Der Architekturpreis Südtirol, der 2026 zum elften Mal verliehen wurde, hat sich auch über die Landesgrenzen hinaus als wichtige Auszeichnung etabliert. Im Fokus stehen Vielfalt, Qualität und die gesellschaftliche Relevanz zeitgenössischer Architektur. Was die ausgezeichneten Projekte bei aller Vielfalt der Bauaufgaben eint ist deren sensible respektvolle Haltung gegenüber dem Bestehenden.
Nicht zuletzt auch angesichts einer stetig wachsenden Bautätigkeit in Südtirol versteht sich der Architekturpreis als eine Art Impulsgeber für eine bewusste Auseinandersetzung mit Baukultur. Man möchte damit Aufmerksamkeit von Gesellschaft und Politik schärfen und den offenen Diskurs anregen.
Architektur darf polarisieren, gesellschaftlich wie politisch. Auch die diesjährigen Siegerprojekte machen dies deutlich. Sie alle zeichnet ein klares Bekenntnis zum Ort, zu dessen Geschichte und dessen Umgebung aus. Sie alle bieten einen Beitrag zur Baukultur und die Planer:innen treten allesamt hinter ihre Werke zurück. Nicht die Architekt:innen stehen im Mittelpunkt, sondern das Bauwerk, das die Geschichte des Ortes weitererzählt und als zeitgenössische Präsenz eine baukulturelle Kontinuität weiterdenkt.
Von den 157 in den letzten vier Jahren realisierten Einreichungen, hat die Jury – Architektin Anna Popelka (A), Architektin Katharina Volgger (I/DE) sowie Architekt und Stadtplaner Matteo Motti (I)32 Nominierungen ausgewählt. Angesichts der hohen Qualität der eingereichten Projekte, die durch ihre große Vielfalt und bemerkenswerte Präsenz im gesamten Land beeindruckten, fiel der Jury die Wahl nicht leicht. Neben den Gewinner:innen in jeder Kategorie – Instandhaltung; Bauen im Bestand; Innenraum; Junge Architektur; Öffentliche Bauten, Landschaft, soziale Infrastruktur; Öffentlich; Arbeit und Tourismus; Wohnen – wurden mehrere Auszeichnungen Ex-aequo sowie Anerkennungen zuerkannt, um den Fokus bewusst auf die große Bandbreite hochwertiger und vielfältiger Lösungsansätze zu lenken. Ein Sonderpreis widerspiegelt dabei das Verständnis für die Nutzung von Raum im Bestand wie auch im weitläufigen regionalen Umfeld.

Aus den Ort heraus denken
„Vielleicht war es nie so herausfordernd, Architekt:in, Städteplaner:n, Raum- und Landschaftsplaner:in zu sein wie gerade heute – und sicher war es nie so spannend. Der gegenwärtige Zustand der Welt braucht mehr denn je vorausschauende, produktive Zukunftsgestaltung, auch Planung genannt. Diese Aufgabe wird in Südtirol in vielen Bereichen mit großer Selbstverständlichkeit wahrgenommen“, merkt die Jury an, die im Rahmen ihrer Besichtigungstour der Nominierungen mit einer offensichtlichen Fähigkeit der Teilnehmenden konfrontiet war, „auf die jeweils vorgefundene Situation synergetisch harmonisierend zu reagieren“. Und bei Betrachtung aller Projekte fällt außerdem auf, dass es angesichts des hohen, in Südtirol fast selbstverständlich scheinenden hohen Niveaus an Handwerkskunst gelingt, mit Sensibilität, jedoch ohne zu sehr ehrerbietendem Kniefall vor der Vergangenheit, sichtbar Neues zu schaffen. „In einem Tal oder an einem Berghang zu arbeiten, bedeutet hier weit mehr, als sich mit Wänden und Dächern zu beschäftigen: Es bedeutet, dem Gebiet zuzuhören, seine Rhythmen, seine Begrenzungen und seine Traditionen zu verstehen oder eben neu zu interpretieren“, heißt es von der Jury weiter. Auch die Art und Weise, wie Planer:innen in Südtirol das Verhältnis zwischen Kontext, Geschichte und zeitgenössischen Anforderungen analysieren, hat die Jurymitglieder durchaus fasziniert.

Geschichte weitererzählen
Eben diese Haltung macht den Südtiroler Architekturpreis zu einer ganz speziellen Auszeichnung, die keinen einzelnen Stil oder kurzfristigen Trend abfeiert, sondern jene Ansätze ehrt, „die aus dem Ort heraus denken, die Bedingungen ernst nehmen und daraus eigenständige architektonische Antworten entwickeln“, steht in einem Text der Jurymitglieder, der unter dem Titel Das Wort der Jury in der Südtiroler Zeitschrift Turris Babel #141/2026 veröffentlicht wurde. Dort heißt es weiter: „Wir denken, dass adaptive Wiederverwendung mit einer einfachen, aber grundlegenden Geste beginnt: Der Entscheidung, Bestehendem ein zweites, drittes oder viertes Leben zu schenken, oder eben auch Neues so zu entwickeln, dass durch seine räumliche und infrastrukturelle Logik künftige Anpassungen zulässt. In der Architektur bedeutet dieser Ansatz, Gebäude als lebendige Organismen voller Erinnerungen zu sehen. Wenn ein Gebäude seine Funktion ändert, ist das nie nur eine Nutzungsänderung, es ist immer eine Bedeutungsänderung“.
Ein wichtiger Aspekt, der in die Entscheidung der Jury einfloss, ist die bei allen Bauwerken erzeugte Kontinuität, die Vergangenheit nicht auszulöschen, sondern vielmehr zu verwandeln und deren Geschichte weiterzuerzählen. Hierbei sind der respektvolle Umgang mit dem Bestand im Sinne eines Weiterbauens oder einer Wiederverwendung des Bestehenden in einer neuen Nutzung, sei es die weitere Verwendung von Bauteilen, um Abriss zu vermeiden, Abfall zu reduzieren und weiteren Bodenfraß zu verhindern, in einer „feinen Balance aus Aufmerksamkeiten“. Die Jury erkannte im Nicht-Vollendeten einen ganz besonderen Reiz, im Prozess Gebautes über die Zeit nicht als abgeschlossen zu sehen, sondern vielmehr als offenes System, das offen dafür ist, weitergebaut zu werden, denn so die Jury: „Das Unvollendete macht ein Bauwerk lebendig. (…) Es schafft Raum für programmatische Anpassung, Pflege und das kleine tägliche Weiterbauen, das erst über Jahre und Generationen seine Gestalt hervorbringt. Es akzeptiert Spuren, Reparaturen, Ergänzungen“.

Ausgezeichnet
Sanierung Alter Widum Tartsch von Architekt Christian Kapeller bedeutet nichterhalten als Nostalgie, sondern als Haltung. Die Rücksicht und Pflege des bestands ist hier ein grundlegendes Prinzip des architektonischen Denkens, nicht nur im Umgang mit den Materialien, sondern auch in der unumgänglichen Weiterentwicklung der Struktur an sich und der Bedürfnisse deren Bewohner:innen. Architektur bedeutet hier freilegen, sichtbarmachen, beschützen und im Sinne des Unfertigen weiterbauen.
Bauen im Bestand DerZischglhof wird heute von einer Familie bewohnt. Die gebaute Struktur steht nicht unter Denkmalschutz, dennoch war es der Wunsch der Bauherr:in die historische Substanz zu erhalten und der aktuellen Nutzung entsprechend weiterzubauen. Das slovakische Büro Pavol Mikolajcak Architects hat diese Aufgabe mit Bravour und viel Sensibilität für den Bestand gelöst.
Innenraum Für den Firmensitz von Eisack Beton haben pedevilla architects die Innenräume des Bestandsbaus für eine Reihe von Inszenierungen genützt. Die Raumabfolge widerspiegelt ein klares programmatisches Profil und eine klare ausdrucksstarke Note. Prämiert wurde das ausgnags nicht in dieser Kategorie eingereichte Projekt dennoch für seinen experimentellen Umgang mit dem Material Beton, das nie als reiner Dekor zum Einsatz kommt, sondern im Sinne eines passionierten Interesses an der Forschung. Hier wird nicht ausgestellt, sondern experimentiert.
Junge Architektur Der Eingang in die Leichenkapelle Lorenzen von Studio Paradiso konzentriert sich auf eine zarte Trennung zweier Bereiche. Dem minimalen, kaum wahrnehmbaren Eingriff in die Substanz gelingt es dennoch die Raumwahrnehmung zu verändern. Die zweiflügelige Türe wird zur Choreografie und zum Zeichen der Gemeinschaft: die Kapelle öffnet sich ebenso nach außen wie der Erinnerung.Ex Aequo geht der Preis an das Projekt Alter Stadel – Maireggerhof von Philp Steger. Entgegen die allgemeine Ansicht, dass Bauen in Tourismusregionen oft eine die Landschaft beeinträchtigende Zerstörungskraft innewohnt, wird der Bauaufgabe hier mit konsequenter Unsichtbarkeit entsprochen. Wie der Architekt selbst hervorhebt, zeigt sich der Eingriff gleichsam verhalten und radikal: Im inneren des Bestands entstand von außen fast unsichtbar, auf zwei Geschoßen ein zeitgenössisches großzügiges und kompromissloses Wohnhaus, als wäre es ein Haus im Haus.


Öffentlicher Raum, Landschaft und soziale Infrastrukturen Ausgezeichnet wurde das Projekt Verbindungen – adler historic guesthouse + kontrapunkt – badhaus von Bergmeister Wolf Architekten und wurde von der Jury als Beitrag in der Kategorie öffentlicher Raum, Landschaft und sozialer Infrastruktur zugeordnet. Im historischen Ortskern von Brixen gelegen, wurde der architektonische Beitrag sowie der holistische Ansatz einer Vermittlung zwischen den Interessen von Anwohner:innen, Kommunalverwaltung und Eigentümer:innen, bewertet. , mit dem Ziel einer spürbaren qualitativen Verbesserung des urbanen Gefüges durch die Schaffung durchgängiger öffentlicher Plätze mit der Weiterführung des engmaschigen zum Teil überdachten Fußwegenetzes.
Öffentlich Die neue Feuerwehrhalle Vetzan der ARGE der ArchitektenLukas Wielander, Martin Trebo und Martin Egger überzeugt durch ihre konsequente Einfachheit und eine hohe Sorgfalt im Detail. Eine reduzierte Architektur wird gemeinsam mit dem Künstler Manfred Alois Mayr durch ein fein abgestimmtes Farb-, Material- und Oberflächenkonzept präzisiert und erhält eine starke Identität.
Arbeit und Tourismus Preisträger ist das Schutzhaus Santnerpass 2.734m von Senoner Tammerle Architekten. Die Jury würdigte die architektonisch raffinierte Umsetzung von Zeitlosigkeit und Einfachheit trotz der baulichen Komplexität im Hochgebirge sowie die hohe Präzision in Raumnutzung und Detail.
Es Aequo geht der Preis auch an Flaim Prünster architekten für Ihr Projekt Gretl am See, Unterkünfte für Mitarbeiter:innen. Die neue Architektur kommt ganz ohne Anpassungs- und Unterordnungsreflex aus. Sie erweitert das vorhandene Ensemble auf Augenhöhe, mit Selbstbewusstsein und einer Prise Hedonismus. Die außenliegende Stahlkonstruktion wird weitergezogen und mit Witz und Liebe zum Detail zelebriert.
Wohnen Der Preis in dieser Kategorie geht an Gartenheim von vuotovolume Architekten GmbH. In diesem Projekt werden zwei Häuser in einer originellen, raffinierten Lösung baulich miteinander vereint. Von der Straße gesehen scheint dieses Haus nur ein bewohntes Erdgeschoss und ein großes Dach zu besitzen. Dadurch, dass die erste Wohnung nach außen und die zweite geschickt nach innen konzipiert wurde, scheinen die Proportionen des Dachs weitaus großzügiger als die wahrgenommene Wohnfläche. Das Verhältnis von 1:2 ist eine zeitgenössische Hommage an die Dachtradition der Südtiroler Bergbauernhöfe.
Sonderpreis Aus der ehemaligen Drusus Kaserne wird eine Infrastruktur des Austauschs. Nicht durch große architektonische Gesten. Place Making als kollektiver Prozess, als sozialer Raum im Werden, ist ein prägender Bestandteil der Architektur. BASIS Vinschgau ist Architektur im Gebrauch. Im Mittelpunkt steht hier das radikale Raumgeben für diverse Nutzungen.
Architekturstiftung Südtirol/Fondazione Architettura Alto Adige






