„Ein Vierteljahrhundert vergeht so schnell, als hätten wir eben erst damit gestartet“, sagt Elke Rauth. Die Zeitschrift dérive feiert 2026 ihr 25-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass haben wir die Herausgeber:innen Elke Rauth und Christoph Laimer zum Gespräch getroffen.
Vor 25 Jahren beschloss eine kleine Gruppe von Personen aus unterschiedlichen Wissensbereichen, eine Zeitschrift zu gründen, die man selbst auch gerne lesen wollte, zu Themen, die es sonst nirgends gab, wie Christoph Laimer, einer der dérive-Gründer erzählt. „Alle sollten ihr Know-How aus Planung, Architektur, Soziologie oder Politik einbringen, um darüber zu schreiben. Das war unsere Idee“, erzählt er. „Ich war damals auch sehr interessiert an der Situationistischen Internationale, eine Pariser Kunst-Avantgardegruppe der 1950-1960er Jahre, die eine aus dem Dadaismus bekannte Tradition des Stadt-Flaneurs verfolgte und sich politisch wie künstlerisch mit dem Thema Stadt auseinandersetzte. Von ihr habe ich schließlich diesen Begriff „Dérive“ übernommen, was so viel bedeutet, wie umherschweifen“, führt Laimer weiter aus. Mit dérive wollte man sich die Stadt auf gewisse Weise aneignen, sich ihr aussetzen, sich durch unterschiedliche Disziplinen treiben lassen. Architekturzeitschriften gab es damals genug, also wollte man ein Zwischending, ein Medium mit tiefgehender, seriöser Auseinandersetzung, es sollte aber kein akademisches Journal werden, denn auch davon gab es zu der Zeit, zumindest im englischen Sprachraum, ausreichend zu finden. „Wir alle hatten vor der Gründung von dérive bereits für Zeitschriften geschrieben und waren gewohnt, das ehrenamtlich zu tun. Nun verspürten wir große Lust, selbst eine Zeitschrift zu machen“, erinnert sich Christoph Laimer. „Aber wir wollten kein klassisches Medienprodukt mit Zielgruppenanalyse und Businessplan“.

Die Stadt als gemeinsamer Nenner
So gründete man im Jahr 2000 den Verein dérive, eine internationale Stadtforschungs-Plattform an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Aktivismus. Das Ziel der „Initiative zur Verwirklichung einer urbanen Gesellschaft“ wurde die Vermittlung gesellschaftsrelevanter Fragestellungen zum urbanen Raum mit Mitteln und Methoden von Wissenschaft und Kunst. Unter einem multiperspektivischen, interdisziplinären und gesellschaftskritischen Ansatz entstehen seither Beiträge zu Architektur, Stadt-, Raum- und Landschaftsplanung ebenso wie zu Geografie, Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften oder Ethnologie, Philosophie, Kunst und Ökonomie. Der gemeinsame Nenner aller beteiligten Disziplinen ist das Thema „Stadt“, in dem sich alle wiederfinden. „Für mich aus der Politikwissenschaft war es interessant, weil ich das Gefühl hatte, dass in der Stadt gesellschaftspolitische Entwicklungen viel frühzeitiger sichtbar sind. Etwa politische Themen wie Wohnen, Migration, Ökonomie oder die Nutzung des öffentlichen Raums“, so Laimer. „dérive entsprang letztlich dem gemeinsamen Interesse für aktuelle Themen. Das EU-Projekt zur Umgestaltung des Wiener Gürtels etwa wurde gleich im ersten Heft berücksichtigt, die Diskussion über die geplante Öffnung von Gemeindebauten für Nicht-Österreicher:innen kam in die zweite Ausgabe“.
Man befasste sich mit aktuellen Themen, zu denen sich glücklicherweise auch relativ rasch Personen zu Wort meldeten, die ihre Mitarbeit anboten. Im Laufe der ersten ein bis zwei Jahre kamen viele Autor:innen hinzu, manche sind bis heute Teil der Redaktion oder des Redaktionsumfelds geblieben. „Menschen, die sich regelmäßig einbringen und es uns ermöglichen, eine Expertise in vielen unterschiedlichen Bereichen vorzuweisen“, hebt Christoph Laimer hervor.


Und wer sind die Leser:innen von dérive?
„Unsere Leser:innen interessieren sich politisch für die Stadtgesellschaft oder engagieren sich stadtaktivistisch für das Thema Wohnen, setzen sich in der Verwaltung mit aktuellen Diskussionen auseinander oder sind Studierende“, fast Elke Rauth zusammen, die ein wenig später zum Team dazustieß. „Unser Anliegen war es schon immer, lesbare Texte anzubieten, selbst wenn manche noch immer sagen, dérive wäre schwierig zu lesen. Aber unser Ziel ist es Wissen zu vermitteln“, sagt Laimer. Ein Merkmal von dérive, wie Elke Rauth anführt, sei eine kulturwissenschaftliche, ethnologische und soziologische Perspektive auf die Stadt. „Ich denke, genau das schätzen die Leser:innen unterschiedlicher disziplinärer Hintergründe auch daran. Seit Jahrzehnten diskutiert, wurde die Bedeutung von Interdisziplinarität mittlerweile erkannt und wird auf den Unis auch stärker gelebt. Vor 25 Jahren war das noch ein großer Wunsch“. Auch viele Künstlerinnen und Künstler, die im Bereich Stadt oder Urbanismus tätig sind, würden dérive gerne lesen. „Denn Kunst hat für uns seit jeher einen wichtigen Stellenwert. Wir sehen das als interessante Mischung, aus der sich ein anderes Bild ergibt als in einer rein monodisziplinären Zeitschrift“, präzisiert Rauth. Das aus der Praxis der Aneignung und Eigeninitiative erwachsene Wissen trifft in dérive auf die Forschung. Mittlerweile seien es 1.094 Autor:innen, die in all den Jahren für dérive schrieben – ein durchaus beachtliches Netzwerk an Menschen und Kontakten.
Die eigene Haltung gegenüber der Stadt
dérive steht mit seiner Auseinandersetzung mit Interventionen im Stadtraum auch für eine starke gesellschaftspolitische Ausrichtung und entsteht aus einer gewissen Haltung der Stadt gegenüber. „Diese Haltung heißt Empowerment, sie beinhaltet das Recht auf Stadt, auf räumliche Gerechtigkeit, auf gute soziale Wohnraumversorgung. All diese Themen, die für eine funktionierende Stadt notwendig und wichtig sind, sind auch uns besonders wichtig“, sagt Rauth.
Gehören auch Entscheider:innen etwa der Stadtverwaltung zu den Leser:innen von dérive?
„Durchaus“, bestätigen die beiden Herausgeber:innen. Zwar würden die Beiträge immer wieder auch mit einer gewissen Irritation wahrgenommen, aber die Zeitschrift finde ihren Weg in die Abteilungen der Stadtplanung und Planungsinstitutionen. „Wir sind uns bewusst, dass wir wirklich dicke Bretter bohren“, sagen die beiden. In Fragen von Stadtentwicklung, Stadtplanung, Teilhabe und Mitbestimmung der Bevölkerung gehe es stets um die Bereitschaft, Macht abzugeben und darum, wie dieses Abgeben vonstattengehen könne, um einer breiten Bevölkerungsgruppe eine Teilhabe an diesen Entscheidungen zu ermöglichen. Allerdings brauche es hierfür ein völlig anderes Verständnis von Politik und Planung, denn „ohne partizipative Verfahren geht es längst nicht mehr. Doch hierbei gibt es noch viel Luft nach oben, denn für die Stadt Wien bedeutet Partizipation eher Information. Beteiligung ist erwünscht, man darf Ideen abliefern, aber darüber, welche Ideen aufgenommen oder umgesetzt werden, entscheiden andere. In Berlin etwa gibt es den Volksentscheid, bei dem ein gewisses Quorum an Stimmen in einer entsprechenden Verteilung bindend ist“, meint Rauth weiter. „So gelang es etwa das Tempelhofer Feld in Berlin vor Verbauung zu bewahren – in Wien fehlt ein vergleichbares Instrumentarium“.
Der Wiener Stadtverwaltungsapparat und dessen Stadtpolitik gleiche einer riesigen Gemengelage mit vielen unterschiedlichen Personen, Magistraten, Aufgabenfeldern und Ansätzen. In der Stadtplanung sei man aber sehr fortschrittlich. Es gehe allerdings darum zu erkennen, mit wem man auch zivilgesellschaftlich Allianzen schließen könne, um Dinge voranzubringen. So seien die klimabedingte Transformation der Stadt sowie die Verkehrsorganisation existenzielle Fragen eines zutiefst sozialen Themas, das vor allem vulnerable Gruppen beträfe. Und Rauth ergänzt: „Es liegen Unmengen hervorragender Studien und Planungen in den Schubladen der Stadt und deren Zielsetzungen sind bemerkenswert, allein deren Erreichung hinkt einfach hinterher. Aber genau das können wir uns eigentlich nicht mehr leisten“.

Welche Ziele hat sich dérive für die nächsten 25 Jahre gesteckt?
„Wir sehen unsere Aufgabe darin, zu informieren, den Diskurs anzuregen. Wir wollen Diskussionsbeiträge bekannt machen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und Erkenntnisse weitertragen“, sagt Laimer.In der Jubiläums-Ausstellung im Az W hatte man alle 100 Hefte der letzten 25 Jahre ausgestellt. So geballt sahen selbst Rauth und Laimer alle Ausgaben zum ersten Mal. „Man ist ja ständig im Tun, sobald eine Ausgabe abgeschlossen ist, steckt man schon in der nächsten. Man ist auf die Zukunft ausgerichtet, sodass es uns schon beeindruckt hat, alle Hefte vor uns ausgebreitet zu sehen“, freut sich Rauth. „Ein Freund und langjähriger Autor von dérive, der Stadt- und Gentrifizierungsforscher André Holm, hatte anlässlich unseres Jubiläums gemeint, wir könnten thematisch doch einfach wieder von vorne beginnen und die damaligen Schwerpunkte unter der aktuellen Situation erneut behandeln, da sie nichts an Relevanz eingebüßt hätten, vor allem, weil viele auch heute, 25 Jahre später, immer noch auf eine Lösung warten würden“.
Auf die nächsten 25 Jahre, also.
Die ersten 10 Jahre entstand dérive aus ehrenamtlichem Engagement. „Wir erhielten eine kleine Förderung, die weder Postgebühr noch Druckkosten deckte. Um die Finanzierung zu sichern, arbeiteten wir nebenbei an anderen Projekten“, erzählen die beiden von den Anfängen. „Der Vorteil war unser hoher Grad an Freiheit. Glücklicherweise sind die Bedingungen heute – selbst unter noch immer eher prekären Umständen – weitaus besser. Dennoch begleitet uns das Wissen, mit wie wenig all das zu schaffen ist, auch unser großes Netzwerk an Mitarbeitenden sichert eine gewisse Freiheit des Handelns. Denn wir selbst bestimmen die Schwerpunkte, wählen aus, was wir interessant und relevant finden, ohne dass uns jemand reinredet“. dérive wird heute von Stadt Wien und Bund gefördert, man kann es käuflich erwerben und abonnieren. Da sich der Anteil von Anzeigen verringere, brauche es dennoch eine Querfinanzierung. „Wir sind bei unserem eigenen Verein angestellt und, was wir mit anderen Projekten erwirtschaften können, fließt so weit wie möglich in dérive“, erklärt Christoph Laimer. Es stecke viel Idealismus darin, schließt Elke Rauth. „dérive ist aus Neugier und Liebe zur Stadt entstanden. Dabei ging es nie darum, Gewinn zu machen“, betonen beide. Aber von den Inhalten würden selbst die Herausgeber:innen stets dazulernen. „Wir empfinden unsere Tätigkeit nach wie vor als sehr bereichernd. Es macht große Freude, dérive auch nach 25 Jahren noch publizieren zu dürfen. Und die Themen gehen uns nicht aus, selbst wenn Christoph als Flussliebhaber, manchmal mit dem Gedanken spielt, ein Magazin für Flussforschung zu machen…“ – sagt Rauth augenzwinkernd.
Das Interview entstand im Auftrag von gat.news






