Die niederländische Designerin Hella Jongerius hat sich den leisen Tönen verschrieben. Noch bis 6. September 2026 erlaubt das Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit Hella Jongerius: Whispering Things einen Einblick in Ihr vielseitiges Schaffen.
Die Ausstellung bietet anhand ihrer frühen experimentellen Arbeiten über ikonische Produkte bis hin zu skulpturalen Keramiken der jüngsten Zeit einen tiefen Einblick in das faszinierende Universum der niederländischen Designerin, Künstlerin und Dozentin.
Mit der Übergabe ihres Lebenswerks an das Vitra Design Museum versteht Jongerius ihre „Retrospektive Nummer 1“ nicht als Ende, sondern als Beginn eines neuen Kapitels. Jongerius‘ Archiv bildet den Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung mit den zentralen Fragen: Wie gestaltet man für eine Welt, die eigentlich schon genug hat? Welche Dinge fördern Wertschätzung und Achtsamkeit statt Konsum und Wegwerfkultur? Rund 400 Objekte – Möbel, Textilien, Keramiken, Skizzen, Prototypen und Materialexperimente – zeichnen die Entwicklung der Designerin nach, der rote Faden der Schau sind Prototypen und Muster: Besucher:innen folgen den Entstehungsprozessen ihrer Ideen Schritt für Schritt und lernen so eine Designerin kennen, die sich nie davor gescheut hat, Neuland zu betreten. Gegliedert in vier Bereiche werden ihre Arbeiten der letzten Jahrzehnte aufgezeigt und ihr ständiges Hinterfragen der Grenzen zwischen Design und Kunst – das eine einzigartige Handschrift entstehen ließ – sichtbar gemacht.

Schritt für Schritt
Raum eins mit dem Titel „Dirty Hands“ führt zurück in die 1990er Jahre, als Hella Jongerius mit dem niederländischen Kollektiv Droog Design zusammenarbeitete. Schon früh zeigt sich in ihrem Schaffen ihr forschender Ansatz: Materialien werden getestet und hinterfragt. Wie lässt sich aus einem flachen Textil etwas Dreidimensionales formen? Wie können Stoffe optisch aufgeblasen wirken? So entstanden eigene Webtechniken, bei denen der Faden diagonal durch Kette und Schuss geführt wird und dabei dreidimensionale Strukturen entstehen. Eine Videoarbeit richtet den Blick auf Hella Jongerius‘ Hände – auf jenes Werkzeug, das aus Ideen eine Form entstehen lässt. In ihren Bewegungen werden Berührung, Erfahrung und Materialverständnis sichtbar. Die Hand ist dabei aber weit mehr als ein Mittel zum Zweck: Sie steht für die enge Verbindung von Denken und Tun, für den Dialog mit dem Material und für die Verantwortung, die Jongerius jedem einzelnen Objekt entgegenbringt.


Im zweiten Raum „Business Class“, widmet sich die Designerin ihrer langjährigen Kooperation mit der Industrie. Hella Jongerius arbeitete mit verschiedenen internationalen Unternehmen, darunter Vitra, IKEA, Camper, KLM, der Porzellan Manufaktur Nymphenburg und Maharam. Skizzen, Stoffmuster und Dokumentationen von Experimenten machen die Designprozesse hinter den Produkten sichtbar. Weit über deren reine Entwicklung hinausgehend, zeigt sich in der Tätigkeit für industrielle Auftraggeber die stets kritische Auseinandersetzung Jongerius’ mit strategischen Fragestellungen wie nachhaltigen Produktionsmethoden bis hin zum Charakter einer Marke, deren Geschichte und Verantwortung.
Im dritten Raum „Feeling Eye“, wird deutlich, wie intensiv die Designerin seit den 2010er Jahren Farbe und Material erforscht. Ein breites Spektrum an Arbeiten, darunter eine eindrucksvolle Rauminstallation aus der Serie „Coloured Vases“, die 282 Vasen und rund hundert moderne industrielle Glasuren umfasst. Experimentelle „Colour Catchers“ beleuchten die stete Untersuchung des Effekts von Farbe in unterschiedlichen Situationen und wirkt wie ein Farbrad, das sich aus jedem Blickwinkel anders präsentiert. Ebenso wird hier der Prozess der Textilgestaltung ausführlich nachvollzogen: von Arbeiten aus Papier und Seide über das Studium von Webtechniken und experimentellen Prototypen bis hin zu großen dreidimensionalen Werkserien.

„Cosmic Mind“, der letzte Raum wendet sich jenen Werken zu, die zwischen Kunst und Design angesiedelt sind. Skulpturale Objekte wie der Frog Table oder die Serie Angry Animals laden die Besucher:innen ein, über die Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Objekt nachzudenken. Ihre unmittelbar nach der Pandemie entstandenen Space Amulets entfalten eine fast schamanenhafte Dimension, während die Serie der Unfoldable Cubes Jongerius technisch hochkomplexe Erforschung dreidimensionaler Raumgewebe veranschaulicht.

Mehr als Gebrauchsobjekte
In einem angrenzenden Kabinett ist ein eigens für die Ausstellung produzierter Experimentalfilm zu sehen, der Alltagsgegenständen eine Stimme verleiht. Auf poetische Weise greift er einen zentralen Gedanken im Werk von Hella Jongerius auf: Dinge sind weit mehr als bloße Gebrauchsobjekte – sie prägen unseren Alltag, tragen Erinnerungen in sich und stehen in einer engen Beziehung zu den Menschen, die sie nutzen.
Mit „Hella Jongerius: Whispering Things“ widmet das Vitra Design Museum einer der einflussreichsten Designerinnen der Gegenwart ihre erste umfassende Retrospektive. Die Ausstellung zeigt ein Werk, das sich dem herrschenden Zeitgeist oft widersetzt, mit Konventionen bricht und seine Bedeutung aus einer Meisterhaftigkeit im Umgang mit Materialien und Techniken gewinnt, die im heutigen Design wohl einzigartig ist. Mit dieser fundierten Kenntnis und ihrem experimentellen Zugang verbindet Jongerius Handwerk, Industrie und Forschung auf eine einzigartige Weise – und zählt damit zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Designs sowie zu einer wichtigen Inspiration für eine neue Generation von Designerinnen und Designern.

Die Ausstellung „Hella Jongerius: Whispering Things“ ist noch bis 6. September 2026 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen.
www.design-museum.de






