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Das Buch „Maschinenräume“ führt anhand berauschend schöner Fotos in jene Bereiche repräsentativer Wiener Ringstraßenbauten, die den Blicken der Öffentlichkeit eigentlich für immer verborgen bleiben sollten. k.k. Naturhistorisches Museum, luftführende Gänge im Keller (1871-1881), Foto: Hertha Hurnaus, 2024

Das Buch „Maschinenräume“ führt anhand berauschend schöner Fotos in jene Bereiche repräsentativer Wiener Ringstraßenbauten, die den Blicken der Öffentlichkeit eigentlich für immer verborgen bleiben sollten. k.k. Naturhistorisches Museum, luftführende Gänge im Keller (1871-1881), Foto: Hertha Hurnaus, 2024

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Auf der Hinterbühne der Architektur

Christine Müllervon Christine Müller
16.12.2025

Das Buch „Maschinenräume“ führt uns tief in den Untergrund, und weit empor, in jene Räume und Bereiche, die den Blicken der Öffentlichkeit eigentlich für immer verborgen bleiben sollten, in die Technikräume und kühlen und feuchten Kellergeschoße der repräsentativen Wiener Ringstraßenbauten.

Dieser Band lebt vor allem von den eindrucksvollen, ja atemberaubend schönen Bildern der Architekturfotografin Hertha Hurnaus, die über sieben Jahre lang eingetaucht ist in diese faszinierende verborgene Welt.
Begonnen hat diese spannende Entdeckungsreise für die eigentliche Protagonistin dieser Publikation, Hertha Hurnaus, im Rahmen ihres Auftrags, das Parlamentsgebäude vor dessen Generalsanierung und Umbau fotografisch zu dokumentieren. Im gesamten Haus unterwegs, entdeckte sie diese einst funktionierenden, futuristisch anmutenden Maschinerien, teils gigantischer Dimensionen.

Die erhabene Ästhetik der Technik

Ihre stimmungsvollen Fotos – großteils in Schwarzweiß – zeigen auch die erhabene Ästhetik einer Technik, der es gelang, rein auf mechanische Weise, ohne Energiezufuhr, etwa ein angenehmes Raumklima herzustellen und die Aufenthaltsqualität im Gebäude zu sichern. Einblicke in unterirdische Gänge, gigantische Lüftungsrohre, in Bereiche knapp unter dem Dach ebenso wie 4 Geschoße unter der Erde laden ein in jenes Reich, in das nur technischem Personal oder Hausmeister:innen zu Sicherheits- und Wartungszwecken Zutritt gewährt ist. Hurnaus nimmt uns mit auf eine spannende Reise in die Vergangenheit, die großteils keine Zukunft mehr hat, in Maschinenräume, die über Jahrhunderte gewährleisteten, was heute hochtechnisierte Gerätschaften auf wesentlich geringerer Fläche übernehmen, allerdings mit großem Energie- und Wartungsaufwand.
Noch kennen Hausmeister:innen, zu deren Reich seit fast vierzig Jahren eben jener der Öffentlichkeit verschlossene Bereiche gehören, jeden verborgenen Winkel und dessen einstige Funktionen. Bald wird dieses Wissen nicht mehr verfügbar sein und schon heute sind hier neue Nutzungen eingezogen oder einige der hier noch abgelichteten Räume längst verschwunden, weil sie neuen technischen Einrichtungen weichen mussten.
Dieses Buch hat also auch eine eminente Bedeutung als dokumentarisches Werk – denn wenn auch nur ein Bruchteil des gesamten Fotomaterials, das über sieben Jahre entstanden ist, in diesem Buch Berücksichtigung finden konnte, so entdeckt man dennoch eindrucksvolle letzte Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

Ehemalige Livree-Garderobe des Obersthofmeisteramts (Monturdepot), Wiener Hofburg, Leopoldinischer Trakt (errichtet 1908), Foto: Hertha Hurnaus, 2024

Unsichtbare Welten

„Die unsichtbare Unter- und Kehrseite der Architektur, mit Raumvolumen, die nahezu gleich groß und in manchen Fällen sogar größer sind als ihre oberen und vorderen Äquivalente, ist das Spiegelbild der Ringstraße, wie wir sie kennen. Erst durch sie wird die Architektur komplett. Nur durch die Technik können die Ringstraßenbauten als das funktionieren, was sie repräsentieren. Diese Räume im Hinter- und Untergrund repräsentieren nicht, sie sind“, heißt es im Vorwort des Buches, das die Fotografin Hertha Hurnaus, die Architekturpublizistin und -kuratorin Gabriele Kaiser und der Architekturjournalist Maik Novotny gemeinsam herausgegeben haben.
Als Hertha Hurnaus 2018 begann, den Umbau des Parlaments inklusive aller Umwandlungen und Abbrüche zu dokumentieren und dabei auch auf die Haustechnik gestoßen ist, war klar, dass man mehr daraus machen müsse. Damals konnten alle drei aber noch nicht ahnen, welche Welten sie nicht nur unterirdisch erwarten würden. Allein die drei bis vier, damals im Zustand des 19. Jahrhunderts noch intakten Lüftungs-Geschoße unter dem Parlament, waren so beeindruckend, dass sie nunmehr im Buch viel Platz einnehmen. „Die Räume selbst sind so großartig, allein diese Lüftungskanäle, hatten fast etwas Zeitgenössisches von Zaha Hadid, weil alles so aerodynamisch war. Alles, inklusive der einzelnen noch erhaltenen technischen Objekte, hatte eine hohe abstrakte Qualität“, erzählt Maik Nowotny.
Bis letztes Jahr hat Hurnaus fotografiert mit Ausnahme der Coronapausen. „Anfangs begingen wir gemeinsam die Bauten, meistens in Begleitung der Wissenden vor Ort, den Haustechniker:innen, Hausmeister:innen, die alle sehr enthusiastisch waren und sich gefreut haben, uns alles zeigen zu können; sie haben uns jeden Winkel zugänglich gemacht“, sagt Nowotny.

Depot „Die präparierte Welt“ im k.k. Naturhistorischen Museum (1871-1881), Foto: Hertha Hurnaus, 2024

Archiv des Verschwindens

Dass man anhand mancher Fotos glauben könnte, es sei eine Kunstinstallation, war für Hertha Hurnaus der eigentliche Auslöser alles festzuhalten. Und sie merkt an, dass alle Bilder des Parlaments in diesem Buch, in der Form gar nicht mehr möglich wären, denn viel wurde durch neue Nutzungen ausgelöscht. Decken wurden eingezogen und verschiedene Ebenen miteinander verbunden. Besonders fasziniert hat die Fotografin der sogenannte Luftmischraum unter dem Bundesversammlungssaal im Parlament, der heute leider nicht mehr existiert: „An der Decke gab es Öffnungen mit Nummerierungen, die jeweils den Sitzen der Abgeordneten im Bundesversammlungssaal darüber zugeordnet sind. So konnte dem Wunsch jedes einzelnen Abgeordneten entsprochen werden, wenn dieser gern mehr oder weniger Frischluft wünschte“. Im Luftmischraum, der staubfrei sein musste und leer, wurde die Luft zwischengeparkt und über die Luftkanäle von noch tieferen Kellern durch Gitter in den Saal geleitet. In späteren Jahrzehnten wurden diese Kanäle für den Einbau neuer Technik genutzt, für Heizungs- bzw. Lüftungsrohre neueren Modells.
Selbst der Dachboden über dem Nationalratssaal, den es so heute auch nicht mehr gibt, sah Hurnaus, dass die Dachböden in den verschiedenen Häusern ebenfalls ein sehr spannendes Fotomotiv waren, wie sie erzählt.
Bei einer der Führungen durch das Parlament kam dann vom dortigen Haustechniker der Hinweis auf die noch gut erhaltene Lüftungsanlage im Burgtheater, die man sich unbedingt ansehen sollte. Und auch dort entdeckte das Herausgeber:innen-Trio wiederum unglaublich beeindruckende Raumvolumen, die sie darin bestärkten, weiter zu forschen, und weitere Häuser der Ringstraße aufzusuchen.
Anhand einiger weniger Fotos, auf denen Hertha Hurnaus ihren Assistenten abgelichtet hat, werden die unglaublichen Dimensionen der unterirdischen Räume erst fassbar.
Interessant, dass aus der Erbauungszeit ein einziges historisches Foto des Luftmischraums aus knapp vor 1900 gefunden werden konnte. Durchaus erstaunlich, wurden doch in den ausgiebigen Fotodokumentationen jeder Baustelle an der Ringstraße, die technischen Details stets ausgenommen.

Der Luftbrunnen unter dem k.k. Hof-Burgtheater (1874-1888), Foto: Hertha Hurnaus, Fotoserie 2019-2020
In den Kellertiefen der k.k. Universität (1874-1884), Foto: Hertha Hurnaus, Fotoserie 2024-2025

Von den Zeugen ingenieurtechnischer Intelligenz

Neben Gabriele Kaiser, die u.a. mit ihrem Text „Gebäude-Beatmungs-Systeme“ auf die faszinierende Thematik der Lufthygiene eingeht und Maik Novotny, der sich den teils phantasievollen sprachlichen Erfindungen der Begrifflichkeiten im Industriezeitalter widmet, gehen noch weitere Autor:innen dem Phänomen auf den Grund. Gerard Murauer etwa erzählt von der Entstehungsgeschichte des nach 1588 entstandenen sternförmigen um Wien verlaufenden Befestigungssystems mit Stadtgraben und Glacis. Bei der Errichtung der Ringstraße sei man unentwegt auf Relikte früherer Um- und Rückbaumaßnahmen gestoßen, sodass etwa die Fundamente des monumentalen Rathauses wesentlich tiefer ausgeführt werden mussten als geplant. So zeigt ein Foto die damaligen Sondierungsgrabungen auf der Suche nach dem Verlauf der alten Burgbastei. Auch erfährt man so Einiges Erstaunliches über die Nutzungen des Glacis, „wo es große Holzlagerstätten des Militärs gab und die Erzeugung von Salpeter – eine wichtige Ausgangssubstanz für Schießpulver – erfolgte. Ein buchstäblich zum Himmel stinkendes Gewerbe, das niemand in der Stadt haben wollte“. Ein interessanter Beitrag von Maya McKechneay über neue Bauweisen und Materialien, die in der Ringstraße Einzug gehalten hatten, erzählt auch vom berühmten Brand des Ringtheaters bei dem 386 Menschen umkamen. „Ursache war ein technischer Defekt. Gas war in die Beleuchtungskörper hinter den Kulissenelementen geströmt. Doch die elktropneuamtische Zündung hatte versagt. Als der Funke schließlich übersprang, hatte sich bereits derart viel Gas hinter dem Bühnenvorhang gesammelt, dass es zur Explosion kam.“ Die Ursache der Katastrophe lag in der Bauweise des gefährlich schmal errichteten Baus. „Der Großteil der Opfer war auf den billigen Plätzen in der schwer erreichbaren Galerie gesessen. Die „ganz oben“ stammten in diesem Fall aus der Unterschicht“, schreibt McKechneay. Das nachfolgend an dieser Stelle errichtete Sühnhaus hatte zwar einen Dachstuhl aus Eisen und einen 1906 eingebauten elektrischen Personenaufzug, allerdings war auch dieser nur für die wohlhabenden Bewohner:innen gedacht, Dienstboten mussten Holz oder Kohle über die Stiegen schleppen. „Insofern spiegelt auch diese „Maschine“ die Prioritäten ihrer Zeit“, schreibt sie.
In seinem Beitrag „Lob der mittleren Technologie“ weist Friedrich Idam auf den anlässlich der Wiedereröffnung des österreichischen Parlaments im Jänner 2023 bemühten Vergleich des technologischen Zustands des alten und generalsanierten Gebäudes mit einem Steyr 15er-Traktor und einem Tesla. „In diesem Zusammenhang steckt neben ihrer Treffsicherheit auch eine Abwertung der im Rahmen des Umbaus zum größten Teil überformten historischen technischen Ausstattung,“ wie Idam bedauernd formuliert, ein Vergleich – wie er weiter schreibt – der sich sehr gut „als Einstieg in die Thematik der historischen mittleren Technologie in den Eingeweiden der Prachtbauten an der Wiener Ringstraße“ eignet. „Mittlere Technologien wie Steuerungen mit Kurbeln und Handrädern stehen für einen dritten Weg zwischen Low-Tech und High-Tech und bleiben immer noch verständlich (…). „Das macht“, so Idam weiter, „bis heute den Reiz und die Anmutung dieser eisernen Konstruktionen aus.“

Maschinenräume, Hinter der Kulisse der Wiener Ringstraße, Hg.: Hertha Hurnaus, Gabriele Kaiser, Maik Novotny, Fotos: Hertha Hurnaus, Textbeiträge: Hertha Hurnaus, Friedrich Idam, Stefanie Jovanovic-Kruspel, Gabriele Kaiser, Maya McKechneay, Gerhard Murauer, Andreas Nierhaus, Maik Novotny, Grafik: Willi Schmid. Album Verlag, Wien 2025, 272 Seiten, 21 x 26,5 cm, 42€
ISBN 978-3-85164-219-3

Das auch stimmig und klar gestaltete Buch widmet sich der dem Publikumsverkehr entzogenen technischen Seite der Ringstraßenbauten – den Luftmischräumen, Kuppelkonstruktionen, Lüftungsanlagen, Kellerlabyrinthen, Dachböden, Verbindungsgängen, samt ihrer Hebel, Räder, Ketten, Klappen oder Rohre. Im Mittelpunkt stehen also die Zeugen ingenieurtechnischer Intelligenz und Erfindergeists. Dabei ist wichtig zu betonen, dass einige der hier dokumentierten Räume zwischenzeitlich nur mehr als Fotografien vorhanden sind. „Das macht dieses Buch auch zu einem Zeitdokument der Technikgeschichte und zu einem Reservoir atmosphärischer Erinnerungsarbeit“, wie Kaiser und Novotny in ihrem Vorwort schreiben.

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