Leandro Erlich erobert die Galerien des Pariser Grand Palais mit einer Reihe monumentaler Installationen, bei denen nichts so ist, wie es scheint. Erstmals ist nach Buenos Aires, Tokio, Miami, Mailand und Helsinki eine umfassende Retrospektive sowie neue Werke des argentinischen Künstlers bis 6. September in Paris zu sehen.
Diese Ausstellung ist eine Einladung an die Besucher:innen, die Schwelle des Alltäglichen zu überschreiten und in ein Universum einzutauchen, in dem sich herkömmliche Architekturen wie Häuser, Aufzüge, Treppen und städtische Fassaden subtil und kraftvoll verwandeln, während die Betrachter:innen zu Akteur:innen des Werks werden. Erlich spielt mit der Illusion, die er nicht als Täuschung, sondern als Werkzeug der Erkenntnis einsetzt, in der man nicht nur aufgefordert wird zu betrachten, sondern auch dazu, seine Sinne und Gewissheiten in Frage zu stellen.

Eine spielerische Erfahrung
1973 in Buenos Aires geboren ist Erlich für seine immersiven Installationen bekannt, die Betrachter:innen zu einem aktiven Teil des Kunstwerks machen. In seinen Werken verschmelzen Kreativität, Vision, Emotion und Spaß, man erlebt, durchquert und hinterfragt sie. Es sind Gebäude, die virtuell erklommen werden, entwurzelte und in der Luft schwebende Häuser, Aufzüge, die nirgendwo hinführen, Rolltreppen, wie aus zu einem Knäuel verwickelten Fäden, verwirrende, surrealistische Skulpturen, Videos, in denen die Normalität auf den Kopf gestellt erscheint. Und all dies erzählt vom Alltäglichen im außergewöhnlichen Kontext, wo alles anders ist, als es scheint, in dem der Sinn für Realität und Wahrnehmung des Raums verloren gehen.
Erlichs Werk untersucht die Wahrnehmungsgrundlagen der Realität: Alltagsarchitektur verwandelt sich in ein poetisches und konzeptuelles Experimentierfeld. Es entsteht ein ständiger Dialog zwischen dem, was wir zu kennen glauben, und dem, was wir sehen, zwischen dem Museumserlebnis und dem Alltag, zwischen Gewissheit und Zweifel. „Ich bezeichne mich gerne als Konzeptkünstler, der an der Grenze zwischen Realität und Wahrnehmung arbeitet. Meine Arbeit untersucht die Mechanismen, durch die wir unser Verständnis der Welt konstruieren, und hinterfragt dabei die Beziehung zwischen Realität, Darstellung und Erfahrung“, sagt Erlich.
Jede Installation löst einen Wahrnehmungskurzschluss aus – zunächst vertraut, wird sie uns im nächsten Augenblick unerklärlich. Die Betrachter:in beginnt an ihren Sinnen zu zweifeln, und empfindet eine überraschende, spielerische und zutiefst poetische Erfahrung. Und eben diese aktive Beteiligung vervollständigt das Werk.

Gesehenes in Frage stellen
Die Pariser Ausstellung verkörpert diesen Ansatz durch eine Reihe immersiver und verunsichernder Räume, die darauf ausgerichtet sind, den vertrauten Blick zu unterbrechen und zu einer aufmerksameren und kritischeren Betrachtung anzuregen.
Erlich bietet uns nicht einfach nur Bilder zum Betrachten an, sondern schafft Situationen, die es zu erleben gilt. Die Besucher:innen werden einbezogen, auf die Probe gestellt und dazu aufgefordert, sich mit dem Vorgefundenen aktiv auseinanderzusetzen.
Die vierzehn ausgestellten Arbeiten zeigen, wie die Abkehr von gewohnten Wahrnehmungsmustern den Zugang zu einer anderen Dimension eröffnet.
Erlichs Installationen, die bereits in zahlreichen internationalen Institutionen zu sehen waren, zeigen eine Vielschichtigkeit an Bedeutungen, die durch die interaktive Dimension und Verbreitung in den sozialen Netzwerken noch verstärkt wird. Das das Werk geht über die Grenzen des Museums hinaus, es verbreitet sich im öffentlichen sowie im digitalen Raum, es liefert dabei symbolträchtige Bilder heutiger Verwundbarkeiten und regt zum Nachdenken über Instabilität, Ausgrenzung und Selbstdarstellung an.
Die Ausstellung, die sich als Rundgang über die Galerien des Grand Palais erstreckt, ist als schrittweises Erlebnis konzipiert und wird zur Reise durch die Vorstellungswelt des Künstlers, nach innen wie nach außen.
Bereits der abgedunkelte Eingangsbereich wird zum Tor in Leandro Erlichs Traumwelt. In dieser schwebenden Atmosphäre nehmen etwa die Boote von „Port of Reflections“ oder die Wolken von „The Cloud“ sowie die fast voyeuristischen Ausblicke von „The View“ Gestalt an. Die Werke verändern die Wahrnehmung und laden ein, die gewohnten Orientierungspunkte hinter sich zu lassen und das Gesehen in Frage zu stellen.

Das Unmögliche wird möglich
Der Ausstellungsrundgang endet mit der monumentalen Installation „Bâtiment“, die 2004 für die „Nuit Blanche“ in Paris entstand. Seither war sie weltweit zu sehen, und stets an die Besonderheiten der lokalen Architektur angepasst – dabei bleibt das Prinzip der Präsentation immer dasselbe: Die Nachbildung einer Gebäudefassade mit Balkonen, Nischen, Friesen und Vordächern liegt horizontal auf dem Boden. Besucher:innen klettern an der Fassade hoch und „klammern“ sich dabei virtuell an die Ornamente und Fassadenelemente. Möglich macht diese Wahrnehmung ein großer, um 45 Grad geneigter Spiegel, der das Bild auf dem Boden in eine vertikale Ebene reflektiert. Es entsteht die Illusion einer echten Fassade und das Gefühl, es würde die Schwerkraft aufgehoben. Zuschauer:innen werden zu Akteur:innen indem sie sich bei dieser „gewagten“ und unterhaltsamen Performance gegenseitig fotografieren, und verwirklichen damit eine Situation, die den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen scheint – als Teil eines demokratischen Konzepts von Integration und Interaktion zwischen unterschiedlichen Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.
„Realität und Wahrnehmung sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Ich finde es interessant, dass das Wesentliche dessen, was wir als Realität bezeichnen, in Wirklichkeit etwas ist, das die Gesellschaft geschaffen hat“ so Leandro Erlich.
Auch wenn Leandro Erlich etwa in Bezug auf „Bâtiment“ oft als Zauberer oder Meister der Illusion bezeichnet wurde, unterscheidet ihn von Zauberern doch, dass er seine „Tricks“ nicht verbirgt, sondern bewusst transparent, offensichtlich und nachvollziehbar gestaltet. Man spielt mit sich selbst und den anderen, und ist sich dabei doch stets bewusst, „wie es funktioniert“. Erlich schafft das Unmögliche, er verwandelt das Reale in das Irreale und legt dabei den gesamten Prozess offen.
Bis 6. September 2026
Grand Palais – Galeries
www.grandpalais.fr






