Unter den Arkaden der Procuratie Vecchie auf dem Markusplatz in Venedig gibt es ohne Zweifel eines der Meisterwerke der Architektur des 20. Jahrhunderts zu entdecken: Das ehemalige Geschäftslokal des einst berühmten Schreibmaschinenherstellers Olivetti.
Entworfen hat dieses Kleinod Architekt Carlo Scarpa (1906-1978) im Auftrag des Unternehmers Adriano Olivetti (1901-1960). Die zwischen 1957 und 1958 entstandenen Räumlichkeiten waren nicht zum Verkauf der Maschinen, sondern von Anfang an nur zur Präsentation der Schreib- und Rechenmaschinen gedacht. Dies widerspiegelt auch das hochwertige Interieur, das jene für ihr Design zahlreich prämierten und in Museen präsenten Objekte entsprechend in Szene setze, als seien es Museumsexponate. Die Vision und kulturellen Ansprüche in Bezug auf Innovation und Funktionalität sowie die formale Qualität und Ästhetik der Marke Olivetti wurden damit ins Rampenlicht gerückt. Adriano Olivetti, der sich voll und ganz Scarpas Expertise anvertraute, wollte mit dem Lokal „eine Visitenkarte für sein Unternehmen an einem der schönsten Plätze der Welt“ realisiert sehen.
1997 geschlossen und stillgelegt wurden die Räumlichkeiten in der Folge als Souvenirladen genützt. 2011 wurde das Geschäftslokal schließlich vom Eigentümer des Gebäudes, der Assicurazioni Generali, vor dem Verfall gerettet und dem Vergessen entrissen. Sorgfältig restauriert obliegt die Nutzung des Shops seither dem italienischen FAI, Fondo Ambiente Italiano, einer gemeinnützigen Stiftung für Denkmalpflege und Naturschutz in Italien, die diesen der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Lehrstück der Architekturgeschichte
Carlo Scarpa gelang es meisterhaft die enge und dunkle Werkstatt in dem historischen Gebäude, die sich an der Gebäudeecke zwischen der Loggia der Procuratie Vecchie – zu der es gehört, und einem Durchgang (unter dem Portikus) zum dahinter liegenden Kanal befindet – in eine moderne, geräumige und helle Umgebung zu verwandeln. Gleichzeitig intim und exklusiv, aber zum Platz hin offen und mit Bezug zur Stadt.
Den Eingangsbereich charakterisiert das von Marcello Nizzoli (1887-1969) entworfene Olivetti-Logo, in Form einer Endlosspirale. Betritt man dann den 20 Meter langen und nur 6 Meter breiten Ausstellungsraum, kann man diesen erneut in seiner gesamten Höhe erleben. Über eine monumentale Treppe in massiven Blöcken aus Aurisina-Karstmarmor, die den architektonischen und visuellen Dreh- und Angelpunkt der gesamten Komposition bilden, gelangt man in das Obergeschoß. Scarpa‘s Treppe ist großzügig und originell in der asymmetrischen Staffelung der Stufen, und sie löst sich trotz eindrucksvoller Dominanz in ein solides Gleichgewicht auf. Im Eingangsbereich zieht auch die vergoldete weibliche Bronzeskulptur von Alberto Viani (1906-1989) mit dem Titel Akt in der Sonne, die Aufmerksamkeit auf sich.


Noch viele weitere von Scarpa entworfene Details machen dieses Projekt zu einem Höhepunkt seiner Laufbahn und zu einem Lehrstück der Architekturgeschichte. So wird etwa der Mosaikboden aus farbigen Glasfliesen, zur modernen Deklination des typisch venezianischen „Terrazzos“, der selbst bei Hochwasser besonders effektvoll hervorsticht. Die Eingangstür aus schweizerischem Ursern Speckstein, die sich an unsichtbaren Scharnieren drehen und verschieben lässt, setzt im geschlossenen Zustand den Wandverlauf fort. Durch querovale Fenster blickt man durch zwei Schiebeflügel aus Holzgitter vom Zwischengeschoß hinaus auf Loggia und Piazza. In die Wände integrierte Leuchten, aus Palisander und geätztem Glas, tauchen nachts auch den nahen Außenraum in warmes bernsteinfarbenes Licht.
Ästhetische und funktionale Excellenz
Form-, Material- und Farbwahl sowie die technischen Lösungen, die der typisch venezianischen Handwerkskunst entspringen und das ganz spezielle Flair Venedigs vermitteln, tragen dazu bei, dass der Besuch dieser eher kleinen Räumlichkeiten zu einer ganz besonderen Erfahrung wird.
Scarpa versuchte die Vision von Adriano Olivetti in Architektur zu übersetzen, jenen „industriellen Humanismus“, der den Erfolg des Unternehmens auf der Koexistenz von Innovation und Technik sowie von Kultur und Tradition gründete, erscheint hier räumlich meisterhaft interpretiert. „Der Olivetti Store war nie ein Museum, und ist dennoch perfekt zur Präsentation von Kunst geeignet. Er wurde von Adriano Olivetti erdacht und von Carlo Scarpa umgesetzt, um Architektur, Technologie und Kunst auf überraschende, raffinierte und innovative Weise zu verbinden, um der damaligen Kundschaft und dem heutigen Publikum ein Erlebnis kultureller, ästhetischer und funktionaler Exzellenz zu bieten“, fasst Daniela Bruno, die Direktorin des Bereichs Kultur des FAI die Intention zusammen.

In Erinnerung an die ursprüngliche Nutzung zeigt die FAI hier auch ständig eine Reihe historischer Büromaschinen der 1950ger und 1960ger Jahre. Sie werden im Schaufenster und Ausstellungsraum für den Betrachter sorgfältig positioniert, und schaffen somit ein fast museales Umfeld, in dem Schreib- und Rechenmaschinen schließlich fast wie Skulpturen wahrgenommen werden. Ausgestellt sind unter anderen die legendäre Schreibmaschine Lettera 22 – die längst in die Sammlung des MoMA in New York Eingang fand – ebenso wie die Lexikon 80 und die Rechenmaschine Divisumma 24, entworfen von berühmten Designern wie Ettore Sottsass und Marcello Nizzoli.
Im Olivetti Shop finden auch Kunstausstellungen statt, die im Zeichen eines Dialogs zwischen Architektur, Kunst und Kultur, den authentischen Geist dieses Ortes widerspiegeln sollen. Noch bis zum 6. Jänner 2026 ist die laufende Ausstellung Water’s Soul mit Werken des katalanischen Bildhauers Jaume Plensa zu sehen, der längst in Venedig kein Unbekannter ist. Von Jean Blanchaert kuratiert, sind siebzehn kleine und große Skulpturen aus Muranoglas zu sehen, die mit den von Carlo Scarpa entworfenen Räumen in einen sehr stimmigen Dialog treten.
Negozio Olivetti, Piazza San Marco 110
www.negozio-olivetti.it






