Die Architektin, Architekturkritikerin und Buchverlegerin Doris Kleilein konnte sich im Rahmen des mehrstufigen internationalen Bewerbungsverfahrens durchsetzen. Ab 2027 tritt sie als Direktorin des Architekturzentrum Wien die Nachfolge von Angelika Fitz an, die ihre bisherige Funktion aus privaten Gründen zurücklegt.
„Das Architekturzentrum Wien ist für mich schon lange ein besonderer Ort. Ein Ort, den ich in Berlin seit meinem Architekturstudium in den 1990ern vermisst habe. Ein offenes Haus, ein offenes Museum, das seinen Besucher:innen in ganz entspannter Atmosphäre begegnet und zugleich ganz nah dran ist an den Fragen der Zeit, unabhängig, kritisch, mit den behandelten Themen immer einen Schritt voraus. Es gibt in der europäischen Architekturwelt nicht viele Orte wie diesen“, sagt Doris Kleilein anlässlich ihrer Vorstellung als neue Direktorin des Az W durch den Präsidenten des Vorstandes Architekturzentrum Wien Hannes Swoboda und Stadträtin für Kultur und Wissenschaft Veronica Kaup-Hasler.
Doris Kleilein wird ab 2027 die Leitung des Architekturzentrum Wien übernehmen. Sie freue sich, gemeinsam mit Karin Lux, und damit Angelika Fitz und natürlich auch Dietmar Steiner nachzufolgen, deren Arbeit sie schon lange verfolgt habe, die sie bewundere und die sie beide geprägt hätten. „Ich bin seit 25 Jahren im Architekturbetrieb als Architektin, Autorin, Redakteurin, aber auch als Verlegerin tätig und habe daher die Architektur aus ganz verschiedenen Perspektiven kennenlernen können. Ich habe sie produziert, reflektiert, kritisiert, vermittelt. Dass ich jetzt diese fantastische Möglichkeit habe, hier im Haus meine verschiedensten Zugänge zur Architektur und vor allem auch zur Stadt einzubringen, ist fantastisch“, freut sie sich.
Neugierde wecken und überraschen
Kleilein möchte das Az W einer noch breiteren Öffentlichkeit erschließen, denn viele auch internationale Veranstaltungen und Initiativen, sogar die Architekturbiennalen in Venedig seien, wie sie kritisch anmerkt, oft zu selbstreferenziell, akademisch ausgerichtet. Sie werde ihren Fokus auf „diese großen Zukunftsthemen legen, sie herunterbrechen, konkret machen, Neugierde wecken, aber auch nach vorne denken, überraschen und wie das hier im Haus ja auch schon gemacht wird, internationale Stimmen und Projekte hereinholen“. Das Haus werde sie gemeinsam mit der Geschäftsführerin Karin Lux und dem bewährten und erfahrenen Team des Az W programmatisch zu einer Plattform weiterentwickeln, um die Architekturvermittlung noch stärker mit den gesellschaftlichen Debatten zu verbinden. Neben der alles beherrschenden Wohnungsfrage über die vielen Facetten klimagerechten bzw. ökologischen Bauens, die weltweite Urbanisierung, läge Kleilein besonders die Thematik der Migration am Herzen und die Frage, nach dem Wie eines möglichen diversen Zusammenlebens in einer immer diverseren Gesellschaft.
Sie möchte an die Stärken des Hauses wie das forschende Kuratieren anknüpfen und freue sich, dass eine große Architektursammlung zur Verfügung stehe. Auch hebt Kleilein die internationale Bedeutung und Strahlkraft des Hauses hervor, dessen Verankerung in Wien sowie seine zahlreichen Kooperationen in Forschung und Lehre, die es unbedingt brauche. Aber wie erreicht man eine möglichst breite Öffentlichkeit?

Analog und Digital
Die neue Direktorin setzt neben dem analogen vermehrt auf einen digitalen Zugang. „In einer Zeit, in der das Vertrauen in die Demokratie schwindet, werden Orte der analogen Zusammenkunft immer wichtiger. Gleichzeitig ist jedoch der digitale Zugang bedeutender denn je“. Analog und digital würden einander daher keinesfalls ausschließen und das Architekturzentrum Wien der Zukunft müsse sich unbedingt zwischen diesen beiden Polen bewegen. Den digitalen Zugang auszubauen und die Plattform noch populärer aufzubereiten sei ihr daher äußerst wichtig, sodass eine vertiefte Beschäftigung mit Zukunftsfragen niederschwellig für alle möglich würde. Kleileins‘ Vision: „Ein offenes Haus, an dem Architektur nicht nur konsumiert, sondern auch koproduziert und Wissen geteilt wird, an soziale Bewegungen angeknüpft werden kann, ein Haus, in das man möglichst viele Menschen hereinholen muss“. Aber vor allem sollte man im Architekturzentrum Wien Architektur hautnah erleben.
Architektur sehen darf Spaß machen
Als Architektin sei ihr die Ausstellungsgestaltung besonders wichtig und damit der direkte Umgang mit Objekten und Räumen, deren Wahrnehmung Spaß machen dürfe.
Wie Doris Kleilein noch anmerkt, bringe sie „den Blick von außen auf die Wiener Vorreiterrolle mit“, würde doch von Berlin – ihr Lebensmittelpunkt der letzten 35 Jahre – viel nach Wien geblickt, auf den sozialen Wohnungsbau, die Stadterneuerung, das Bauen von Nachbarschaften, im Genderplanning, und sie fügt hinzu: „Auch wenn man vieles auch in Wien kritisch betrachten kann, spielt das Niveau der österreichischen Baukultur, die Architekturszene und das Architekturerbe doch eine große Vorreiterrolle“. Kaup-Hasler ergänzt hierzu durchaus stolz zu sein, dass im Az W etwas gelungen sei, nämlich „den gesellschaftlichen Diskurs, ökologische Fragestellungen oder den feministischen Blick, leichtfüßig mit Weltthemen zu verbinden“.
Auf die engen budgetären Möglichkeiten angesprochen, äußert sich Kleilein bewundernd für das Az W, das dennoch ein vielfältiges Programm mit Veranstaltungen, Exkursionen, Ausstellungen, Filmabenden umzusetzen vermag. Das kenne sie in der Form eigentlich kaum an einem anderen Ort.
Kontinuität und Erneuerung
Ihre erste Ausstellung wird Doris Kleilein erst im Herbst 2027 vorstellen, bis dahin läuft das bereits von der aktuellen Direktorin Angelika Fitz und ihrem Team erstellte Jahresprogramm.
Im Sinne der Kontinuität komme, wie Kleilein abschließend betont, dem analogen Erlebnis der Architektur im Haus natürlich auch weiterhin eine wichtige Rolle zu, allerdings solle die Sammlung stärker digitalisiert und die Webseite zu einer eigenständigen Plattform ausgebaut werden, thematisch geordnet mit Informationen über das Az W ebenso wie zu bestimmten Themen – auch mittels Videos und Abbildungen oder vielleicht sogar einem Az W-Podcast.
Es stünde zwar keinesfalls der Name Architekturzentrum Wien zur Diskussion, diesen finde Kleilein toll: „Denn eigentlich ist das Az W ein Museum, sagt damit aber ganz bewusst, ein Zentrum und für alle offen sein zu wollen – also ist der Name Az W gesetzt. Mit dem Logo aus den 1990ern könnte man allerdings durchaus noch etwas machen“.
Doris Kleilein (*1970 in Kronach) ist eine deutsche Architektin, Architekturkritikerin und Buchverlegerin. Nach dem Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin und der University of Manitoba (Winnipeg, Kanada) war sie Co-Gründerin des Architekturbüros bromsky (Berlin/Hamburg), das sich auf Bauen im Bestand spezialisiert hat. Als langjährige Redakteurin der Bauwelt und Stadtbauwelt (2005–2018) hat sie einen breiten Überblick über die Architekturszene und aktuelle Diskurse. Von 2019–2026 leitete sie den Architekturbuchverlag JOVIS in Berlin, der mit preisgekrönten Publikationen zu einer internationalen Plattform für Transformationsthemen der Architektur avancierte. Sie ist als Vortragende, Moderatorin, Beirätin und Jurymitglied tätig und schreibt seit 1996 als freie Journalistin über Architektur und Urbanismus, u. a. für Baunetz, Bauwelt, Archithese, Arch+, Hochparterre, taz, Deutschlandradio und rbb. 2020 und 2022 forschte sie am Thomas Mann House in Los Angeles zu Orten der Teilhabe.
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