Der einfühlsame Dokumentarfilm „Lois Weinberger – Ruderal Society“, der erstmals im Rahmen der Viennale 2025 zu sehen war, eröffnet einen tiefen Einblick in Weinbergers einzigartige Arbeit, seine neue Art des Verständnisses einer Beziehung zwischen Kunst und Natur.
Ein Garten unterscheide sich gar nicht so sehr vom Ideal einer Gesellschaft, die niemanden ausschließe, so das Prinzip der Ruderal Society, als dessen Erfinder der Tiroler Künstler Lois Weinberger (1947-2020) gilt. Wildwuchs, Unkraut, Ruderalvegetation werden gemeinhin Pflanzen genannt, die sich ohne vom Menschen beabsichtigt zu sein, an oft städtischen ungenutzten Bereichen oder Brachflächen entwickeln. Die Standorte dieser Vegetation sind meist jene Orte, an denen vorheriger Bewuchs zerstört, das Bodengefüge verändert und somit neue Lebensmöglichkeiten geschaffen wurden. Schotter, Schutthalden oder ungenutzte Flächen sind oft Nährboden genügsamer Pflanzenarten, die sich mit unwirtlichen klimatischen Bedingungen begnügen und trotz ihres ungeliebten oder geduldeten Daseins, auch mit ihren Blüten für das Überleben zahlreicher Insekten sorgen.

Mit seiner revolutionären Kunstauffassung hatte Weinberger sich dem Blick auf eben jene Randzonen verschrieben und damit nicht nur dem botanischen und menschlichen Umfeld, sondern sozialen Phänomenen gewidmet. Als „Feldarbeiter“, als der er sich selbst bezeichnete, galt seiner künstlerische Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Natur- und Zivilisationsraum.
„Die Gärten von Lois Weinberger, in denen Pflanzen und Erde weitgehend sich selbst überlassen und Unkraut umgewertet wird, in denen das Grün migriert und Neophyten Freigang haben, erscheinen visionär. Sie sind radikaler Vorreiter und paradigmatisches Beispiel für neue Strategien im Umgang mit Natur”, formulierte es Susanne Witzgall 2011 in (re)designing nature, Hatje Cantz, 2011.
Wie ein Blumentopf, den man vergisst
Der Tiroler Künstler hatte zahlreiche Pflanzen studiert und gesammelt, um sie in ungewohnt neuen Kontexten erneut anzupflanzen, und rief hiermit das Konzept der „Ruderal Society” ins Leben. Seine Vision war es, die Idee eines Gartens zu erschaffen, der sich als Ort der Gemeinschaft verstehen lässt. Einen Ort, an dem weder Pflanzen, Tiere oder Menschen ausgeschlossen sind. Einen Ort, an dem eine neue Art des alltäglichen Zusammenlebens möglich wird. Markus Heltschl hat mit seinen eindringlichen Bildern versucht, Lois Weinbergers „Feldarbeit“ Gehör zu verschaffen.

Der Film erzählt von den Werken des Tiroler Künstlers begleitet von Interviews mit jenen Personen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, von alten Fotos und Filmaufnahmen, die Weinberger bei der Arbeit zeigen – ohne einen chronologischen Ablauf zu berücksichtigen, nicht zuletzt um allein seine Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Mit dem Film ist ein ruhiger, einprägsamer Blick auf ein einzigartiges Werk gelungen, in deren Zentrum die Person Lois Weinberger steht, der eine neue Art des Verständnisses der Beziehung zwischen Kunst und Natur ins Leben gerufen hat.
Lois Weinberger gilt als erster, der Pflanzen und unseren Umgang mit ihnen in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens gestellt hat. Er begann früh, sich nicht nur mit den ökologischen Auswirkungen unserer Lebensweise auseinanderzusetzen und uns diese vor Augen zu führen, sondern mahnte symbolisch anhand ungeliebten und dennoch sprießenden Unkrauts auch vor den sozialen und politischen Folgen einer Ausgrenzung eigewandeter fremder Völker.
Weinbergers Werk umfasst nicht nur Bilder sondern auch das geschriebene Wort, seine Gedichte, die im Film immer wieder aus dem Off zu hören sind, machen bewusst, welche Poesie seiner Arbeit innewohnt. „Empathisch porträtiert Markus Heltschl diesen Pionier einer revolutionären Kunstauffassung, der an der Schnittstellt zwischen menschlichem und botanischem Raum operierte. Seine poetischphilosophische Feldarbeit sprengte die Kategorien und war zukunftsweisend. Aus den Zeugnissen kluger Weggefährten und in angemessener formaler Freiheit entsteht ein Bild eines politischen wachen Künstlers, der einmal sagte, die Essenz seiner Arbeit wäre ein Blumentopf, den er irgendwo vergisst“, wie Gerhard Midding auf der Website des Künstlers äußerst treffend formuliert.
Auf die Frage, was Lois Weinberger zum neuen Kinofilm wohl gesagt hätte, meint seine Witwe Franziska: „Er wäre sicher nicht zufrieden, weil die Unzufriedenheit war für ihn ein Motor seiner Arbeit und seines Wesens.“ Und ein Satz ihres verstorbenen Mannes gefalle ihr besonders: „Vielleicht wird man in 100 Jahren sagen, was waren das für Barbaren am Anfang des 21. Jahrhunderts, die haben sogar Pflanzen gefressen.“
Der Film, der erstmals auf der Viennale präsentiert wurde, ist 2026 österreichweit im Kino zu sehen.
23. und 24.3.2026, 16:00 Uhr Innsbruck, Leokino






