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Hitze ist kein abstraktes Klimathema, sondern eine konkrete Herausforderung in der Stadtplanung. Nur auf echtem Boden können große Bäume wachsen, die Schatten spenden und Wasser verdunsten – genau das kühlt die Stadt wirklich. Westbahnareal Wien Foto: Johannes Hloch

Hitze ist kein abstraktes Klimathema, sondern eine konkrete Herausforderung in der Stadtplanung. Nur auf echtem Boden können große Bäume wachsen, die Schatten spenden und Wasser verdunsten – genau das kühlt die Stadt wirklich. Westbahnareal Wien Foto: Johannes Hloch

in stadt

In der Hitze der Nacht

Redaktionvon Redaktion
12.07.2026

In unseren Städten ist es einfach zu heiß und mittlerweile ist auch nachts kaum an schlafen zu denken. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass nicht die Tageshitze, sondern fehlende nächtliche Abkühlung entscheidend sind für die gesundheitlichen Folgen bei Hitze. Die Initiative Westbahnpark fordert deshalb einmal mehr eine klimaresiliente Planung des Westbahnhof-Areals mit einem zusammenhängenden Landschaftspark auf gewachsenem Boden.

Aber warum kühlen die Städte nachts nicht mehr ab? Der Stadtklimatologe Simon Tschannett erklärte Ende Juni im Ö1-Mittagsjournal: „Versiegelte Flächen speichern tagsüber Wärme und geben sie in der Nacht nur langsam wieder ab. Verdunstung – über Boden und Vegetation – sei einer der wirksamsten Kühlmechanismen. Ohne funktionierende Nachtabkühlung verschärfe sich die Hitzebelastung massiv“. Große, zusammenhängende, unversiegelte Grünflächen mit echtem Bodenkontakt seien keine gestalterische Zugabe, sondern funktionale Infrastruktur zu nächtlichen Abkühlung, eine Tatsache auf die auch die kürzlich erstellte Studie der Medizinischen Universität Wien und der Wiener Berufsrettung verweist, die zeigt, dass sich hierin ein Faktor mit direkter Wirkung auf die Belastung des Rettungswesens verbirgt und insbesondere hohe Nachttemperaturen das Risiko gesundheitlicher Notfälle deutlich erhöhen. Zwei voneinander unabhängige, sich aber ergänzende Evidenzstränge – Notfallmedizin auf der einen, Stadtklimatologie auf der anderen Seite – zeigen somit beide in dieselbe Richtung. Vor diesem Hintergrund fordert die Initiative Westbahnpark Erhalt und Stärkung der Kaltluftströme vom Wienerwald über das Westbahnhof-Areal durch einen zusammenhängenden Grünraum auf gewachsenem Boden, der die nächtliche Abkühlung sichert und auf diese Weise Menschenleben schützt.

Die Nacht als Überlebensfrage

Die jüngst im Fachjournal Scientific Reports (Springer Nature) veröffentlichte wissenschaftliche Studie Zeiner, S., Rietzinger, S., Ledebur, K. et al. (2026): Effects of heatwaves on emergency medical service activity in Vienna: a 4-year analysis. Scientific Reports bestätigt nun, was die Mitstreiter der Initiative Westbahnpark längst wiederholt in die Öffentlichkeit zu tragen versucht: Es ist die nächtliche Abkühlung, die darüber entscheidet, wie viele Menschen eine Hitzewelle überstehen.
Hierbei geht es längst nicht mehr um eine abstrakte Klimadebatte, sondern um die Frage klimarelevanter Stadtplanung: Denn bleibt die Kaltluftschneise entlang der Felberstraße erhalten und wird gestärkt – oder soll sie, wie derzeit geplant, Hochhäusern und Betonterrassen weichen, die dann den Strom kühler Luft aus dem Umfeld des Wienerwalds behindert?
Die Studie, die rund 936.000 Rettungseinsätze in Wien zwischen 2018 und 2021 analysiert, zeigt, dass bereits eine Nacht mit einer Mindesttemperatur von 20,5 Grad zu einem deutlichen Anstieg der Rettungseinsätze führt. Im Besonderen betroffen sind davon ältere Menschen und Kinder. Und es dauert einige Tage, bis sich die Belastung des Rettungswesens nach dem Ende einer Hitzewelle wieder normalisiert.
Ende Juni dokumentierte etwa der Wiener Mediziner Wolfgang Hagen die Hitzewelle in einem vielbeachteten Beitrag, aus dem hervorgeht, dass Senior:innen mit über 41°C Körpertemperatur aus überhitzten Wohnungen in die Notaufnahme gebracht wurden. Auf Intensivstationen haben Geräte Betriebs-Maximaltemperaturen, wird diese überschritten, schalten sie sich ab. Patient:innen und Personal haben diese Möglichkeit allerdings nicht.
In Spanien wurden im Juni über 1.000 hitzebedingte Todesfälle registriert, in Frankreich starben binnen weniger Tage rund 1.000 Menschen mehr als.
Laut einer ersten Hochrechnung des Umweltwissenschaftlers Christopher W. Callahan werden europaweit über 20.000 zusätzliche Todesfälle zwischen 22. und 28. Juni 2026 gezählt. Die Größenordnung deckt sich mit den bereits offiziell aus Spanien und Frankreich gemeldeten Zahlen.

Abweichung der Tagesmitteltemperaturen vom langjährigen Durchschnitt am 28. Juni. Quelle:
geosphere.at

Wiener Studie: Die Nacht entscheidet!

Am stärksten betroffen sind Kinder und die Altersgruppe 76–85 Jahre und es dauert nach dem Ende einer Hitzewelle rund fünf Tage, bis sich die Einsatzzahlen wieder normalisieren.
Mangels Akklimatisierung sei die erste Hitzewelle einer Saison am gefährlichsten.
Der höchste in der Studie untersuchte Schwellenwert lag bei einer Minimaltemperatur von 21,5°C. Etwa sank in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 2026 die Temperatur in der Wiener Innenstadt nicht unter 27,3°C – fast sechs Grad über dem höchsten in der Studie modellierten Wert. Umwieviel sich Rettungseinsätze in einer derartigen Extremnacht tatsächlich erhöhen, konnte die Studie allerdings nicht abbilden.
Aber die regionale Verteilung der Einsätze bestätigt, dass die Bevölkerung vor allem in den dicht bebauten Innenstadtbezirken ebenso wie in den klassischen Arbeiterbezirken – etwa in Rudolfsheim-Fünfhaus – besonders gefährdet ist. Klima- und Hitzeschutz, das zeigt sich auch bei den Rettungseinsätzen, ist eine soziale Angelegenheit.
„Hitze ist kein abstraktes Klimathema, sondern eine konkrete Herausforderung in der Stadtplanung. Nur auf echtem Boden können große Bäume wachsen, die Schatten spenden und Wasser verdunsten – genau das kühlt die Stadt wirklich. Ein paar Töpfe auf einer Terrasse oder begrünter Beton ersetzen keinen Wald. Der Bezirk braucht öffentlich zugängliche Grünräume mit echter Klimawirkung, keine dekorativen Elemente“, sagt Suzana Stojanović-Joham, Bauplanerin und Mitbegründerin der Initiative Westbahnpark.

Regionale Verteilung der Rettungseinsätze in den Sommermonaten (Stadt Wien – Berufsrettung Wien, MA70) Quelle: Zeiner S., Rietzinger S., Ledebur K. et al. Effects of heatwaves on emergency medical service activity in Vienna: a 4-year analysis. Sci Rep (2026)

Höchste Zeit, zu handeln

Hat sich die Stadt Wien in ihrem Regierungsprogramm auch ausdrücklich zum Erhalt und zur Verbesserung der Frischluftbahnen und Kaltluftströme bekannt, so fehlen wie die Initiative Westbahnpark unterstreicht bislang noch immer verbindliche Vorgaben, darüber, wie diese Klimafunktionen bei der geplanten Entwicklung des Westbahnhof-Areals gesichert werden sollen.
Aus Sicht der Initiative brauche es nachvollziehbare Flächenangaben, eine unabhängige und verpflichtende Klimaexpertise und schließlich auch einen transparenten Beteiligungsprozess. Gerade bei zentralen Fragen – wie das tatsächliche Ausmaß der Bebauung bis zur geplanten betrieblichen Nutzung des Areals – fehlen bislang klare und konsistente Informationen. Hierbei sei vor allem auch entscheidend, dass die geplanten Grünflächen ihre ökologische und klimatische Funktion auch tatsächlich erfüllen können.
Nachvollziehbare Flächenangaben sind die Grundlage eines transparenten Bürger:innenbeteiligungsprozesses, der ab Mitte September im Rahmen eines Wettbewerbs geplant ist. Bei 6 ha Gesamtfläche entsprechen zwei Drittel Grünraum rechnerisch 4 und nicht 5 ha – wie von der Stadt Wien angeführt. Und es müsse ebenfalls grundsätzlich zwischen Grünraum auf gewachsenem Boden und begrünten Dachflächen unterschieden werden, unterstreicht die Initiative.
Die als Begründung für eine Bebauung von der Stadt Wien angeführte Aussage, das Kaltluft „in über 40 m Höhe“ abfließe, widerspricht der eigenen Stadtklimaanalyse. Bereits die entlang der Felberstraße vorgesehene Bebauung mit bis zu 30 m Höhe bilde eine Barriere. Laut Stadt Wien ist für die Neugestaltung des Westbahnareals Mitte 15 eine betriebliche Nutzung bereits fix geplant, in einem weiteren Planungsprozess, geht es daher nur mehr darum, die Ausgestaltung zu konkretisieren.
Anders gesagt: Die Stadt Wien bekennt sich zwar zu einem lebenswerten und klimaneutralen Wien, verweigert jedoch die Messung von Kaltluftströmen als verbindliche Planung zur Kühlung der Stadt, respektive Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität.
Die Initiative Westbahnpark fordert neuerlich eine Entwicklung des Areals, die eine nächtliche Abkühlung langfristig sicherstellt und damit Auswirkungen künftiger Hitzewellen wirksam abfedert.
Hierzu gehörten insbesondere:

  • Großflächige, zusammenhängende Grünräume auf gewachsenem Boden
  • Entsiegelung als zentrale Maßnahme der Klimaanpassung
  • Kühlung primär durch Beschattung und Verdunstung
  • Schutz bestehender Kaltluftströme
  • Klimawirksame Maßnahmen strukturell und zeitnah umsetzen

Der Sommer 2026 zeigt, dass Anpassungen an die zunehmende Hitzebelastung eine der zentralen Herausforderungen der Stadtentwicklung sind. Aus Sicht der Initiative Westbahnpark braucht Wien am Westbahnhof einen Landschaftspark, der seine Klimafunktion erfüllt, die nächtliche Abkühlung sicherstellt und damit einen Beitrag zum Schutz der Gesundheit und zur Lebensqualität leistet.

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