Einst stand hier der erste und größte Bahnhof des Habsburgerreiches, heute erstreckt sich auf dem Areal des einstigen Nordbahnhofs im 2. Bezirk ein innovatives Stadtviertel mit rund 10.000 Wohnungen. Felicitas Konecny führt mit Architectural Tours Vienna am 7. und 14. August 2026 zu einer Auswahl interessanter hier umgesetzter Projekte.
Mit einer Fläche von insgesamt 85 Hektar ist das Areal des einstigen Nordbahnhofs eines der größten und bedeutendsten innerstädtischen Entwicklungsgebiete Wiens. Der neu entstehende Stadtteil bietet neben dem Wohnen auch Raum für Arbeitsplätze für unterschiedliche Zielgruppen und verfolgt dabei eine hohe soziale Durchmischung sowie viel von allen nutzbaren, begrünten Außenraum. Angesiedelt ist das Quartier mit seinem abwechslungsreichen Wohnungs- und Freiraumangebot in bester Lage zwischen der Innenstadt und den Naherholungsgebieten in Donaunähe.
Der neue Stadtteil auf dem einstigen Nordbahnhofgelände soll bis zum Jahr 2030 20.000 Menschen aufnehmen. Handel, Gastronomie und Bildungseinrichtungen beleben den Stadtteil, der die benachbarten Bezirke 2. und 20. nunmehr faktisch näher aneinander rückt und die hier angesiedelten sozialen Infrastrukturen gemeinsam nutzbar macht.

Rund um eine Grüne Mitte
Der Masterplan der ersten beiden Entwicklungsphasen stammt von Boris Podrecca und Heinz Tesar (1994), die 3. Bebauungsstufe „Freie Mitte – vielseitiger Rand“ (2014) geht auf das städtebauliche Siegerprojekt eines städtebaulichen Wettbewerbs des Studios VlayStreeruwitz zurück. Bernd Vlay und Lina Streeruwitz sahen vor, entgegen Podrecca und Tesar, das über die Jahrzehnte auf der Eisenbahn-Brache entstandene Biotop zu erhalten und zum eigentlichen Zentrum zu machen. Eines der letzten baulichen Überbleibsel des historischen Nordbahnhofs ist der Wasserturm in der Leystraße. Dessen Abbruchbescheid durch das Verkehrsministerium wurde zwar bereits 1977 erlassen, bis heute blieb dessen Demolierung allerdings aus. Seit November 1998 steht das Bauwerk mit neuer Nutzung unter Denkmalschutz.
Da die Wohnbauten dieser 3. Phase entlang bereits bestehender Straßenverläufe errichtet werden, können weitere Infrastrukturkosten vermieden werden. Verdichtungen an den Rändern des Biotops erlauben es, die erforderliche Nutzflächenzahl mit der Errichtung von nur 6 (anstatt den ursprünglich geplanten 8) Wohnhochhäusern zu erreichen.
Der Spaziergang führt vorbei an den Grünraumplanungen von Agence Ter und Thomas Proksch (LandInSicht) und erlaubt einen Einblick in den differenziert gestalteten Freiraum, der sich als Park ebenso wie als artenreiche Stadtwildnis zeigt. Direkt angrenzend befinden sich einige der spannendsten Bauten des Nordbahnviertels, darunter das Wohnhochhaus „Schneewittchen“ (Bevk Perović) mit dem Loftflügel (VlayStreeruwitz, Bauherrenpreis 2025), das Wohnhochhaus Leywand (franz & sue) und die Holz-Patiohäuser „The Wild“ (RLP, Rüdiger Lainer Partner).
Rund um den drei Hektar großen Rudolf-Bednar-Park bis zur Engerthstraße baute man im Zuge der ersten Bauphase seit 2006 intensiv. Es entstanden geförderte, frei finanzierte Wohnbauten unterschiedlicher Schwerpunkte wie etwa „Junges kostengünstiges Wohnen“, „Interkulturelles Wohnen“ oder „Rad und Wellness“ ebenso wie ein Bildungscampus, ein zweiter wurde 2020 an der Taborstraße eröffnet, und ein Geriatriezentrum. Die Außenraumplanung konzentrierte sich auf die Schaffung unterschiedlicher Begegnungszonen, die das Bekenntnis der Stadt Wien zur Schaffung klimawirksamen städtischen Grünraums illustriert.

Stadtquartier mit Aufenthaltsqualität
Der Versuch, Stadtentwicklung und Naturschutz in Einklang zu bringen, zeigt sich auch entlang der 500 Meter langen Bruno-Marek Allee, die aus der 2. Bauphase stammend, als zentrale Verkehrsachse sowie als Boulevard und Einkaufsstraße angelegt ist. Breite Gehwege bieten viel Platz für Fußgänger:innen, ebenso wie beschattete Sitzgelegenheiten und Radwege. Dem Autoverkehr, der sich den Raum mit der Straßenbahntrasse, zugunsten einer hohen Aufenthaltsqualität teilt, kommt eine untergeordnete Rolle zu. Helle Pflasterungen und Pflanzbeete sollen hier auch in heißen Sommermonaten für angenehmes Mikroklima sorgen. Eine weitere Charakteristik entlang der Bruno-Marek-Allee ist die weitgehend geschlossene Bauweise, wobei unterschiedliche Gebäudehöhen und Rücksprünge das Straßenbild etwas beleben. Lediglich im Kreuzungsbereich zur Taborstraße entschied man sich für städtebauliche Akzentuierungen mit einer Bauhöhe bis zu 35 Meter.

Der Bildungscampus Christine Nöstlinger des Wiener Architekturbüros Klammer Zeleny ZT GmbH stellt die Nutzer:innen in den architektonischen und pädagogischen Mittelpunkt und rückt Kindergarten-Gruppen sowie Schulklassen nahe aneinander, um das unterschiedliche Raumangebot gemeinsam nützen zu können. Teile der Freiflächen und Sportanlagen sind selbst außerhalb der Betriebszeiten des Bildungscampus von Bewohner:innen der Umgebung frei zugänglich. Bemerkenswert, wie Felicitas Konecny anmerkt, seien hier ambitionierte Projekte wie das Baugruppenhaus „Kohlenrutsche“, zu denen dieser Spaziergang ebenfalls führt.
Das Projekt „dieHausWirtschaft“ verdiene, so Konecny, besondere Aufmerksamkeit. Auch international beachtet und u.a. mit dem „New European Bauhaus“-Preis in der Kategorie „Regaining a sense of belonging“ ausgezeichnet, wurde das Projekt in einem partizipativen Planungsprozess von den zukünftigen Genossenschafter:innen mit Realitylab und einszueins Architektur realisiert und im Umsetzungsprozess unter dem Titel OPENhauswirtschaft wissenschaftlich begleitet. Seit 2023, dem Jahr der Fertigstellung und Besiedelung, übernimmt „dieHausWirtschaft“ nunmehr wenigstens zum Teil die Rolle der leider abgebrochenen „Nordbahnhalle“. Es entstand ein Veranstaltungssaal, der ein eigenes Kulturprogramm bietet, man offeriert Seminarräume, beherbergt eine Kindergruppe, Gesundheitsangebote, Co-Working-Spaces sowie Gästezimmer (HausPension). Es gelang hiermit eine eine merkbare Belebung des Nordbahnviertels, und animiert regelmäßig internationale Fachleute, das Quartier zu besuchen.
Architectural Tours Vienna/Felicitas Konecny
Nordbahnviertel: Bahnhof, Biotop, Brücken statt Barrieren
7. und 14. August 2026, 17:00 Uhr
Treffpunkt: 2., Fanny-Mintz-Gasse, Ecke Walcherstraße
Dauer: Ungefähr 2,5 Stunden
Anmeldung






