Triest, die traditionsreiche Stadt an der Adria erschließt sich einem nicht auf Anhieb, sie verlangt ihre Zeit, um sich einem zu öffnen, und fordert ihre Besucher:innen heraus. Das Buch „Triest für Fortgeschrittene“ ist kein druckfrisches Werk, aber es ist der perfekte Reisebegleiter für all jene, die dennoch diese rüde Schönheit kennenlernen möchten.
Triest, die Hafenstadt mit ihrem morbiden Charme will erforscht, verstanden und durchschaut werden. Die Autoren Georges Derues und Erich Bernard, laden ein, die Stadt zu erkunden und lüften all ihre Geheimnisse, führen an die historischen Orte und in ihre zum Teil dunkle noch nicht aufgearbeitete Vergangenheit. Beide kennen Triest als dessen Bewohner und laden ein, ihr Wissen, ihre Geheimnisse und ihre Lieblingsorte rund um das faszinierende architektonische Erbe der Stadt zu teilen und gemeinsam zu erkunden.
„Das Buch für alle, die glauben, in Triest schon alles gesehen zu haben“, heißt es auf dessen Rücken. „Die Stadt erwartet, dass man sich auf sie einlässt, auf ihren rauen, oft melancholischen Charme, sich mit ihrer bewegten Geschichte beschäftigt, mit ihrer speziellen geografischen Lage und mit dem Gemisch aus Völkern, Sprachen und Kulturen, die sie geformt hat“.
Vor allem triestinisch
Georges Desrues und Erich Bernard vermitteln ihr fundiertes Wissen auf eine sehr konsequent lockere Art, sie erzählen von Vergangenem und Heutigem, von Gebautem und Gelebtem ebenso wie sie in die angesagtesten Winkel und besten Lokale führen, von denen jedoch eher die Triestiner wissen und dort keine Touristenhorden zu erwarten sind. Als Lesende und Lesender hat man den Eindruck die wirklichen Geheimtipps bester Freunde teilen zu dürfen.
Oft hieße es ja, Triest sei gar nicht das echte Italien, schreiben die Autoren. „Und das mag in gewisser Weise ja auch stimmen. Zumindest sehen das nicht nur viele Besucher, sondern etliche Italiener und gar nicht wenige Triestiner so“, steht da zu lesen. Und eben genau darin, sehen die beiden Autoren auch den „wahren Reiz dieser außergewöhnlichen Stadt am Schnittpunkt der Kulturen, im Nirgendwo zwischen Norden und Süden und am Übergang von West nach Ost“.
„Wer sich also die nötige Zeit nimmt, wird alsbald zweierlei erkennen. Zum einen, dass die Stadt ihr Anderssein mit Stolz lebt und es längst zu ihrem Wesen gemacht hat. Und zum anderen, dass das vielgerühmte Licht des Südens, das Besucher aus dem Norden seit Jahrhunderten nach Italien zieht – wenngleich gefiltert und zuweilen gebrochen -, letztendlich auch in Triest strahlt“.

Am Schnittpunkt der Kulturen
Den Rundgang durch die Stadt startet man mit der „Sehnsucht der Habsburger“, ein Kapitel, das Bezug nimmt auf Triest und das Meer, jener Stadt also, von der es heißt, sie sei der einzige Ort Italiens, von dem aus man die Alpen hinter dem Meer sehen könne. An besonders klaren Tagen kann man dieses Schauspiel auch wirklich erleben, dann trifft der Blick von der Piazza Unità d‘Italia, dem Hauptplatz direkt am Meer, über die Adria bis zu den schneebedeckten Gipfeln – als wirklich spektakuläres Erlebnis. Von dort geht es weiter zu einem Spaziergang durch den alten Hafen mit seinen verfallenden Lagerhäusern und verrostenden Kränen. Ein Ort der nicht nur seine glorreiche Vergangenheit in Erinnerung ruft, sondern auch eine neue Zukunft bereits geplanter städtebaulicher Ambitionen vermittelt. Über den neuen Hafen geht es weiter zu den Fischern und deren Angeboten, inklusive eines hilfreichen Fischratgebers und kulinarischen Tipps, wo man diese dann auch gleich genießen kann. Ein Blick auf die möglichen Badeplätze, also jene zahlreichen Orte, an denen das Baden im Meer von historischen Strandbädern bis zu frei zugänglichen Stellen möglich ist. Es folgen Erläuterungen zu Begriffen wie „Bubez“, „Krafen“ oder „Tartaifel“, die man sich ohne ein wenig „Triestinisch-Dialekt-Nachhilfe“ erst mühevoll selbst erarbeiten muss. Und so geht es weiter durch die Stadt, durch San Vito, den Villenbezirk der Wohlhabenden vorbei an eindrucksvollen Bauten des Liberty bis zum geheimen Wahrzeichen Triests, der blauen Tram, der Straßenbahnlinie 2, deren Fahrt an der Piazza Oberdan beginnt und bis zum Obelisken von Opicina führt. „Seit 1834 markiert er den Endpunkt der im selben Jahr fertiggestellten Triester Straße und zugleich den Anfangspunkt der hier beginnenden Wiener Straße. Weithin und bis hinab in die Stadt sichtbar, erinnert der Obelisk an der Kante zum Karst-Hochplateau an die Verbindung zur fernen früheren Hauptstadt Wien“.

Es gibt zahlreiche Tipps zu kulinarischen Hotspots, zu Bars, Buffets, Brauereien und Bierlokalen und Kaffehäusern, ohne die Triest wohl unvorstellbar wäre. Denn unbestritten ist, „dass der Triester Hafen die Grundlage der viel gerühmten Wiener Kaffeehauskultur bildete“, wie man im Kapitel „Bohnen für Mitteleuropa“ lernt. Zum Schluss gibt es noch einen äußerst interessanten Exkurs zur Architektur zur Zeit des Faschismus, in der städtebaulich Interessantes und der Grundstein des modernen Triest entstanden ist. Museumstipps, ein Blick auf die bauliche jüdische Vergangenheit, auf die späte Annäherung an Slowenien, einen Exkurs zu Bauten der Nachkriegszeit und das Buch schließt mit einigen Übernachtungsmöglichkeiten. Und natürlich hat der Band noch eine ganze Menge mehr Lesenswertes zu bieten.

Die Lust, nach Triest zu reisen, um die Stadt zu erkunden, ist jedenfalls geweckt. Und warum nicht mit dem Zug anreisen, mit jenem, der seit 14. Dezember 2025 direkt von Wien nach Triest fährt. Dessen erste Ankunft wurde übrigens in Triest kürzlich nicht nur als technisches oder logistisches Ereignis, sondern als bedeutungsvoller Schritt gefeiert, der Triest zurückbringt in das Herz Europas. Drei Stunden schneller in nunmehr sechs Stunden und 38 Minuten erreicht man die Hafenstadt. Auf einer Route, die nicht nur geografische, sondern auch kulturelle Bedeutung hat, und dabei auch von einer historischen und infrastrukturellen Kontinuität zwischen Adria und Mitteleuropa erzählt.






