Mit seinen präzisen Interventionen in der urbanen Infrastruktur wirft er einen kritischen Blick auf die Nutzung und Privatisierung des öffentlichen Raumes und auf psychosoziale Phänomene, die ebendort eine politische Dimension annehmen. Dem in Wien beheimatete Münchner Künstler Leopold Kessler, der seit mittlerweile zwei Jahrzehnten international präsent ist, widmet das Wien Museum die bislang umfangreichste Ausstellung seiner Arbeiten in Österreich.
Seine subtilen, oft sogar nicht genehmigten Interventionen im öffentlichen Raum mit seinen interaktiven Maschinen, die sich oft als städtisches Mobiliar tarnen, erregen immer wieder Aufmerksamkeit. Kessler (Jahrgang 1976) verlegte etwa ein signalorangenes Akademiekabel quer durch die Stadt und zapfte Strom aus einer Steckdose in der Akademie der bildenden Künste für seine Privatwohnung ab. 2022 wurde der sogenannte „Nordbahnzeh“ – ein überdimensionaler Körperteil mit stetig wachsendem Nagel, der von Passant:innen geschnitten werden konnte – in Wien zur lokalen Ikone.„Mit Leopold Kessler präsentiert das Wien Museum musa zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wieder das gesamte Werk eines lebenden Künstlers. Es ist eine einmalige Chance seine subversive Kunst, die sonst im ausschließlich öffentlichen Raum passiert, im Museum zu entdecken“, so der Kurator der Wiener Ausstellung Vincent Weisl.

Unbemerkt eingreifen
In der Ausstellung „Leopold Kessler. Arbeiten im öffentlichen Raum“sind nicht nur seine bekanntesten Werke zu sehen, es wird erstmals auch Einblick in sein skulpturales Frühwerk ebenso wie in die konzeptuellen Vorarbeiten gewährt, die vielen seiner Projekte zugrunde liegen. Kesslers Arbeiten fokussieren stets Fragen von Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raums. Seit einigen Jahren reagiert er nun auf den fortschreitenden Ausbau der Smart City und platziert als Prototypen urbaner Ausstattung getarnte Skulpturen im Stadtbild. Wichtig ist dabei, dass diese benutzbaren Maschinen auch von Passant:innen betätigt werden, die – von Wildtierkameras aufgezeichnet – letztlich im Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses stehen.
Ich möchte Kunst nah an der Härte der Realität machen, aber sie muss immer modellhaft und ohne tatsächliche Konsequenzen sein.
Leopold Kessler
„Im Unterschied zu handelsüblicher Kunst im öffentlichen Raum, der bunten Kunst der Plätze und Parks, haben LKs Werke in der Regel ein diskretes Erscheinungsbild und besitzen ein zweifelhaftes Wesen. Manche ähneln Provisorien oder haben die Gestalt von gezielter Beschädigung; Spuren und Elemente, die sich der Verantwortung ihrer Urheberschaft entziehen“, schreibt Gerd Sulzenbacher über Kesslers Arbeiten. Diese knüpfen an die lange Tradition Wiens der Skandale und Spektakel rund um die Kunst im öffentlichen Raum an, wie etwa mit dem Makart-Festzug (1879), Günter Brus’ Wiener Spaziergang (1965) oder Christoph Schlingensiefs Bitte liebt Österreich (2000), allesamt Interventionen, die mittlerweile nicht nur Teil der Kunst-, sondern auch der Wiener Stadtgeschichte geworden sind. Allerdings sind Kesslers Arbeiten kaum als Kunstintervention auszumachen, spannt er doch Stromleitungen, manipuliert Verbotsschilder oder ergänzt Verkehrszeichen und greift dabei meist am helllichten Tag unbemerkt in die städtische Infrastruktur ein.

Subtil intervenieren
Die Schau im musa gibt Einblick in die konzeptuellen Vorarbeiten zu den subtilen Aktionen und widmet sich dabei auch Kesslers skulpturalem Frühwerk. So steht zum Beispiel Kesslers Arbeit „Diplom“ prototypisch für die an Privatisierungs- und Wartungsarbeiten angelehnten Interventionen, mit denen der Künstler in den 2000er-Jahren weit über Wien hinaus bekannt wird. So steht die bloße Instandhaltung öffentlicher Infrastruktur im Zentrum – er tauscht Neonröhren im U-Bahn-Leitsystem (Repaired), restauriert den fast verschwundenen Schriftzug „Baden verboten, Lebensgefahr“ an der Isar (Renovated) und stutzt Bäume, die Verkehrsschilder überwuchern (Uncovered). Oder er privatisiert die Stadt und ihr Mobiliar: Ein Leuchtkasten über dem Eingang einer Polizeistation wird zu seinem Tresor umfunktioniert (Depot), Straßenbeleuchtungen mit Fernbedienungen (Privatized) und Telefonzellen mir Verriegelungen versehen (Secured).
Vor dem musa ist für die Laufzeit der Ausstellung Kesslers Automat Sospeso platziert, der benützt werden kann: „Caffè sospeso ist eine Tradition aus Italien: Kund:innen können im Café mehrere Kaffees bezahlen. Diese werden notiert und auf Anfrage an Bedürftige ausgeschenkt. Der Automat Sospeso ist ein Experiment: Funktioniert das Prinzip ohne zwischenmenschlichen Kontakt? Der Automat Sospeso bietet die Möglichkeit, Unbekannte per Knopfdruck auf ein Getränk einzuladen. Der Akt der Solidarität ist anonymisiert – gerade dadurch soll ein Ort entstehen, der Menschen mit unterschiedlicher Lebensrealität auf Augenhöhe miteinander verbindet,“ erläutert Kessler sein Objekt.
Dass Leopold Kessler manche Arbeiten signiert, bietet den einzigen Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine offizielle Maßnahme handelt, sondern um die Aktion eines Künstlers.


Leopold Kessler: Automat Sospeso, 2024, Foto: Bildrecht, Wien 2025, still: Leopold Kessler
Ein stiller Beobachter
Studiert hat Leopold Kessler Bildhauerei bei Pia Stadtbäumer in München und bei Michelangelo Pistoletto und Heimo Zobernig in Wien. Von 2001 bis 2005 arbeitete er im Atelier von Franz West.
In der Wiener Ausstellung gewährt er zum ersten Mal einen Einblick in den konzeptuellen Prozess seiner Arbeiten. Wirken seine Videodokumentationen oft auch spontan und minimalistisch, so erkennt man durch die ausgestellten Skizzen, Modelle und Entwurfsvarianten, wie viel Planung und Recherche den Interventionen vorangeht. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Projekte, die infolge von Ausschreibungen entstehen wie der „Nordbahn-Zeh“. Denn gewonnene Wettbewerbe ermöglichen die langfristige Präsenz seiner Arbeiten im öffentlichen Raum – unautorisierte Interventionen haben hingegen meist nur eine kurze Lebensdauer. Mit ausgewählten Fotoarbeiten ist eine weitere Facette von Kesslers Werk zu sehen, die bislang wenig Beachtung findet: der Künstler als stiller Beobachter des öffentlichen Raums.
In seinen aktuellen Interventionen geht es Kessler um die Frage, wie Menschen auf die von ihm inszenierten Situationen reagieren, er geht sogar soweit regelrechte Konfrontationen mit seinen Objekten herauszufordern. Dabei dokumentiert er anhand von Wildtierkameras etwa wie ein scheinbar an einem x-beliebigen Ort am Stubenring platziertes bauchiges graues Objekt zum Katalysator öffentlicher Aggression wird (Antagometer). Dabei ist den Passant:innen in keiner Weise bewusst, dass sie Teil eines Kessler’schen Happenings sind. „Mir wird ja oft unterstellt, dass ich irgendwelche anarchistischen Antriebe hätte. Aber es ist tatsächlich umgekehrt. Für mich ist es eine albtraumhafte Vorstellung, wenn die Institutionen, die ich auf die Probe stelle, nicht mehr funktionieren würden. Was wäre, wenn es sie nicht gäbe, wenn tatsächlich das Recht des Stärkeren herrscht? Zumindest hierzulande ist das noch nicht ganz der Fall“, sagt Kessler in einem Interview.
Der Katalog zur Ausstellung:
Leopold Kessler. Arbeiten im öffentlichen Raum, Distanz Verlag. 160 Seiten, D+E € 28,– ISBN 978-3-95476-809-7
Die Publikation, die anlässlich Leopold Kesslers Mid-Career-Retrospektive im Wien Museum musa erscheint, versammelt Texte, die erstmals eine umfassendere kunsthistorische Einordnung von Kesslers Werk zwischen Konzeptkunst, skulpturaler Praxis und gesellschaftspolitischer Intervention erlauben. Mit Beiträgen von Gerd Sulzenbacher, Caroline Lillian Schopp, Vincent Weisl und einem Gespräch zwischen Johan Hartle und Leopold Kessler.
Leopold Kessler (*1976 in München) lebt und arbeitet in Wien. Er studierte von 1996 bis 1998 an der Akademie der Bildenden Künste in München und anschließend bis 2004 an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Seine Arbeiten wurden unter anderem in Einzelausstellungen in der Malmö Konsthall, im Bunkier Sztuki in Krakau sowie in der Wiener Secession gezeigt. Zudem wurde er zur 3. Singapur Biennale, zur 10. Biennale in Lyon und zu der Manifesta 05 in San Sebastián eingeladen,
Vincent Elias Weisl, Studium der Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft, von 2020 bis 2022 Curatorial Fellow an der Stabstelle Bezirksmuseen im Wien Museum, seit 2022 Kurator für Ausstellungen im musa und kuratorische Verantwortung für die Startgalerie-Ausstellungen. Eigene Ausstellungen: Gekauft? Und dann? Neues aus der Kunstsammlung der Stadt Wien, 2018-2023 (2024), Leopold Kessler. Arbeiten im öffentlichen Raum (2025)
Bis 17. Mai 2026
Wien Museum/musa
www.wienmuseum.at






