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Die Architekt:innen Barbara Reiberger-Calas und David Calas vor der von ihnen erworbenen Textilfabrik Hirschbach, NÖ Foto: Sven Wuttej

Die Architekt:innen Barbara Reiberger-Calas und David Calas vor der von ihnen erworbenen Textilfabrik Hirschbach, NÖ Foto: Sven Wuttej

in gespräch

Zurückgeholt ins Leben

Christine Müllervon Christine Müller
4.02.2026

Die reiche 400-jährige Textilgeschichte im nördlichen Waldviertel lässt sich an deren einst zahlreichen Produktionsbauten ablesen. Heute stehen die meisten davon leer oder kurz vor ihrem Abriß. Die Architekturschaffenden Barbara Reiberger-Calas und David Calas begaben sich auf Spurensuche nach dieser baulichen Vergangenheit und erwarben die einstige Textilfabrik Hirschbach, um den Versuch einer Wiederbelebung zu wagen.

„Dass Sie sich das antun!“ heißt es nicht selten, wenn die beiden von ihrem Projekt berichten. Vor allem auch im Ort selbst stießen sie vorerst auf Unverständnis – mittlerweile unterstützt die lokale Bevölkerung die Intention, dem langjährigen Leerstand wieder neues Leben einzuhauchen.

Woher kommt Euer Interesse für die Themen Leerstand und Ortskernentwicklung?
Wir sind als Architekt:innen viel im ländlichen Raum tätig und beraten Gemeinden, dabei sind wir immer wieder mit großvolumigem Leerstand konfrontiert. Da meine Frau Barbara in Hirschbach aufgewachsen ist, verspüren wir auch eine gewisse Betroffenheit.

Ihr habt das Ensemble der einstigen Textilfabrik im Ortszentrum von Hirschbach selbst käuflich erworben, um es aus dem Dornröschenschlaf zu holen.
Ja und als Eigentümer:innen leitet uns dabei ein gewisser Idealismus. Wir möchten das historische Gebäude, das im 19. Jahrhundert errichtet vor dem 1. Weltkrieg aufgestockt wurde, adaptieren und Wohnen, Kultur, Werkstätten, Gemeinschaftsräume oder Ateliers ermöglichen. Gerade entwickeln wir mit Interessent:innen Modelle, wie man hier gemeinschaftlich abseits des Einfamilienhauses wohnen kann.

Der Gebäudekomplex der ehemaligen Textilfabrik in Hirschbach besteht, eingebettet inmitten des Ortskerns, besteht aus Produktions- und Wohnräumen, Stall und Scheune sowie zwei Innenhöfen. Foto: Sven Wittej

Gibt es seitens der Einwohner:innen Interesse an einer Revitalisierung?
Wenn auch hier bereits mit den typischen „Toskana Häusern“ zugewidmet wurde, ist der Ortskern noch intakt und unser Vorhaben erfährt eine gewisse Wertschätzung im Dorf mit noch 580 Einwohner:innen.

Wie lange ist der Bau in so prominenter Lage denn überhaupt leer gestanden?
Es war ein Teilleerstand. 1966 wurden die Maschinen abgedreht. Bis Anfang der 1990ger Jahre hatte auf 40 Quadratmeter der 1.000 Quadratmeter großen Gesamtfläche der Besitzer gewohnt. In den Sommermonaten kam eine Schriftstellerin, auch sie bewohnte 40 Quadratmeter. Man spricht hier also von einer Fehlnutzung oder Unternutzung, daher fällt es in die Leerstandskategorie. Effektiv waren es 60 Jahre Leerstand. Weil wir Architekt:innen sind, erwartete man, dass wir abreißen und neu bauen, daher haben wir rasch kommuniziert, den Bestand erhalten zu wollen. Das uns 2021 zuerkannte Hans-Hollein-Projektstipendium hat es letztlich ermöglicht, die Studie „Textiles Erbe, aktive Zukunft“ zu erstellen und damit auch mehr über Hirschbach zu erfahren.

Über die Ergebnisse der Studie über den Leerstand der Textilfabriken in NÖ habt Ihr zu einer möglichen Nutzung der zum Teil sehr großvolumigen Bauwerke ein Ausstellungsprojekt mit zugehörigem Katalog erarbeitet. Mit welcher Intention?
Oft wird man bei Leerstandsaktivierung gleich einmal in eine sozioromantische Ecke gestellt. Aber das große Problem ist bereits die Leerstandserhebung selbst. Wenn man untersucht, welche Flächen und Kubaturen da zusammenkommen, ergibt das schnell eine städtebauliche Größe. Daher braucht es Impulse von oben, die diese Bewusstseinsbildung für großvolumigen Leerstand wiederherstellen – genau darauf fokussieren wir uns.

Ihr habt 10 leerstehende einstige Textilfabriken und einige Referenzbeispiele für eine mögliche „aktive Zukunft“ erfasst.
Die Erhebung war aufwendig, aber sehr hilfreich, um die Dynamik zu verstehen. Es wurde eine faszinierende, fast schon archäologische Arbeit, denn es gab keine Quellen, außer einer Publikation von Andrea Komlosy aus dem Jahr 1990 über das textile Erbe im Waldviertel. Ein möglicher zukünftiger Weg wäre es, Leerstandsaktivierung großvolumig in Angriff zu nehmen und auf städtebaulicher Ebene zu denken. Unter Berücksichtigung jener Themen, die am Land gerade viel debattiert werden: Wohnen, Aktivierung des öffentlichen Raumes, Leistbarkeit, Barrierefreiheit und Wohnen im Alter und junge Menschen wieder in Dorfkerne zurückzuholen.

Zu Spitzenzeiten waren in der weitläufigen Anlage der Anderlfabrik in Kleedorf 275 Personen beschäftigt. 2004 schloss das Unternehmen. Im Bild, der Gebäudekomplex mit Haupthaus. Foto: Sven Wuttej

Großvolumiger Leerstand wird aber nicht so einfach mit Leben zu füllen sein.
Nein, das ist schon eine größere Herausforderung. Es gibt in Niederösterreich zwei wirklich große Liegenschaften, die Anderlfabrik in Kleedorf, die als Lost Place europaweit bekannt ist, und die Adensamer Textilfabrik in Groß-Siegharts, direkt zwischen Schule und Pfarrhof gelegen mit an die 18.000 Quadratmeter innendörflichen Leerstands.

Es braucht gesetzliche Grundlagen auch in Form einer Anpassung der Bauordnung, die aktuell nur auf Neubau ausgerichtet ist.

Barbara und David Calas

Wie könnte man das Ergebnis Eurer Studie zusammenfassen?
Oft stehen großvolumige Komplexe innerdörflich leer. Es braucht die richtigen Impulse, die Strukturen sind meist sanierungsbedürftig und erfahren keine Wertschätzung. Es sind blinde Flecken im Dorf- oder Stadtbild. Wenn man sich in Kleinstädten die ungenutzten Handelsflächen ansieht, die aufgrund wachsender Zonen mit Shoppingcentern entstehen, sieht man, dass Leerstandsaktivierung zu kurz greift. Es braucht gesetzliche Grundlagen auch in Form einer Anpassung der Bauordnung, die aktuell nur auf Neubau ausgerichtet ist, weil man sich sonst immer nur in diesem beengenden Korsett bewegen kann.

Leerstand nimmt ja auch in der Stadt zu.
Das Problem von Leerstand ist im städtischen wie im ländlichen Raum präsent. Dorfstrukturen leiden, wenn Ortskerne veröden. Wir wollen versuchen, nicht nur die Gemeindevertreter, sondern auch viele Privatpersonen zu überzeugen, dass dieser Modus von Abriss und Neubau ein Ende haben muss. Leerstand braucht eine positive Konnotation und darf nicht mehr nur als hässlich abgetan werden. Die sich daraus ergebenden Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dennoch braucht es noch viel Bewusstseinsbildung.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet, vor dem 1.Weltkrieg aufgestockt wurde der Komplex unter anderem als Genossenschaftsgebäude für Heimwerker:innen genutzt. Foto: Sven Wuttej

Wie kann man Gemeinden allgemein das Thema nahebringen?
Über Beteiligungs- oder Stakeholderverfahren, in denen wir versuchen neue Nutzungen für leerstehende Bauten anzudenken und diese damit neuem Leben zuzuführen.

Werdet Ihr direkt von Kommunen beauftragt?
Durchaus. Und es gibt auch Förderungen, etwa beim Flächenrecycling, so ist es möglich Finanzierungen aufzustellen. Wir bemerken auch Wertschätzung seitens der Entscheidungsträger:innen, sodass auch hier finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das noch längst kein ertragreiches Business, aber wenigstens eine gewisse Abgeltung des Engagements.

Es braucht also mehr Sensibilisierung von Gemeinden und Bürgermeister:innen.
Die Dorf- und Stadterneuerung ist stark aktiv. Immer mehr Kommunen ist es mittlerweile bewusst, dass mehr passieren muss. Wir haben ein spezielles Knowhow zur Wiederbelebung von Leerstand aufgebaut, sodass uns Gemeinden auch proaktiv ansprechen. Dabei ist man zu Beginn mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes und oft mit bereits von der Gemeinde in Auftrag gegebenen alternativen Entwicklungsszenarien, meist auf der grünen Wiese, konfrontiert. Am Beginn steht daher eine Bestandsaufnahme. Wir nehmen Themen wie Mobilität, öffentlicher Raum, Bestandsabbruch aus der parteipolitischen Sphäre heraus, um überhaupt über Inhalte sprechen zu können und erarbeiten ein vorläufiges für die Gemeinden leistbares Positionspapier. Daraus folgen Schritte, die separat beauftragt und auch von anderen Büros wie der Regionalplanung übernommen werden können.

Auf 800 Quadratmetern Innenraum mit Produktions- und Wohnräumen, Stall und Scheunen sowie 1.400 Quadratmeter Innenhöfe wurde produziert, gewohnt und landwirtschaftlicher Nutzung nachgegangen. Foto: Sven Wuttej

Wie schwierig ist es, den Konsens im Gemeinderat zu erreichen?
Man setzt einen übergeordneten Handlungsrahmen fest, mit Empfehlungen, an die sich die Gemeinde halten kann. Die Vielschichtigkeit von Problematiken zu handhaben ist aber ein Kraftakt, der oft nicht in einer Legislaturperiode möglich ist. In jenen Gemeinden, mit denen wir gearbeitet haben, wurde aber immer die absolute Mehrheit, manchmal sogar 100 Prozent Zustimmung auch der Opposition erreicht. Daran sieht man, dass die Themen eine Querschnittsmenge über alle politischen Parteien hinweg bilden. Mit Beteiligungsverfahren versuchen wir die Bevölkerung miteinzubeziehen bzw. deren Impulse aufzunehmen.

Solange Immobilienentwickler landwirtschaftliche Flächen auf Vorrat erwerben und auf Umwidmung warten, wird es schwierig. Man beklagt den Leerstand, macht Brachflächen Dialoge, spricht von Flächenrecycling etc. und forciert andererseits den Neubau auf der grünen Wiese wie im Donaufeld. Läuft das nicht in eine völlig falsche Richtung?
Die Bodenbevorratung auf kommunaler Ebene macht Sinn. Man hat einen gewissen Entwicklungsdruck und das wären dann die Ventile, die man bedienen kann, die auch gemeinnützig oder sozial entwickelt werden und somit die Leistbarkeit gegeben ist. Weitaus problematischer sehe ich die Bodenbevorratung in privater Hand, weil es zum Spekulationsobjekt wird und die Finanzialisierung befeuert.

Die möglichen Nutzungen des Objekt der ehemaligen Textilfabrik Hirschbach soll partizipativ mit den Bewohner:innen von Hirschbach und Interessierten entwickelt werden. Foto: Christoph Kleinsasser

Und es gibt die Problematik der Zweitwohnsitze.
Durch Zweitwohnsitze entstehen oft Geisterdörfer, die nur zeitweise bewohnt sind. Dennoch können Zweitwohnsitze den innerdörflichen Bestand durchaus beleben und so das Häuschen auf der grünen Wiese vermeiden.

Aber auch die Einwohner:innen der Gemeinde selbst ziehen oft in das außerhalb des Ortskerns neu errichtete Einfamilienhaus, fahren mit dem Auto zum Einkauf oder ins Café in die Gewerbezone und die Ortskerne veröden.
Das ist der klassische Donut Effekt, alles zieht hinaus und im Loch in der Mitte des Donuts erodiert es. Diese Entwicklungen sehe ich als sehr kritisch, denn sie ziehen Probleme in der Sozial- und Gesundheitsinfrastruktur nach sich und das kostet letztlich die Gemeinde und auch uns als Gesellschaft viel mehr. Das wird anhand von Zuwidmungen gut sichtbar, die verstärkt in den 1980er und 1990er Jahren gegriffen haben, wo heute Menschen im dritten Lebensabschnitt in einer Wohnumgebung leben, die nicht barrierefrei ist.

Und zu groß dimensioniert, weil die Kinder ausgezogen sind.
Genau. Der Mikrozensus Wohnen (2023) zeigt, dass über 65Jährige in Österreich auf 89 Quadratmetern wohnen.

Aber wo setzt man an?
Wir haben uns im Rahmen eines Projekts der niederösterreichischen Wohnbauforschung die Frage gestellt, wie kann Wohnen für jene Menschen aussehen, die nicht unbedingt in einer Pflegestufe, aber bereits im dritten Lebensabschnitt angekommen sind. Wie kann man Eigentümer:innen motivieren, das Einfamilienhaus einer anderen, vielleicht jüngeren Familie zu übergeben und selbst in das Dorfzentrum zurück zu ziehen? Wir sind beispielsweise mit der Gemeinde Schweiggers im Bezirk Zwettl gerade dabei einen Leerstand in zentraler Lage direkt am Hauptplatz umzuplanen. Die Flächen sind in Gemeindebesitz und es sollen betreubare Kleinstwohnungen entstehen. Ins Erdgeschoß sollen Gewerbe in Form von kleiner Gastronomie sowie Gesundheitseinrichtungen einziehen.

Ein Potpourri an partizipativer Aktivierung, struktureller Instandsetzung sowie Aktivitätendiversität soll gebündelt werden.
Der Mix aus Arbeit und Kultur, der Esprit der Offenheit nach innen sowie nach außen sollen Impulse bieten. Fotos: Christoph Kleinsasser

Sehr sinnvoll, pflegedürftige Person im Ortszentrum anzusiedeln.
Und es entspricht jener Welle, die auf uns zukommt. Niederösterreich altert etwas schneller als der Rest Österreichs, bald wird hier ein Drittel der Bevölkerung über 65 sein. Man lebt immer länger auch geistig aktiv, aber oft mit physischen Beeinträchtigungen. Deswegen haben wir in Schweiggers auch mit dem Community Nursing Programm und mit Nachbarschaftshilfe Plus gearbeitet.

Allerdings je höher die Abwanderung, umso mehr Kosten muss die Gemeinde tragen. Wie kann es gelingen, betreutes Wohnen dennoch leistbar zu machen?
In unserem Fall handelt es sich um ein überschaubares Entwicklungsprojekt mit guter Bestandsstruktur. Ein Finanzierungsmodell wäre es die Grundsteuer, die seit über 50 Jahren nicht mehr aktualisiert wurde, zu erhöhen.

Wie kann man also dem grassierenden Problem des Leerstands entgegenwirken?
Man sollte vielleicht grundsätzlich die Frage stellen, ob es immer ein Pflegeheimneubau sein muss oder man nicht in einem Leerstand barrierefreie Wohneinheiten zur Verfügung stellen und dadurch ein bisschen dieser Problematik „Abriss vs. Neubau“ entgegenwirken kann. Das könnte der Vereinsamung der Menschen in großen Wohnungen bzw. diesem Donut Effekt entgegenwirken, und Anlass sein, wieder ins Dorfzentrum ziehen zu wollen.

Immobilienspekulation, Bodenverbrauch, Ressourcenverschwendung, Klimawandel. Eine ganze Menge an Problemen, die gelöst werden müssen.
Mit der Leerstandsnutzung sparen Gemeinde wie Eigentümer:innen Aufschließungskosten. Und mit Fördertöpfen für Sanierungen würde man Kosten beim Umbau oder für das Weiterbauen im Bestand sparen und weniger Boden verbrauchen, wofür uns kommenden Generationen danken werden.

In Eurer Publikation schreibt Ihr von lokalen und leisen Potenzialen. Was gehört dazu?
Die lokalen Potenziale sind beispielsweise durch die Anbindung des kleinen Dorfes Hirschbach (die Textilfabrik) an Wien mit öffentlichen Verkehrsmitteln gegeben, über die Franz-Josefs-Bahn, die immer schon die Textilfabriken miteinander verbunden hat. Es gibt also eine grüne Anreise, für die man von Wien nach Hirschbach zwei Stunden braucht und geht sieben Minuten zu Fuß zur Fabrik. Ausserdem hat sich Hirschbach der Kultur verschrieben, die hiesige Kulturwerkstatt veranstaltet Events mit bis zu 1.000 Besucher:innen. Es gibt Vereine, die eine Freibadanlage mit Naturteich und Tennisplätzen betreiben, einen Karpfenteich, zwei kleinere Gastrobetriebe, einen Nahversorger im Ort und einen Pfarrhof. Es ist also ein Dorf, in dem die Sozialinfrastruktur noch weitgehend intakt ist.

Und die leisen Potenziale?
Die liegen in der sehr natürlichen, leisen also ruhigen Umgebung, als Gegenentwurf zum lauten urbanen Raum und darin, dass sich die Menschen noch umeinander sorgen und kümmern. Ein Zusammenspiel, das für Lebensqualität steht.

Die Frage ist auch wie man Menschen wieder zurückholt oder andere dafür interessiert?
Diese Vielschichtigkeit, muss man bedienen, wenn man Altbestandsaktivierung in Angriff nimmt. Das ist kein leichtes Unterfangen. Auch wir lernen stets dazu, trotz unseres starken kulturellen persönlichen Bezugs zum Dorf. Aber es ist auch ein Experiment.

War für Eure Beschäftigung mit den brachliegenden Textilbetrieben generell Euer familiärer Bezug zur Region ausschlaggebend?
Ja, dabei war die hiesige Herkunft meiner Frau natürlich die treibende Kraft. Wir haben uns schon immer gefragt, wie es sein kann, dass der zweitgrößte Bau im Dorf nach dem Pfarrhof schon so lange leer steht? Ich bin in Südtirol aufgewachsen, wo es eher die umgekehrte Problematik gibt. Dort lastet auf den Gemeinden ein Riesendruck, weil die besiedelbare Fläche in Südtirol sich im Tal konzentriert und damit bei 6 Prozent liegt, in Niederösterreich sind wir bei zirka 60 Prozent (Dauersiedlungsraum).

Die einstigen Fabriksbauten sind stille Zeugen der einst reichen Textilindustrie des nördlichen Waldviertels und warten auf ein neues Leben. „Lost Place“ Anderlfabrik, Kleedorf Foto: Sven Wuttej

Wenn auch hier Menschen abwandern, wird es weniger Wohnfläche brauchen, oder?
Anscheinend braucht es Wohnfläche, die Nachfrage ist da, obwohl privat so viel Boden bevorratet wurde und viele Einfamilienhäuser gebaut werden. Der Bodenfraß geht also weiter, hauptsächlich für Wohnraum.

Wie kann man es den Menschen schmackhaft machen, hierher zu ziehen?
Mit eigenem Wohnraum und günstiger Miete. Man könnte leistbar mit einer Startwohnung beginnen, hätte Gemeinschaftsflächen, Grünflächen, eine gute Verkehrsanbindung. Diese ideale Mischung aus Privatheit und Gemeinschaft hat Zukunft.

Dennoch träumen die meisten vom eigenen Haus mit Garten.
Der Traum vom Einfamilienhaus ist so tief verwurzelt. Diesen kulturellen Prozess zu ändern, braucht sicher noch 20 oder 30 Jahre. Aber wir merken es in den Anfragen – und es sind nicht nur Akademiker, die sich den Wohn- oder Zweitwohnsitz am Land leisten wollen oder können – dass die Sensibilität für Bestandsstrukturen zu steigen beginnt. Wenn es positive Beispiele gibt – wie unser Projekt der Textilfabrik Hirschbach, für die wir Bewohner:innen suchen – dann tritt ein Nachahmungseffekt ein. Wir haben jedenfalls die Hoffnung, hier punktuell etwas zu initiieren.

Die Textilfabrik Hirschbach sucht Bewohner:innen: www.dietextilfabrik.at

Die Ausstellung Wertvolles Erbe / Aktive Zukunft ist noch bis 20 März 2026 zu sehen.
Ort: Bundesministerium BMLUK (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft), Foyer, Stubenring 1
werktags 10:00 bis 16:00 Uhr
Anmeldung zum Ausstellungsbesuch erforderlich (Kurator:innenführung erst bei mind. 3 Anmeldungen) per Mail an: info@dietextilfabrik.at

Ausstellungskatalog Textiles Erbe / Aktive Zukunft, Über unsichtbare bauliche Strukturen der Waldviertler Textilindustrie, verborgene Potenziale, vermisste Wertschätzung sowie umsetzbare Ausblicke.
Herausgeber: die Textilers – Arbeit, Kultur und Urlaub OG, Hirschbach 2022
ISBN 978-3-200-08386-8

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