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Der italienische Pavillon als Schlusspunkt am Ende des Arsenale beeindruckt mit seiner Architektur und der zahlreiche Bildschirme nutzenden Inszenierung der Ausstellung TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres. Foto: Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

Der italienische Pavillon als Schlusspunkt am Ende des Arsenale beeindruckt mit seiner Architektur und der zahlreiche Bildschirme nutzenden Inszenierung der Ausstellung TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres. Foto: Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

in ausstellung

Die Architektur neu orientieren

Franco Veremondivon Franco Veremondi
19.11.2025

19. Architektur Biennale Venedig 2025– Pavillon Italien: TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres

Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Inklusivität der Wissenschaften: so das neue Vokabular der Planung in einer Zeit des Wandels. Wir begeben uns auf eine letzte thematische Erkundungstour, bevor der Vorhang zur 19. Internationalen Architekturausstellung auf der Biennale von Venedig am 23. November endgültig fällt – und behalten dabei deren vielfältigen Konzepte und Vorschläge im Auge. Wir werfen einen abschließenden Blick auf den weitläufigen italienischen Pavillon, der den Schlusspunkt eines sehr langen, herausfordernden Ausstellungsparcours durch das Arsenale bildet.

Blick in den Italienischen Pavillon und seine Ausstellung TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres Foto: Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

Die vierundfünfzig Lebensjahre von Kurator Carlo Ratti spiegeln seine gesamte Lebenserfahrung wider. Er ist Architekt und Ingenieur, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie am Mailänder Politecnico und hat die Umwälzungen auf unserem Planeten somit mit eigenen Augen gesehen und hautnah miterlebt.
Seine schon zu Beginn der 19. Architekturbiennale lancierte Botschaft, energisch auf die klimatischen Veränderungen zu antworten, fällt mehr als deutlich aus: “Um einer Welt in Flammen zu begegnen, muss die Architektur in der Lage sein, die gesamte Intelligenz, die uns umgibt, zu nutzen”. Der Titel der Ausstellung “Intelligens. Natural. Artificial. Collective” präsentiert sich als rätselhaftes Wortspiel, in dem „intelligens“, abgeleitet vom lateinischen Wort „gens“ (Menschen), die menschliche Gemeinschaft umfasst. Insgesamt bedeutet der Titel, dass jeder Person und allem Wissen die Verantwortung – oder besser gesagt die unabdingbare Verpflichtung – zukommt, sich der Zeit und den kommenden Herausforderungen stellen “zu müssen”.
Was kann laut Rattis Vision Architektur nun leisten? Sie kann sich strategisch anpassen und flexibel sowie dynamisch werden. Wie der Kurator mit empathischem Nachdruck betont: “Im Zeitalter der Anpassung kommt der Architektur eine Schlüsselrolle zu, die den Prozess mit Optimismus leiten muss. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur auf alle Formen der Intelligenz zurückgreifen: natürliche, artifizielle, gemeinschaftliche. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur mehrere Generationen und mehrere Disziplinen ansprechen, von den exakten Wissenschaften bis zu den Künsten. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur das Konzept der Autor:innenschaft überdenken und integrativer werden, indem sie von den Wissenschaften lernt”.
Was bedeuten diese Prämissen? Die Architektur, die ursprünglich Menschen vor den Naturelementen schützen sollte, ist nun gefordert, neue Methoden und Nutzungsmöglichkeiten zu entwickeln. Man denke nur an den fortschreitenden Temperatur- und Meeresspiegelanstieg. Sowohl für die Umwelt als auch für uns als ihre Bewohner:innen steht viel auf dem Spiel.
Wegen Renovierungsarbeiten im zentralen Pavillon der Giardini wurde die von Carlo Ratti kuratierte internationale Ausstellung Intelligens. Natural. Artificial. Collective. fast ausschließlich in den monumentalen Gebäudekomplex des Arsenale verlegt. Dieser weitläufige, mehrere Jahrhunderte alte Komplex offenbart den Geschmack des Meeres und industrieller Geschäftigkeit. In den Giardini dominieren hingegen unangefochten die klassischen Nationalen Pavillons.

Blick in den Italienischen Pavillon und seine Ausstellung TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres Foto: Andrea Avezzù/Courtesy La Biennale di Venezia

Der Italienische Pavillon: TERRÆ AQUÆ

Es ist etwas anstrengend, zu den „Tese delle Vergini“ vorzudringen, jenem Gebäude am Ende des Arsenale-Komplexes, in dem sich der Italienische Pavillon befindet. Doch auf den letzten Metern trägt der Blick auf die „Gaggiandre” zur Aufmunterung bei: Die bemerkenswerten Trockendocks aus dem 16. Jahrhundert – das Werk des Renaissancearchitekten Jacopo Sansovino – sind imposant überdacht und von Bögen umschlossen.
Das Innere des riesigen Pavillons entschädigt die Besucher:innen auf sensationelle Weise für die Mühen. Gleich beim Eingang beeindruckt ein Film, der auf eine 35 Meter lange Wand projiziert wird. Es ist nur ein Vorgeschmack auf die Inszenierung, die zahlreiche Bildschirme nutzt und in der Italien mit seinen Küstengebieten, den natürlichen Grenzen zwischen Land und Meer, zum Protagonisten wird. Der Titel der Ausstellung: TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres. Zu sehen sind Häfen, Infrastrukturen, Strände, Landschaften, Einrichtungen und andere Bereiche zum Thema in Form von Plandarstellungen, Simulationen und Fotos.Die Kuratorin Guendalina Salimei, Architektin und Dozentin an verschiedenen Universitäten, hat ein gut durchdachtes Ausstellungskonzept entwickelt. Salimei zeigt beachtliches Organisationstalent und kann zahlreiche berufliche Erfolge vorweisen, darunter eine beeindruckende Anzahl gewonnener Architekturwettbewerbe.
Ihr Ziel bei der Gestaltung der Ausstellung war es, durch die Zusammenstellung experimenteller und kreativer Vorschläge, die aus kollektiver Intelligenz ebenso hervorgehen wie aus dem Aufeinandertreffen diverser technischer Wissensfelder, neue Wege für die Architektur aufzuzeigen, ohne dabei einen gewissen utopischen Überhang auszuschließen.

Eine kurze Randbemerkung: Als Bereicherung des venezianische Panoramas, ist diesen November ein Delfin in die Lagune vorgedrungen. Und nun tut „Mimmo“ – so wurde er einstimmig getauft – alles, um dort zu bleiben und sich zu präsentieren, mit akrobatischen Sprüngen, die er nahe des Beckens von San Marco aus dem Wasser vollführt. Ein Deus ex machina, ein unerwarteter Beitrag zum maritimen Thema des Italienischen Pavillons. Denn sind Delfine nicht Wesen, die über eine dem Menschen ähnliche Intelligenz verfügen?

Terras Mediterraneas ist weit mehr als ein hypothetisches Projekt zur Lösung der Wohnungsfrage: Große, ausgemusterte Schiffe aus militärischen oder zivilen Flotten werden in schwimmende Oasen umgerüstet. Rendering: Studio Andrea Dragoni

Terras Mediterraneas: Heterotopie auf offener See

Unter den im Italienischen Pavillon ausgestellten Werken haben wir aufgrund seiner Originalität das Projekt des Studio Andrea Dragoni analysiert. Aber auch aufgrund seiner vorbildlichen Auseinandersetzung mit der Themenvorgabe der Kuratorin, experimentelle Projekte einzubeziehen, die sich den Küstenlandschaften widmen und dabei „zukunftsweisende oder utopische Visionen vorwegnehmen„. Tatsächlich handelt das Projekt Terras Mediterraneas von der Schaffung eines in seiner Funktionsweise autonomen Archipels, der aus schwimmenden Oasen vor der Küste eines historischen römischen Stadtviertels am Meer besteht und sich selbst versorgt, indem es einen neuen sozialen Zusammenhalt schafft und alle menschlichen, natürlichen und künstlichen Ressourcen nutzt, um neue technologische und kreative Wege zu beschreiten.
Die Vorstellung eines „Archipels analoger, maritimer und verträumter Städte“ – so beschreibt der Verfasser sein Projekt durchaus poetisch – greift vor allem die wagemutige Idee einer sich überschneidenden Vergangenheit und Zukunft auf. Dabei wird die Vergangenheit über die Archäologie hinaus als „romantische” Vision einer ursprünglichen Neugründung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens betrachtet. Die Zukunft wird als Auslöschung des Gefühls der Zerrissenheit gesehen, das mit unseren städtischen Ballungsräumen verbunden ist. Ein Beispiel hierfür ist Rom, insbesondere dessen Stadtteil Ostia, sein ungeordneter städtischer Ausläufer am Meer.

Schiffe als bewohnbare Inseln: Eine mögliche Lösung zur Erweiterung italienischer Städte in Küstenregionen. Rendering: Studio Andrea Dragoni

Terras Mediterraneas ist mehr als nur eine Wohnhypothese, bestehend aus großen, stillgelegten Schiffen, die in schwimmende Oasen umgewandelt wurden, ohne jeglichen Kontakt zum Festland; nur Anlegestellen, die eine Verbindung zum „Kontinent” herstellen. Der Archipel erlebt den Rausch einer permanenten Autonomie, vielleicht eine symbolische Instabilität, und in seinen realen Ausdrucksformen, wie Parks und Stadtvierteln, stellt er technologische Gewohnheiten, architektonische Grundlagen und Umweltvisionen radikal auf den Kopf. Er vertraut sein Schicksal dem Meer an und gestaltet die epistemologischen und anthropologischen Voraussetzungen, die in Jahrtausenden der Geschichte erworben wurden, neu. Terras Mediterraneas schlägt interessanterweise eine Umkehrung des Bildes vor, das uns der lateinische Dichter Lukrez in seinen denkwürdigen Versen von der Sicherheit auf dem Festland vermittelt, indem er im Meer Gefahren und Leiden sieht.

Lageplan der Region mit dem Lido di Ostia am Meer und Rom. Plan: Studio Andrea Dragoni

Andererseits bezieht Terras Mediterraneas bezieht die für eine neue Einheit zwischen Lebewesen und Kosmos notwendige Energie aus Meerwasser und anderen natürlichen, erneuerbaren Ressourcen. Ist es möglich, daran zu glauben? An ein „Anderswo”, in dem eine neue Harmonie herrscht, eine hedonistische Beziehung zwischen dem Raum und seinen Bewohner:innen? Wahrscheinlich ist tief im menschlichen Bewusstsein die bejahende Antwort auf dieses Streben verwurzelt. Die Legende einer Insel des Glücks existierte bereits im antiken Griechenland und wurde sogar in der Neuzeit vom französischen Künstler Jean Antoine Watteau mit einem Gemälde aus dem Jahr 1717 gefeiert, das eine Reihe von Reisenden zeigt und den Titel „Einschiffung nach Kythera“ trägt. Die mythische Inspiration entsprang der Tatsache, wonach in den schäumenden Gewässern dieser Insel der Harmonie die wunderschöne Aphrodite geboren wurde.

Schnitt durch die neuen Funktionen zugeführten ausgemusterten Schiffe. Plan: Studio Andrea Dragoni

Der Archipel der maritimen und verträumten Städte begründet somit sein Grundkonzept, auch wenn dies bedeutet, dass alles umfassend neu und außerhalb üblicher Normen konzipiert werden muss. Eine Welt im Wachstum, in der es faszinierend ist, sich das Verhalten der “zukünftigen” Wohngemeinschaften vorzustellen.

Andrea Dragoni ist Architekt und Professor an der DICA der Universität Perugia und der Akademie der Schönen Künste von Perugia. In seiner Laufbahn als Planer wurde er mit einer Reihe internationaler Auszeichnungen gewürdigt.

Verfasst im Auftrag von gat.news

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