Das Hotel Gilbert im 7. Wiener Gemeindebezirk steht im privaten Eigentum der Familie Kleindienst und versteht sich als offenes Haus. Sein Motto: lässiger urbaner Luxus. Ein Hauptfokus gilt dem Konzept der Nachhaltigkeit. Das zeigt sich nicht nur in der Hotelküche, sondern auch an seiner grünen Fassade.
Im dicht bebauten Bezirk springt die begrünte Fassade des Hotel Gilbert ins Auge. Bloß optischer Aufputz oder tatsächlich für das Klima wirksam? Für sie zeichnet das Wiener Büro BWM verantwortlich, dass sich längst für seine einfühlsamen und stimmigen Hotelkonzepte international einen Namen gemacht hat. „Jeder soll es sich leisten können, zu uns zu kommen. Wir wollen den Spaß und die Freude, die wir bei unserer Tätigkeit haben, nach außen vermitteln“, erzählt die Hoteldirektorin Astrid Kahl-Schaban. Anlass genug, eine kleine Runde einzuladen, um darüber zu sprechen, wie man die Stadt oder zumindest sein unmittelbares Umfeld nachhaltiger und grüner machen kann. Diesem Thema, widmete sich Ende letzten Jahres die erste Gesprächsrunde der neuen jährlich geplanten Veranstaltungsreihe „Baudialog“ unter dem Titel „Stadtbegrünung – Wunsch und Wirklichkeit“. Initiiert von Hotel Gilbert und BWM Designers & Architects, moderiert von der Architekturpublizistin Franziska Leeb, möchte man man Themen anstoßen und ins Gespräch bringen.
Die Teilnehmer:innen dieser erste Ausgabe – Erich Bernard (BWM Designers & Architects), Kurt Kleindienst (Hoteleigentümer), Markus Reiter (Bezirksvorsteher des 7. Bezirks), Ulrike Pitha (Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau) sowie Gastronom Simon Xie Hong diskutierten über die Rolle von Gebäudebegrünungen in der Stadt. Welche technischen, finanziellen, bürokratischen, politischen und alltäglichen Herausforderungen damit einhergehen und was dies für architektonische Gestalt, die Praxis der Architektur und das Stadtbild bedeuten mag, standen im Mittelpunkt dieser ersten Runde.

Eine Grünfassade ist aufwendig
2017-18, als die notwendig gewordenen Renovierungsarbeiten des Hauses begannen, hatte man beschlossen, auch die vielzitierte Nachhaltigkeit miteinzubeziehen und begab sich gemeinsam mit dem Büro BWM Architekten auf eine faszinierende Reise, wie Hoteleigentümer Kurt Kleindienst betont. Die Umsetzung einer begrünten Fassade war getragen vom gesamtgestalterischen Konzept, das Haus von innen heraus in eine Grünlandschaft und damit in ein großes grünes Wohnzimmer zu verwandeln.
„Ein Hotel profitiert von der Stadt, von Stephansdom, Schloss Schönbrunn oder einem guten Stadtmarketing, von allen Investitionen in das Stadtbild also. Aber was kann nun ein Hotel der Stadt zurückgeben?“, die Beantwortung dieser Frage stand am Beginn des architektonischen Konzepts, erzählt Erich Bernard. Neben Lobby, Restaurant oder Bar, die jedem offen stehen, würde auch die Fassade von der Öffentlichkeit wahrgenommen. „Die ursprüngliche eher anonyme Fassade des Gilbert zog aber kaum Aufmerksamkeit auf sich, so haben wir beschlossen, deren Gestaltung neu zu denken und sie zu begrünen“ – gemeinsam mit dem Hausarchitekten Sebastian Einböck und der Landschaftsplanerin Liz Zimmermann. Das Besondere: es sollten lebende Pflanzen sein. „Wenn man sich aus dem Fenster lehnt, soll man Erdbeeren pflücken können – wünschte sich Liz Zimmermann“, erzählt Bernard.
Fassadenbegrünungen waren vor rund 10 Jahren noch längst keine Selbstverständlichkeit. Einer, der dazu beigetragen hat, dass städtisches Grün durch private Initiativen profitieren kann, ist Gastronom Simon Xie Hong. Vor seinem Lokal in der einst tristen Wehrgasse begann er auf dem engen Gehsteig Pflanzentöpfe aufzustellen. „Die Gasse machte depressiv. So habe ich mir diesen kleinen Ungehorsam erlaubt, denn diese Aktion im öffentlichen Raum wäre behördlich zu genehmigen gewesen“, erzählt er von seiner mutigen Geste. Schnell folgten ihm auch Anrainer:innen und im Nu entstand eine Grüne Meile, die von der Behörde geduldet wurde.
Solchen Initiativen wohne eine große Motivation inne, selbst gegen Widerstände, bestätigt Bezirksvorsteher Markus Reiter, denn sie täten den Menschen gut. „Wir müssen Natur in der Stadt ermöglichen, damit sie weiterwachsen kann und sichtbarer wird“, so Reiter. Angesichts der Überhitzung sei es unumgänglich, in die Klimawandelanpassung zu investieren, in einen Weg, den die Stadt mit der Attraktivierung des öffentlichen Raums längst beschreite.

Der Benefit
Wie wirksam sind kleine Privatinitiativen und große, technisch aufwendige und pflegeintensive Projekte? Und können sie tatsächlich zu einer Verbesserung beitragen? „Jede auch minimale grüne Infrastruktur kann einen Benefit für das Ökosystem bringen“, sagt Ulrike Pitha. Beschattungen seien dabei ebenso Thema, wie Pflanzenstrukturen, die das Mikroklima kühlen, und damit Biodiversität, Lebensraum für Pflanzen und Tiere schaffen, aber auch den Menschen ein Gefühl des Wohlfühlens vermitteln. „Menschen fühlen sich im Grünen wohl. Das ist messbar, dokumentiert und nachvollziehbar. Und wenn wir das Grün in unseren städtischen urbanen Lebensraum verstärkt einbringen, haben wir eine Vielzahl an Benefits“, so Pitha.
Das Hotel Gilbert hat nicht nur an seiner Fassade viel Grün zu bieten: Unterschiedliche grüne Strukturen, Baumpflanzungen, kleine grüne Pocket Parks, begrünte Dächer und Terrassen also viele grüne Bausteine tragen zur Gesamtwirkung bei, betont die Hoteldirektorin. Aber man müsse Machbares den Standortgegebenheiten entsprechend abklären und fachlich fundiert entscheiden, was möglich und sinnvoll sei, und den finanziellen Rahmen definieren. Kurt Kleindienst sieht sein grünes Hotel als Pionierprojekt. „Es geht um die Chance, etwas Neues zu wagen, um zukunftsträchtige Überlegungen, die einfach notwendig sind wie die Kühlung des Stadtraums. Wir wollten keine Marketingstrategie, sondern haben uns für Mut und Ausdauer entschieden“. Fassadenbegrünung und extensive Dachbegrünung mit Kräutergarten erforderten im Frühjahr eine komplexe Pflege. „Aber wir haben auch vier Aufzüge, die gewartet werden müssen. Den hohen Pflegaufwand der Begrünung nehmen wir also gerne auf uns. Es ist allein schon wunderbar zu sehen, dass Passant:innen stehen bleiben und die Fassade fotografieren“.

Eine Frage der Haltung
„Das Verlangen der Menschen nach Grün in der Stadt ist gewachsen. Ich wohne ums Eck von Simon und erinnere mich, an die damaligen Diskussionen über seine Initiative. Selbst bei uns im Büro hieß es, das wird schnell verboten werden. In dem Umfeld sind wir gestartet“, lässt Bernard die Ausgangssituation Revue passieren. Manchmal passiere es, dass BWM einer Bauherr:in attraktive Pflanzen vorschlagen, um ein Interiorkonzept zu bereichern, denn das verändere einen Raum nicht nur visuell sondern auch klimatisch. Und doch sähen Auftraggeber:innen oft nur die rein visuelle Ebene. „Pflege ist natürlich intensiv, oft wird das im Budget nicht vorgesehen und dann kommt der Vorschlag, doch einfach Plastikpflanzen aufzustellen – das erkenne sowieso keiner“, ergänzt Bernard und unterstreicht die Frage von Echtheit und Haltung. „Es ist wesentlich, umzudenken. Möbel müssen ja auch geputzt, Pflanzen eben gegossen werden, das muss in Zukunft selbstverständlich werden“. So wäre 2006 Xie Hongs Aktion eine Botschaft gewesen, die dem Ort einen Mehrwert bescherte, und damit eine Haltung widerspiegelte: „Als ich damals in der Wehrgase erste Pflanzen aufgestellt habe, galt ich als halb kriminell, heute ist es eine Kraft, die mittlerweile auch von der Gesellschaft ausgeht“.
2018, als das erste städtische Begrünungskonzept in der Zieglergasse ungesetzt wurde, war ein extrem heißes Frühjahr. „Es war spürbar, dass sich das Klima verändern würde und wir beschlossen, Bäume in die Stadt zu bringen und mithilfe konsequenten Vorgehens das Mikroklima zu beeinflussen“, so Reiter. Die Entscheidung, dafür 50 Parkplätze zu streichen, hätte damals niemand diskutiert. „Diese Veränderung zu begleiten, ist mein Job“, betont der Bezirksvorsteher. „auch wenn die Investitionen hoch sind, denn es bedeutet einen Mehrwert für uns alle“.

Maximales Grün
„Stauden, Gräser oder Kleingehölze für wandgebundene Fassadenbegrünungen, wie jene des Gilbert werden in der Gärtnerei vorkultiviert. Sobald sie aber an die Fassade kommen, ist diese sichtbar grün. Eine weitere Möglichkeit sind hingegen Bodengebundene Fassadenbegrünungen wie Kletterpflanzen, die nur zwei, drei Meter Trieblänge haben, und maximal zwei bis drei Meter pro Jahr, ohne sofortigen Begrünungseffekt“, merkt Susanne Pitha an. Eine noch langfristigere aber effektive Lösung seien Bäume. Sie lebten 10-15 Jahre in der Baumschule, und müssten sich erst an einem neuen Standort gewöhnen. „Ein 5 Meter hoher Jungbaum hat noch keine ausgebildete Krone. Man muss also sehr vorausschauend arbeiten, denn den gewünschten Effekt erreicht man erst in 10 bis 30 oder mehr Jahren“. Auch eine Vertikalbegrünung sei aufwendig, viele Vorgaben seien zu berücksichtigen, auch den Brandschutz. Geschoßhöhen wären dabei ebenso von Bedeutung wie der Brandüberschlag, hierfür sei es auch wichtig und im genehmigungsbescheid verpflichtend, Pflanzen vital zu halten.
Um unmittelbar mehr Effekt zu erzielen, hat die Stadtverwaltung beschlossen, möglichst große bis zu 25 Jahre alte Bäume zu pflanzen. Die klimatischen Bedingungen würden bei Bäumen, die aus der Baumschule in den Straßenraum wechseln, allerdings großen Stress verursachen, sodass es 5 bis 10 Prozent der neu gepflanzten Bäume oft nicht schaffen würden, die ersten Jahre zu überleben. Jene, die sieben oder acht Jahre überdauert haben, reichten aber heute bereits bis in den dritten Stock. Möglich wurde dies, wie Reiter betont, „weil Baumscheiben und Beete größer und tiefer sind, bis zu 1,80 m im Gegensatz zu einst mit 90 cm Tiefe und mittlerweile fix bewässert werden“.


Die richtige Richtung?
Laufen manche Maßnahmen in die falsche Richtung? Klimaanlagen für jeden Gemeindebau, wie es letzten Sommer hieß, würden den öffentlichen Raum weiter aufheizen und würden ein Gegensteuern weiter erschweren. „Manches dauert länger, bis es verstanden wird, bis Sicherheit und Regelungen da sind, an denen man sich orientieren kann. Die Vertikalbegrünung entstand um 2000 mit dem Franzosen Patrick Blanc als Initiator, seitdem wurde die wandgebundene Fassadenbegrünung stetig weiterentwickelt“, erinnert Pitha. Sie erklärt, dass eine europäische Gartenleiterkonferenz, an der sich verschiedene Gartenämter über die einzusetzenden Zukunftsbäume beraten, jährlich eine neue Baumliste erstellt würde, die entsprechend den Erfahrungen unterschiedlicher Städte und Regionen, neue Arten und Sorten beinhalte. Daraus gingen auch Züchtungen und resistente Bäume wie der Japanische Schnurbaum, Gleditschie oder Zürgelbaum hervor. Aber alle Gehölze brauchten jedoch Zeit, sich zu entwickeln. Die Erfahrung zeige, was funktioniere und, dass der Prozess nur langsam voranschreiten könne, denn eine heute für passend befundene Gehölzart, die in 50 Jahren gut funktionieren könnte, müssten Baumschulen erst einmal heranziehen – auch das brauche Zeit.
„Es gehe darum, Parks als Grünraum miteinander zu verbinden, vertikale Hausbegrünungen und begrünte Dächer einzubeziehen, um Lebensraum für Flora und Fauna zu schaffen. Aber wir sind noch in den Startlöchern“, so Reiter. „Laut WWF liegt ein Viertel der Ökosystemflächen in Europa im urbanen Raum, jeder Beitrag ist also wichtig, um diese zu erhalten“.


Wie kann es weitergehen?
Die Architektin Sigrid Mayer meldet sich besorgt aus dem Publikum: „Klimatische Veränderungen schreiten rasant voran, gleichzeitig werden Begrünungs- oder Entsiegelungsmaßnahmen in der Stadt nur langsam umgesetzt. Wir haben etwa das Meidlinger L-Rankregal an der Schnittstelle von privaten Wohngebäuden zu öffentlichem Raum entwickelt. Private Eigentümer:innen wollten einen Beitrag leisten und mitfinanzieren. Nun wurden kurz vor der Einreichplanung städtische Förderungen zurückgenommen. Wie soll es nun weiter gehen?“ Diese Sorge teilt Bezirksvorsteher Reiter: „Die Finanzstadträtin hat beschlossen, Förderungen für Klimawandelanpassung gerade im öffentlichen Raum auf null zu setzen. Bezirke sind damit konfrontiert, nichts mehr tun zu können oder selbst finanzieren zu müssen“. Ein Baum mit fix bewässerter Baumscheibe koste aktuell bei 40 bis 50.000 Euro – ohne Schwammstadtprinzip. Unter der Erde brauche es entsprechend viel Platz, erklärt Reiter. Oft stünden aber Infrastrukturleitungen im Weg. „Wir wollen dekarbonisieren und begrünen, und die Gasleitung hindert uns daran! Schutzverrohrungen sind teuer. Selbst der Umbau der Gumpendorferstraße ist abgesagt, eines von drei Pioniergebieten für Raus aus Gas“, merkt Reiter durchaus kritisch weiter an. Der politische Wille für eine voranschreitende Begrünung des öffentlichen Raums sei dennoch groß. So sind mittlerweile 20 Prozent Pflichtfassadenbegrünung im Neubaubereich bei einer Gebäudehöhe von 21 Metern anzuwenden.
Das Hotel Gilbert gilt in all seiner Komplexität als Leuchtturmprojekt. Und im Mittelpunkt stehe das persönliche Engagement der Auftraggeber:innen ebenso wie der Wille, die Pflege zu begleiten.
Mit der Fassadenbegrünung wolle man einen Beitrag leisten in der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft in der Stadt. Und dies sei der richtige Weg, merkt Kurt Kleindienst abschließend an. „Und wenn man zur Umsetzung auch noch die richtigen Partner findet, wie in unserem Fall, dann kann man ein, wenn auch kleines Zeichen setzen, das aber wachsen kann, und wenn das geschieht, haben wir gesellschaftlich ein Ziel erreicht“.
Die Gesprächsteilnehmer:innen
Ulrike Pitha ist Landschaftsarchitektin und Leiterin der Arbeitsgruppe Vegetationstechnik an der Boku Wien beschäftigt sie sich u.a. auch mit Oberflächenbefestigungskühlung und Grünfassaden.
Seit 2017 ist Markus Reiter Bezirksvorsteher im siebten Bezirk. In seine Amtszeit fällt der Ausbau der Kühlen Meile in der Zieglergasse, Neubaugasse, Zollergasse.
Der Gastronom Simon Xie Hong ist eigentlich ausgebildeter Mediziner. Das Interesse um das Wissen darüber, was gutes Essen bewirken kann, wurde er Gastronom. Sein erstes Lokal war das On in der Josefstadt, später übersiedelte er nach Margareten in die Wehrgasse und eröffnete 2011 die Chinabar in der Burggasse. Er ist ein wenig der Pionier des Urban Gardening, mit dem er 2006 mit Guerilla Gardening in der Wehrgasse startete.
Kurt Kleindienst ist Hotelier. Seine Familie ist Eigentümerin des Hotel Gilbert, die Geschäftsführung hat er zwar an die nächste Generation übergeben, aber er ist der Mastermind hinter der Grünfassade.
Der Architekt Erich Bernard ist Mitbegründer des Architektur und Designbüros BWM Architekten. 2004 gegründet besteht es mittlerweile aus einem Team von 70 Personen und ist spezialisiert auf das Bauen im Bestand sowie auf Hospitality und Retailprojekte.
Der Baudialog Nr.2 ist für den 28. Mai 2026 im Hotel Gilbert geplant.
www.hotel-gilbert.at






