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Anna Jermolaewa, Chernobyl Safari, 2014/21 Fotografie (Wildkamera-Aufnahme) Copyright: Anna Jermolaewa

Anna Jermolaewa, Chernobyl Safari, 2014/21 Fotografie (Wildkamera-Aufnahme) Copyright: Anna Jermolaewa

in ausstellung

Ein Planet der Tiere

Christine Müllervon Christine Müller
18.02.2022

Die nach der Atomkatastrophe im Kernkraftwerk von Tschernobyl rund um den Reaktor angelegte Sperrzone mit einem Radius von 30-Kilometern wurde zu einem Naturschutzgebiet. in dem fast menschenleeren, verwilderten Gebiet leben Luchse, Wölfe, Adler, Wildpferde und andere seltene Tiere. Die Künstlerin Anna Jermolaewa hat versucht, in ihrer Ausstellung Chernobyl Safari in der MAK Galerie, das von Tieren bewohnte Areal als eine Welt ohne Menschen zu denken.  

War die  Strahlenbelastung für die Tierwelt auch konstant hoch, so konnte sich die Fauna vor allem dank der Evakuierung der Bewohner, die nicht mehr in den Lebensraum der Tiere eingreifen konnten, dennoch entwickeln und vermehren. Heute ist das Gebiet Zufluchtsort für mehr als 400 Tierarten, wobei 50 davon als gefährdet eingestuft werden. 

Anna Jermolaewa, Chernobyl Safari, 2014/21, Fotografie (Wildkamera-Aufnahme) Copyright: Anna Jermolaewa / Bildrecht, Wien

Vom Menschen verlassen
Chernobyl Safari zeigt uns das Anthropozän, in dem wir leben, als von den Menschen verlassen. Da wir die Welt ohne unsere Anwesenheit nicht erfahren können, beruht die Vision einer menschenleeren Welt ausschließlich auf unserer Vorstellungskraft. Anna Jermolaewas Safari deutet letztendlich an, dass sich Tiere in einem vom Menschen zerstörten und verlassenen Habitat durchaus wohlfühlen können.
Das Projekt der Künstlerin lässt Parallelen zum naturphilosophischen Begriff der Tiefenökologie erkennen. Hierin wird davon ausgegangen, dass die Menschheit gegenüber Pflanzen oder Tieren nicht als überlegen anzusehen und zu bevorzugen ist, wenn ökologische Entscheidungen zu treffen sind. Wie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zeigt, hat die Menschheit das Potenzial, diesen Planeten mutwillig zu zerstören. Ohne Menschen hätte die Erde allerdings – vom ökologischen Standpunkt aus betrachtet – eine bessere Zukunft.
2014 und 2021 besuchte die aus Russland gebürtige und in Wien lebende Fotografin die Sperrzone, wobei sie eine Safari in dieses unverhofft entstandene Rückzugsgebiet für Wildtiere unternahm. Sie streifte durch Wälder und Felder und sammelte mit ihrer Kamera – teilweise mittels Installation von Foto- und Wildkameras – sogenannte „Safaritrophäen“. 

Anna Jermolaewa, Chernobyl Safari, 2014/21, Foto: Anna Jermolaewa / Bildrecht, Wien

Auf Fotosafari
Jermolaewas Herangehensweise ist allerdings nicht dokumentarisch: Jene Tiere, die es ihr nicht gelang zu fotografieren, skizzierte sie in Aquarellen. Für einige dieser Studien ließ sie sich von weit verbreiteten Mythen über mutierte und radioaktiv verseuchte „Monster“ in dieser Zone inspiriert. So nimmt die Künstlerin die Betrachter:innen mit auf eine Reise durch eine Art postapokalyptischen Raum und knüpft so an eine mythische Vorstellungswelt an. Entstanden ist dabei das dystopische Bild einer Landschaft, die unserem Zugriff entglitten ist. 

Die österreichisch-russische Künstlerin Anna Jermolaewa (geb. 1970) beleuchtet hyper-kulturelle Szenarien unserer Zeit. Geboren in Leningrad, das nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder in St. Petersburg umbenannt wurde, flüchtete Jermolaewa aus politischen Gründen im Mai 1989 nach Österreich. Aus Versatzstücken verschiedener historischer Kontexte und gesellschaftspolitischer Brennpunkte zeichnet sie ambivalente Bilder der Gegenwart. 

Die Ausstellung wird im Rahmen der FOTO WIEN 2022 präsentiert. 

MAK Museum für angewandte Kunst wien, MAK Galerie
Bis 5. Juni 2022
www.mak.at

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