Es ist offiziell: Die 19. Biennale Architettura ist die meistbesuchte Ausgabe seit ihrer Gründung. Von Venedig ausgehend gehen deren Ideen in die Welt und finden ihre Fortsetzung in der architektonischen Umsetzung, als lebendiges Labor zur Gestaltung unseres Planeten.
Am 23. November schloss die Architekturbiennale 2025 mit einem Publikumsrekord. Mit 298.000 verkauften Eintrittskarten und über 310.000 Besuchern verzeichnet sie die höchste Besucherzahl ihrer Geschichte. Unter dem Titel „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“ untersuchte die Ausstellung, wie sich Architektur inmitten ökologischer, technologischer und sozialer Unsicherheiten anpassen und weiterentwickeln kann.


Es geht weiter
Die Botschaft: Anstatt ihren physischen Fußabdruck zu vergrößern, stand der Fokus auf der Notwendigkeit, architektonische Praktiken zu überdenken, sich anzupassen und von der Intelligenz natürlicher, künstlicher und kollektiver Formen zu lernen. „Die eingeflossene Arbeit wird nun fortgesetzt, denn ein Großteil der Ausstellung wird weiterbestehen“, wie Carlo Ratti, Direktor der soeben zu Ende gegangenen Biennale di Architettura in einem abschließenden Statement betont. Einige Installationen werden von Venedig an andere Veranstaltungsorte verbracht, um die Botschaft der Anpassung und Wiederverwendung weiterzutragen. Auch das Ausstellungsdesign selbst startet in sein zweites Leben. Wie im Zirkularitäts-Manifest (Circularity Manifesto) dargelegt, wurden alle bereits aus recycelten Möbeln produzierte Spanplatten wieder an Gruppo Mauro Saviola geschickt, um dort zerkleinert und zu neuen Platten verarbeitet zu werden. Gruppo Saviola ist Pionier in der Entwicklung der ersten zu 100% aus recyceltem Holz bestehenden Spanplatte, deren Emissionen den Werten von Frischholz nahekommen.
Unter den vielen wegweisenden Projekten war etwa AquaPraça, der von CRA-Carlo Ratti Associati und Höweler + Yoon entworfene schwimmende Platz. Zunächst in einer vereinfachten Form als Stahlkonstruktion in Venedig vorgestellt, reiste das Projekt auf die COP30 in Belém, Brasilien und wurde dort als Erweiterung des „Hauses der elf Fenster“ im Zentrum Beléms präsentiert. Heute ist es neues kulturelles Wahrzeichen und Symbol für die Zusammenarbeit zwischen Italien und Brasilien. AquaPraça wurde zu einer dauerhaften kulturellen Infrastruktur sowie zum Vermächtnis des Beitrags Italiens zum globalen Klimadialog und zur adaptiven Architektur. An der Mündung des Amazonas in den Atlantik, wo Süß- und Salzwasser zu einem mächtigen Ökosystem verschmelzen, dient nunmehr die Guajará-Bucht als Kulisse von AquaPraça in seiner endgültigen Form.


Unerwartetes zulassen
Die Biennale wird durch Ideen weitergetragen. So hatten sich zehntausende Menschen im Rahmen der gens-Publikums Programme, in dessen Rahmen mehr als 300 Referenten am Speakers‘ Corner im Arsenale zugegen waren, mit den Themen der Ausstellung auseinandergesetzt. Eine traditionelle Abfolge geplanter Konferenzen wurde durch eine kontinuierlicher Abfolge von Workshops und Vorträgen abgelöst, deren Themen von den Teilnehmer:innen vorgeschlagen werden konnten und die sechs Monate lang täglich Gespräche, Workshops und offene Debatten ermöglichten – und unzählige dort initiierte Gespräche gehen noch immer in verschiedenen Formen weiter und Initiativen wie das Construction Futures Lab, wandelt sich zu vollwertigen Forschungsinitiativen.
Die Architekturbiennale 2025 wurde zum lebendigen Labor, zu einem Beschleuniger für Anpassung, Forschung und besondere Partnerschaften und brachte Prototypen hervor, die auch nach Ablauf der Biennale weiter begleitet und unterstützt werden, damit sie weiterwachsen können.
„Dieses Jahr haben wir versucht, uns an einer Labormentalität zu orientieren, die wir aus zwei Jahrzehnten des Experimentierens am MIT übernommen haben“, sagt der Kurator der Biennale Architettura 2025, Carlo Ratti, Professor am MIT und Politecnico di Milano und Mitbegründer von CRA. Seine Intention war es „viele Disziplinen dicht gedrängt im Arsenale unterzubringen und im engen Kontakt lange genug zu fördern, um zu ermöglichen, dass Ideen gären, aufeinanderprallen und gelegentlich auch aus dem Ruder laufen konnten. Dazu trug auch das Ausstellungsdesign bei, indem es die Projekte ineinanderfließen ließ – keinen die Objekte trennenden Korridor installierte, sondern ein gemeinsames Arbeitsfeld schuf. Wenn das manchmal unordentlich wirkte, umso besser. Ich habe ohnehin nie an geordnete Ausstellungsgestaltungen geglaubt, die nichts Unerwartetes zulassen.“
Mit dem Ende der Biennale Architettura 2025 in Venedig tritt das dort begonnene Werk in eine neue Phase ein, wie Ratti anmerkt. Die Architektur steht im Zentrum der heutigen Klimakrise. Angesichts des Wandels von Städten und Ökosystemen muss ihre Rolle über das Bauen hinausgehen und Anpassung, Innovation und Resilienz umfassen. Mit einem dritten Manifest für den Wandel hinterlässt die Biennale ein Versprechen. Ratti hofft, dass die aus dieser Veranstaltung gewonnenen Erkenntnisse die Zukunft der Architektur weiterhin prägen werden und uns alle dazu drängen, unseren Ansatz zu überdenken und im Geiste des dritten Manifests Intelligens zu handeln.


Die lebenswerte Zukunft gestalten
Nach den Manifesten zu Kreislaufwirtschaft und Anpassung, geht es nun im dritten und letzten Manifest um die Architektur selbst, ihre Dringlichkeit, ihr Versprechen und ihre Kraft, die Welt, in der wir leben, zu gestalten. Es ist ein Aufruf, die zentrale Bedeutung des Designs in der heutigen Zeit anzuerkennen.
Es begann mit einer dringenden Erkenntnis: „Die entscheidende Herausforderung unserer Zeit ist die Anpassung an einen sich verändernden Planeten. Die Architektur steht im Mittelpunkt dieser Herausforderung“. Die vergangenen sechs Monate war die Biennale Architettura ein Kaleidoskop von Ideen und Experimenten, in dem alle Formen von Intelligenz – eine natürliche, künstliche, kollektive – miteinander verschmolzen.
Durch gemeinsamen Forschergeist wurde alles zusammengehalten, als eine Art Petrischale, in der Konzepte aufeinanderprallen, sich verwandeln und wachsen. Auch wenn die Ausstellung nun zu Ende geht, soll dieser Experimentiergeist in die tägliche Praxis weitergetragen werden.
„Die Architektur kann eine neue zentrale Rolle bei der Gestaltung der Veränderungen der kommenden Jahrzehnte einnehmen“, ist Carlo Ratti überzeugt. „Sie kann uns bei der Anpassung an einen sich wandelnden Planeten leiten und dabei nicht nur Einfluss darauf nehmen, wie wir bauen, sondern auch darauf, wie wir leben“.
„Architektur muss nicht in Vergessenheit geraten, sondern kann dazu beitragen, die Utopie einer lebenswerteren Zukunft zu gestalten“, zitiert Carlo Ratti abschließend Buckminster Fuller.






