás Saraceno, Verwobene Welten im Münchner Haus der Kunst laden seine begehbaren Installationen und Skulpturen ein, seine Welten gemeinsam zu erkunden.

Naturwissenschaft, Kunst und Architektur verschmelzen in Saracenos Arbeiten und eröffnen ein Universum, in dem alles möglicherweise lange unbemerkt geschieht, aber nichts ohne Folgen bleibt. 
Tomás Saraceno, 1973 in Argentinien geboren, lebt in Berlin. Mit seinen Projekten schafft der Künstler Plattformen ökosozialer und partizipativer Begegnungen. Sein Ziel dabei: regenerative Formen des Wissens fördern und verbreiten. In seiner Arbeit verbindet er stets unterschiedliche Maßstäbe und Spektren miteinander, er gründet und unterstützt transdisziplinäre Gemeinschaften, wie etwa das Museo Aero Solar, die Aerocene Foundation oder Arachnophilia – und sucht damit, die Gegenseitigkeit und Verbundenheit mit anderen Lebewesen zu vertiefen.

In Arachnophilia  zeigt sich Saracenos Faszination für Spinnen und deren Netze. Besucher:innen sind zum Berühren eingeladen. Ausstellungsansicht. Foto: Agostino Osio/© Haus der Kunst München, 2026

Fremde Welt

Die Vorbereitungen für seine in Deutschland bislang größte Ausstellung dauerte Jahre, der Aufbau der Installation brauchte viele Wochen. In einem der Räume baute der Künstler mithilfe seiner Mitarbeiter:innen ein raumgroßes, begehbares Spinnennetz. Saraceno liebt Spinnen, die seit 380 Millionen Jahren auf unserem Planeten leben und denen es gelingt, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. Mit Arachnophilia untersucht Saraceno materielle, verhaltensbezogene und akustische Systeme über Artengrenzen hinweg und baut dabei auf langjährigen Forschungen zu Spinnennetzarchitekturen auf. In der Ausstellung sind die gewobenen Strukturen mit Mikrofonen verbunden, berührt man einen Strang erklingt ein Ton. Die Besucher:innen sollen die Skulptur berühren und so diese fremde Welt kennenlernen. Allerdings sollte man keine Angst vor Spinnen haben, denn es gibt eine Menge echter Spinnennetze zu bestaunen. Auch hier erkennt man Saracenos Botschaft – es steht alles mit allem in Verbindung. 
Die Ausstellung erstreckt sich über das gesamte Gebäude und umfasst luftbetriebene Skulpturen, Lebensräume verschiedener Arten ebenso wie raumgreifende Installationen, die die Wahrnehmung der Räumlichkeiten im Haus der Kunst verändern. Die Besucher:innen sind eingeladen, ökologische und soziale Kräfte, die die Energiewende prägen, wahrzunehmen und neu zu überdenken.

Tomás Saraceno, Fly with Aerocene Pacha, 2020, Salinas Grandes und Laguna de Guayatayoc, Nordargentinien, Courtesy: Aerocene Foundation, Foto: Studio Tomás Saraceno

Einladung zum Gedankenspiel

Im Hauptraum bedeckt Wasser den Boden, ein neues Element in Saracenos Werk, mit dem er sich nicht zuletzt auch auf seinen Vater bezieht, der nach seiner Inhaftierung wegen seines Kampfs für die Rechte der Landbevölkerung Argentiniens mit seiner Familie nach Europa floh. 
In einem weiteren Raum verweist der mit Salz bedeckte Boden auf die Salinas Grandes, eine Salzwüste im Norden Argentiniens, die Saraceno als faszinierenden Ort für seine Flugobjekte entdeckte. Dort befanden die Einheimischen seine Ballons als passende Banner für ihren Protest gegen den in Argentinien stattfindenden Lithiumabbau. Lithium ist das leichteste feste Element und das leichteste Metall der Erde. Das hochreaktive, silberweiße Alkalimetall spielt zum Beispiel in der modernen Energietechnik eine entscheidende Rolle. In Südamerika wird Lithium häufig aus Salzwasser (Grundwasser, Salzseen) durch Verdunstung gewonnen. Hierzu wird salzhaltiges Grundwasser an die Oberfläche gepumpt und über eine Kette von Verdunstungsteichen geleitet, in denen über mehrere Monate die Verdunstung an der Sonne stattfindet. Am Ende des Aufbereitungsprozesses wird die überschüssige Rest-Sole in den Salzsee zurückgepumpt. In trockenen Gegenden wird durch die Grundwasserverwendung das Austrocknen der Landschaft gefördert. Lithium gilt als das weiße Gold und ist der Schlüsselrohstoff der Verkehrswende, der derzeit in Lithiumionenbatterien nicht ersetzbar ist. Saraceno unterstützt mit seinem Projekt Salinas Grandes den Protest der Einheimischen, der sich gegen jene Länder richtet, die Lithium in Argentinien abbauen, um es als Rohstoff mitzunehmen und damit die Energiewende nicht in Argentinien sondern in deren Ländern sichern. 
Die Installation im Haus der Kunst lädt zu einem Gedankenspiel, in dem es genau um jene großen Mengen an Grundwasser geht, die zur Lithiumgewinnung hochgepumpt werden und dann verdunsten. Große Landkarten, auf denen die Seen rund um München eingezeichnet sind, sollen verdeutlichen, was es bedeuten würde, wenn etwa die deutsche Autoindustrie das Wasser zur Lithiumgewinnung für ihre Elektroautos aus diesen bayrischen Seen entnehmen würde. Um zu verdeutlichen um wieviel Wasser es hierbei geht, wurde jeder einzelne See mit einem Verfallsdatum markiert, das sichtbar macht, dass manche von ihnen in kürzester Zeit verschwinden würden. Saraceno gelingt es, damit den Zusammenhang zwischen den Konzernen in Bayern und dem Lithiumabbau im Norden Argentiniens sichtbar und nachvollziehbar zu machen. „Dort brauchen wir für den Abbau einer Tonne Lithium 2 Millionen Liter Wasser“, betont Tomás Saraceno.

Die Installation im Haus der Kunst lädt zu einem Gedankenspiel über den Verbrauch von Wasser beim Lithiumabbau. Ausstellungsansicht, Haus der Kunst München, 2026 Foto: Agostino Osio
© Haus der Kunst München, 2026

Zeit umzudenken

Die Aktivist:innen vor Ort wünschten sich vom Künstler auch etwas weniger Flüchtiges als seine Ballons, ein bleibendes Zeichen, um dauerhaft den Abbau von Lithium zu stoppen. Saracenos Antwort ist der Bau eines Wasserheiligtums, das El Santuario del Agua (The Sanctuary of Water), ein permanentes Land-Art-Werk im Norden Argentiniens,bestehend aus fünf großen aus Salz errichteten begehbaren Kuppeln. In enger Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften von Red Atacama aus Las Salinas Grandes erbaut, werden diese zum Teil einer Kampagne zum Schutz der angestammten Territorien der Region. „Wir haben mit dem Bau begonnen und hoffen, dass viele Menschen kommen, um es zu besuchen. Die Community wird Eintritt verlangen, denn die Skulptur wird ihr Eigentum sein. Gleichzeitig setzen wir damit ein Zeichen, damit auf diesem Land hoffentlich nie wieder Lithium abgebaut wird”, so Saraceno, der das Heiligtum noch während der laufenden Ausstellung vollenden will.
Zu Jahresbeginn, wenn die Regenzeit einsetzt, wird sich ein dünner Wasserfilm auf der Salzkruste bilden, dann wird der Boden zu einem riesigen Spiegel, in dem sich die Salzkuppeln bei Mondlicht widerspiegeln und zu in ein faszinierendes kosmisches Spektakel verwandeln werden. Mit dem Wasserheiligtum aus Salz, sucht Saraceno mehr Sorgfalt im Umgang mit Wasser einzufordern.

Saracenos aus Plastiksäcken zusammengesetztes Flugobjekt ist begehbar: „Eine Reflexion darüber, wie die Ära des Kapitalozäns, des Zeitalters des Kapitals aussieht“. Ausstellungsansicht, Haus der Kunst München, 2026, Foto: Agostino Osio/© Haus der Kunst München, 2026

Neue Formen ökologischen Handelns

Bereits 2015 hatte Tomás Saraceno Aerocene, eine interdisziplinäre Gemeinschaft ins Leben gerufen, die sich mit der Erforschung emissionsfreier Fortbewegungsarten befasst, mit dem Ziel neue Formen ökologischen Handelns zu entwickeln. Aerocene-Skulpturen nutzen Luft, Sonnenstrahlung und Infrarotenergie, um Lebensformen zu imaginieren, die nicht von fossilen Brennstoffen abhängig sind. Im Jahr 2020 stellte der Ballonflug von Aerocene Pacha in Argentinien 32 Weltrekorde auf und wurde damit zum nachhaltigsten Flug der Menschheitsgeschichte.
„Wir müssen sensibel werden für die Lebensstile. Was stellen wir an mit der Welt, auf der wir leben?”, fragt Saraceno mit Museo Aerosolar, einer Skulptur aus Plastiktüten, angetrieben nur von Sonne und Wind. Auch im Haus der Kunst kann man sein raumgroßes aus Plastiksäcken zusammengesetztes Flugobjekt begehen. „Das ist eine Reflexion darüber, wie die Ära des Kapitalozäns, des Zeitalters des Kapitals aussieht. Wir leben in einer Zeit des Hyperkonsums, der Ausbeutung der Erde und wir hoffen, dass das ein Denkmal für eine Epoche sein wird, die bald zu Ende geht. Denn die Ressourcen dieser Erde sind endlich”, betont Saraceno. “Wir wollen hier in München die Menschen einladen, ihre letzten Plastiktüten mitzubringen.“ Denn der Künstler wünscht sich, dass die Besucher:innen damit dann weiterbauen an diesen verwobenen Welten”.


Noch eine Besonderheit hat die Ausstellung zu bieten: Kunstwerke eigens für Hunde gefertigt, die deren besonders ausgeprägtes Riechvermögen ansprechen sollen. Bis 13. September sind daher erstmals Hundebesitzer:innen eingeladen, einen Raum der Ausstellung im Haus der Kunst mit ihrem Hund kostenlos zu besuchen. Hinweise zu Verhaltensregeln und Tipps zum gemeinsamen Ausstellungsbesuch finden sich auf der Homepage. 
Und vor dem Haus der Kunst lädt eine weitere Skulptur auch die kleinsten Lebewesen, die Insekten ein, die für sie errichteten Insektenhotels zu erkunden und zu besiedeln. Denn für Tomás Sarraceno hängt eben alles mit allem zusammen.

Tomás Saraceno (*1973) ist ein in Argentinien geborener und in Berlin lebender Künstler, dessen Projekte Plattformen für ökosoziale und partizipative Begegnungen schaffen und regenerative Formen des Wissens fördern und verbreiten. Indem er verschiedene Maßstäbe und Spektren miteinander verbindet, zielt er mit seiner Arbeit – ebenso wie mit den von ihm gegründeten und unterstützten transdisziplinären Gemeinschaften, darunter das Museo Aero Solar, die Aerocene Foundation und Arachnophilia – darauf ab, die Gegenseitigkeit und Verbundenheit mit anderen Lebewesen im Netz bzw. in den Netzen des Lebens zu vertiefen.

Bis 7. Februar 2027
Haus der Kunst München

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