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Die zweite Seele von Lucio Fontana

Redaktionvon Redaktion
3.11.2025

Als erstes Museum widmet die Collezione Peggy Guggenheim in Venedig mit „Mani-Fattura: Le ceramiche di Lucio Fontana“ ausschließlich Lucio Fontana´s keramischem Werk eine Personale.

Der italienische Künstler Lucio Fontana (1899-1968) ist vor allem für seine Werke von mit Schnitten perforierten Leinwänden aus den 1950ger und 1960er Jahren berühmt. Er gilt als eine der revolutionärsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit seinem „einschneidenden“ Werk hat Lucio Fontana die Grenze zwischen Malerei, Skulptur und Raum neu definiert und mit seinem Concetto Spaziale, das den Raum als grenzenloses Kontinuum sah, der zeitgenössischen Kunst neue Wege aufgezeigt. Denn der in die Leinwand eindringende Schnitt ist keine bloße destruktive Geste, sondern öffnet sich vielmehr zu einem Universum an Möglichkeiten: Licht und Schatten dringen in den Schnitt ein und lassen Betrachter:innen neue Ebenen von Bedeutung und Tiefe ergründen. Die Leinwand wird zum lebendigen Objekt, das einen Dialog mit dem Raum eingeht. Die Guggenheim Collection Venedig zeigt nun bis 2. März 2026 als erstes Museum in einer Einzelausstellung Fontanas weniger bekannte Keramiken, denen er sich von den 1920er Jahren in Argentinien an sein ganzes Leben lang widmete.

Vitale Freude am Experiment

Die Ausstellung „Mani-Fattura: Le ceramiche di Lucio Fontana“ lädt also dazu ein, in Fontana nicht nur den Pionier von „Spazialismo“ und Konzeptkunst zu sehen, sondern ihn auch als Bildhauer und Künstler zu verstehen, der tief mit der Materie verbunden war und das haptische und ausdrucksstarke Potenzial von Ton besonders schätzte. Die Ausstellung versucht, neue Fragen zu Geschichte, Material und Technik seiner keramischen Arbeit aufzuwerfen, die ein Kritiker einst als Fontanas andere Hälfte oder zweite Seele sah.

Im Gegensatz zum etablierten Bild Fontanas als streng maskuline und heldenhafte Figur, die ihre Leinwände mit einem Cuttermesser verletzt, zeigt das Museum Peggy Guggenheim eine informelle, tiefgründige aber auch kollaborative Seite des Künstlers, die in der weichen Erscheinungsform des Materials ihre Entsprechung findet. „Ton erweist sich als Behältnis für vitale Experimentierfreude, Vielfalt und Erfindergeist“, so die Kuratorin und Kunsthistorikerin Sharon Hecker.

Etwa siebzig Arbeiten aus namhaften öffentlichen und privaten Sammlungen, die zum Teil noch nie öffentlich zu sehen waren, beleuchten die Bandbreite von Fontanas bildhauerischer Vision. Foto: Claudia Corrent

Vielschichtiges Schaffen

Die Ausstellung spürt Fontanas keramischen Objekten nach, die zwei Kontinente und vier entscheidende Jahrzehnte umfasst. Chronologie und skulpturale Thematiken verschmelzen zu einer beispiellosen dynamischen Erzählung. Sein vielschichtiges Schaffen beinhaltet eine ganze Reihe figurativer Skulpturen ebenso wie radikal abstrakte Formen, die jeweils den unterschiedlichen historischen, sozialen, politischen und geografischen Kontext widerspiegeln, in dem der Künstler lebte und arbeitete.
Anhand von etwa siebzig historischen Arbeiten, die zum Teil noch nie ausgestellt waren, aus dem Besitz namhafter öffentlicher und privater Sammlungen, sucht die Ausstellung die Bandbreite von Fontanas bildhauerischer Vision näher zu beleuchten und zu vermitteln, welch reiches und produktives Experimentierfeld sich ihm über die Jahre eröffnete.

Ich hoffe noch eine Reihe von Keramiken und Skulpturen zu schaffen, die mir das Vergnügen und Gefühl geben, noch lebendig zu sein. (Lucio Fontana)

Über Jahrzehnte hinweg hat sich seine Beschäftigung mit Keramik in unterschiedlichen Kontexten entwickelt: Seine Beschäftigung damit nahm in Argentinien ihren Anfang und dauerte bis zu seiner Rückkehr nach Italien zur Zeit des Faschismus, es folgte ein zweiter längerer Aufenthalt in Argentinien während des 2. Weltkriegs und seine erneute Rückkehr in das Italien des Wiederaufbaus und wirtschaftlichen Aufschwungs.

In Zusammenarbeit

Seine zahlreichen oft für private Innenräume geschaffenen Objekte – von Tellern bis zu Kruzifixen, von Kaminverkleidungen bis zu Türgriffen, sind meist in Zusammenarbeit mit bedeutenden Designern entstanden.
Gemeinsam mit renommierten Mailänder Architekten schuf er etwa Keramikfriese für Gebäudefassaden ebenso wie Skulpturen für Kirchen, Schulen, Kinos, Hotels, Sporteinrichtungen oder Grabstätten, die zum Teil noch heute vor Ort präsent sind. In der Guggenheim Collection werden handgefertigte Unikate sowie in Serie produzierte Gegenstände gezeigt, wobei deren strikte Unterscheidbarkeit zum Teil verschwimmt.

Anlässlich der Ausstellung entstand ein Kurzfilm des argentinischen Regisseurs Felipe Sanguinetti zu Lucio Fontanas Keramischem Werk in Mailand. Der als integraler Teil der Ausstellung konzipierte Film, lädt auf eine filmische Reise ein und führt an verschiedene Schauplätze in Mailand, vom Friedhof Cimitero Monumentale bis zum Istituto Gonzaga, zur Fondazione Prada, der Villa Borsani, der Kirche San Fedele oder dem Diözesanmuseum, um die Geschichte von Fontanas Keramiken zu erzählen, die er in Zusammenarbeit mit den italienischen Architekten Osvaldo Borsani, Roberto Menghi, Mario Righini und Marco Zanuso geschaffen hat. All diese ortsbezogenen Eingriffe, die fixer Bestandteil des architektonischen oder urbanen Kontexts Mailands sind und nicht als Exponate im Museum präsent sein können, sind dank der eindrucksvollen Filmsequenzen, in den Museumsräumen lebendig.

Die Ausstellung der Collezione Guggenheim begleitet ein reich bebilderter Katalog, herausgegeben von Marsilio Arte, mit Beiträgen zur keramischen Praxis von Lucio Fontana und dem historischen, sozialen und kulturellem Kontext.
Mani-Fattura: Le ceramiche di Lucio Fontana, Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Sharon Hecker, Raffaele Bedarida, Luca Bochicchio, Elena Dellapiana, Aja Martin, Paolo Scrivano und Yasuko Tsuchikane, 200 Seiten, Marsilio Arte, Venedig 2025, italienisch. ISBN 9791254633021

Collezione Peggy Guggenheim, bis 2. März 2026
www.guggenheim-venice.it

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