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Facciata, Fassade titelt das Projekt, das ECAL/ Ecole cantonale d’art de Lausanne und Mutina für das Festival des Cabanes 2026 in den Gärten der Villa Medici in Rom entworfen haben. Foto: Daniele Molajoli

Facciata, Fassade titelt das Projekt, das ECAL/ Ecole cantonale d’art de Lausanne und Mutina für das Festival des Cabanes 2026 in den Gärten der Villa Medici in Rom entworfen haben. Foto: Daniele Molajoli

in sehenswert

Es lebe die Hütte

Christine Müllervon Christine Müller
13.09.2026

Noch bis 28. September läuft das „Festival des Cabanes“ der Villa Medici in Rom. In deren historischen Gärten wurden sechs bislang nicht veröffentlichte Entwürfe internationaler Teams aus Architekt:innen und Architekturstudierenden aufgebaut und können zum Teil auch begangen werden.

Das „Festival des Cabanes“ der Villa Medici feiert 2026 seine fünfte Ausgabe. Als Brücke zwischen Architektur und Landschaft verwandelt das Festival seit seiner Gründung jeden Sommer die historischen Gärten der französischen Akademie in Rom in eine Werkstatt architektonischen Experimentierens und des praxisbezogenen Schaffens. In Rahmen des diesjährigen Festivals können bei einem Spaziergang durch die Gärten sechs Hütten besichtigt werden. Ebenso geboten wird eine temporäre Buchhandlung und ein multidisziplinäres Kunstprogramm.

Eine Idee mal sechs

Die Idee der Hütte, die dem Festival seinen Namen verleiht, wird zum Ausgangspunkt eines Dialogs zwischen Architekt:innen, Designer:innen, Künstler:innenn und Denker:innenn, in dessen Mittelpunkt einige Fragen stehen, wie etwa: Wie lassen sich architektonische Formen konzipireen, die nicht in die Umgebung eingreifen? Welche nachhaltigen Wohnlösungen können den Herausforderungen unserer durch menschliches Eingreifen veränderten Lebensräume gerecht werden? Die aus Holz, Metall oder wiederverwerteten Materialien gefertigten Hütten werden in den Renaissance-Gärten der Villa Medici errichtet.
Das Festival verbindet damit architektonische Innovation mit zeitgenössischem Schaffen und sucht die Landschaft eines kunsthistorisch wertvollen Kontextes aufzuwerten.
Man kann bei einem Besuch von einem Hüttenentwurf zum nächsten spazieren und dabei in den Gärten verweilen, die gemeinsam mit der Librairie 7L zusammengestellte Buchhandlung erkunden oder am reichen begleitenden Veranstaltungsprogramm teilnehmen. 

Il Duomo Invertito lautet der Name des Projekts des Brüsseler Studios Bento Architecture. Foto: Daniele Molajoli

Il Duomo Invertito
des Brüsseler Studios Bento Architecture interpretiert das Urbild der römischen Kuppel neu und stellt gängige Konventionen auf den Kopf. An die Stelle klassischer Monumentalität tritt die Leichtigkeit einer schwebenden, linearen Struktur. Die Architektur ruht nicht mehr auf dem Boden, sondern wird zu einem Zeichen im Raum. Die schwebende Kuppel bietet den Besuchern einen ätherischen Zufluchtsort, eine Oase der Frische, belebt durch das einfallende Tageslicht und den Regen, der durch das Okulus, ihre zentrale Öffnung, fällt.
Die zarte Struktur besteht aus Holzstangen, die mittels abnehmbarer Stahlplatten miteinander verbunden sind. Gedeckt ist die Kuppel mit Dachziegeln aus Myzel, vollständig kompostierbar wird es sich nach Ende der Ausstellung wieder in den Boden integrieren.
Die organische Installation und lädt auch zum Nachdenken über die Beständigkeit architektonischer Formen ein, sowie über die Zerbrechlichkeit lebender Materie.
Vom Centre Wallonie-Bruxelles in Paris mitproduziert, soll die Installation 2027 dort präsentiert werden.

Das Projekt „Facciata“ setzt auf Vereinfachung: Von der Idee des Hauses bleibt nur eine einzige, als Fragment konzipierte Wand, übrig. Foto: Daniele Molajoli

Facciata
Jedes Jahr lädt die Villa Medici eine Hochschule oder Kunstschule ein, gemeinsam mit ihren Studierenden ein Projekt für das Festival des Cabanes zu realisieren. Diesmal nimmt die „ECAL/Ecole cantonale d’art de Lausanne“ gemeinsam dem italienischen Keramikfliesenhersteller Mutina, begleitet vom französischen Designer Ronan Bouroullec, teil und schafft mit diesem Entwurf, der auf einem Trompe-l’œil-Effekt basiert, ganz neue Synergien. Das Projekt „Facciata“ setzt auf Vereinfachung: Von der Idee des Hauses bleibt nur eine einzige, als Fragment konzipierte Wand, übrig. Die Architektur wird damit allein auf diese Wand, ohne Innenraum oder vorgegebene Funktion, reduziert. Trotz dieser Reduktion hat das minimalistische Element Einfluss auf den umgebenden Raum: Es wirft einen Schatten, bietet einen Rastplatz und zeichnet neue Wege in die Landschaft. Besucher:innen sind eingeladen, um die Installation herumzugehen, das Spiel aus Texturen und Details zu entdecken, die sich erst aus der Nähe offenbaren. Je nach Tageszeit und Blickwinkel belebt das Licht die aus Keramikfliesen bestehende Wandoberfläche und verändert damit auch die Wahrnehmung des Objekts. 

Creetopia, der französischen Fondation Huttopia aus Lyon, präsentiert den Prototyp einer zeltähnlichen Behausung der indigenen Bevölkerung Norkanadas, der Cree. Foto: M3 Studio 

Creetopia 
entstand aus einer 2019 begonnenen Zusammenarbeit zwischen der Fondation Huttopia und der Cree Outfitting and Tourism Association (COTA) zur Realisierung eines Prototyps einer leichten Architektur, der auf dem Gebiet der Cree-Nation von Eeyou Istchee im Norden von Québec konzipiert wurde.
Inspiriert hat man sich dabei am traditionellen Wissen der Cree, der indigenen Bevölkerung dieser Region. Der Entwurf verbindet die hohe technische Raffinesse, zeitgenössisches Design und die Achtung vor dem überlieferten Wissen der Cree und deren Traditionen. Die demontierbare und nachhaltige Konstruktion ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den traditionellen Stätten und eines Dialogs mit den Ältesten und Beschützern unseres Planeten. Über die reine Funktion des Wohnens hinausgehend, widerspiegelt Creetopia ein Modell für bewussten Tourismus, bei dem die Unterkunft zu einem Ort kultureller Vermittlung wird.
Der Sommer 2023 markierte einen Wendepunkt für das Projekt: Waldbrände epischen Ausmaßes verwüsteten Millionen Hektar des borealen Waldes, zwangen mehrere Cree-Gemeinschaften zur Evakuierung und bedrohten die Unversehrtheit ihres Landes. Das in der Villa Medici ausgestellte Objekt zeugt von dieser Verletzlichkeit und versteht sich als Manifest, um gemeinsam mit den Gemeinschaften konkrete Lösungen für die Widerstandsfähigkeit in einer der extremsten Umgebungen der Welt zu entwickeln.

In Reassembled Views der Kunst- und Designakadedmie NABA wird Material der Installation des Festivals im Vorjahr wiederverwendet und zu einer leichten Sitzlandschaft zusammengestellt. Foto: Daniele Molajoli

Reassembled Views
Die renommierte Kunst- und Designakademie NABA, Nuova Accademia di Belle Arti, die ihre Standorte in Mailand und Rom unterhält, nimmt mit ihrem Entwurf Bezug auf die Wiederverwendung von Materialien.
Das Projekt einer Sitzlandschaft „Reassembled views“ geht auf eine Studie von Studierenden des Bachelor-Studiengangs Design an der NABA in Rom anlässlich des Festival des Cabanes 2025 zurück. Im Mittelpunkt der Arbeit stand die Dekonstruktion der Hütte 7L, die das Architekturbüro MBL Architectes (Sébastien Martinez-Barat, Benjamin Lafore, Florian Jomain) 2025 entworfen hatte. „Reassembled views“ basiert auf der Wiederverwendung jener Hohlziegel (hergestellt in Latium), aus denen die Struktur der damaligen Hütte bestand. Durch kreatives neuerliches Zusammensetzen werden die Module in zeitgenössische Sitzgelegenheiten verwandelt, die für die Verwendung im Außenraum geeignet sind. In den Gärten der Villa Medici laden diese Installationen nun die Besucher zum Ausruhen und Innehalten ein und inspirieren so zu einem Dialog über die Vergänglichkeit der Architektur der vorherigen Ausgabe und der heutigen historischen Landschaft.

Mit einer Bodenfläche aus Travertin und mit Wasser gefüllten Terrakottagefäßen möchten die Architekturbüros PRÌA aus Frankreich und VELIA aus Italien ein natürliches Kühlsystem schaffen. Foto: Antoine Gouachon

Aquifère
ist der Name des Entwurfs zweier Architekturbüros, PRÌA aus Saint-Laurent-la-Vernède, in Frankreich und dem römischen Büro VELIA. „Aquifère“ bietet eine konkrete Lösung für die zunehmenden Hitzewellen. Die zwischen den Orangenbäumen im Garten der Villa Medici installierte Anlage nutzt das Zusammenspiel einfacher Materialien und Wasser, um ohne mechanischen Energieverbrauch, für Abkühlung zu sorgen.
Ein Sockel aus Travertin der Steinbrüche von Tivoli und ein System aus miteinander verbundenen Amphoren aus Terrakotta, die historisch zur Bewässerung verwendet wurden, schaffen ein natürliches Kühlsystem. Der Naturstein fungiert hier als Speichergestein. Dank seiner Porosität nimmt er Wasser auf, speichert es und gibt es über das Duschsickern an seine Oberfläche wieder ab. Durch die Verdunstung beim Kontakt mit der warmen Luft entzieht dieser langsame und kaum wahrnehmbare Prozess der Umgebung Wärme und verbindet sich dabei synergetisch mit dem Schatten der Orangenbäume und der natürlichen Luftzirkulation, was zur Kühlung der unmittelbaren Umgebung beiträgt.
Das als experimenteller Prototyp konzipierte Projekt wird vom Klimatechnikbüro TRIBU sowie anhand der direkten Erfahrungen der Besucher:innen bewertet. Als eine Art Test für ein passives und reproduzierbares städtisches Kühlsystem, wird hiermit die Möglichkeit untersucht, öffentliche Räume in Infrastrukturen thermischen Wohlbefindens zu verwandeln. Die Installation, die auf dem Prinzip der Verdunstung basiert, trägt dazu bei, punktuell auch die Temperatur im Garten der Villa Medici zu senken, und wird damit auch zum Modell für ein „gemeinsames Wassermanagement“, als eine Möglichkeit, den klimatischen Herausforderungen in städtischen Umgebungen zu begegnen.

Cabane 7L und Librairie L des spanischen Architekturbüros salazarsequeromedina laden mit Büchern zu den Themen Kunst und Geisteswissenschaften zum entspannten Lesen und Nachdenken ein. Foto: M3 Studio

La Cabane 7L e la Librairie 7L 
Das spanische Architekturbüro salazarsequeromedina (mit Sitz in Madrid/Spanien, Lima/Peru und New York/USA) ist gleich zweimal vertreten. Zum einen mit der Hütte „Cabane 7L“, einem Lesepavillon inmitten der Gärten, der von der „Stanza degli Uccelli“ der Villa Medici inspiriert ist und den Besucher:innen einen Platz zum entspannten Lesen und Nachdenken bieten möchte.
Mit der „Librairie 7L“, einem Buchladen, bietet man außerdem eine Auswahl an Büchern rund um die Themen des Festivals an. Als Partner des „Festival des Cabanes“ bietet die von Karl Lagerfeld gegründete Librairie 7L eine Auswahl an Büchern aus den Bereichen Kunst und Geisteswissenschaften, die sich thematisch mit den Verbindungen zwischen Architektur und Natur befassen.
„La Cabane 7L“ interpretiert den von Jacopo Zucchi in der Renaissance mit Fresken verzierten Vogelraum der Villa Medici neu, in dem das Motiv der Voliere ein erstes „Raumkonzept“ darstellt, und damit das Durchschreiten und bewusste Erleben der Medici-Gärten prägt. Ende des 16. Jahrhunderts ließ Kardinal Ferdinando de’ Medici die Gärten seiner römischen Villa anlegen, um landwirtschaftliche Produktivität und ästhetische Pracht miteinander zu verbinden. Die botanische Vielfalt spiegelte das dynastische Ansehen des Kardinals und die wissenschaftliche Neugier der damaligen Zeit wider, während Pergolen, Loggien und Orangerien als protoräumliche Elemente dienten, um Licht, Mikroklima und empfindlichste Pflanzenarten zu kontrollieren. Die Cabane 7L fügt sich in diese Kontinuität ein. Leicht und offen gestaltet, ist sie als Sommerpavillon konzipiert, der die Idee der Pergola neu interpretiert und einen schattigen Rückzugsort zum Ausruhen, Nachdenken und Betrachten bietet. Die gewölbte Struktur verbindet Bewegung, Luft und Licht; ein erhöhter Aufenthaltsbereich wird zum Aussichtspunkt, auf das geordnete Raster der Gärten und über die Stadt.

www.villamedici.it

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