Mit „Frauen leben im Neubühl“, ein Buch das erst kürzlich bei Jovis erschienen ist, lassen die Herausgeberinnen Sandra König, Henriette Lutz und Ulrike Schröer die Bewohnerinnen zu Wort kommen und zeigen die Diskrepanz zwischen male construction und female use.
Den Herausgeberinnen gelingt es deutlich zu machen, wie hilfreich es für planende Architekt:innen sein kann, Nutzer:innen in den Prozess zu integrieren. „Im Sinne der sozialen Verantwortung der Architektur“, schreibt Henriette Lutz in ihrem Beitrag, „muss der architektonische Entwurf im Entstehungsprozess kontinuierlich mit den Perspektiven und Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer:innen abgestimmt werden oder sich gar aus ihnen heraus entwickeln“. Das Buch bietet Einblick in den genossenschaftlichen Wohnalltag und legt dabei den Fokus auf die im Neubühl lebenden Frauen, die bislang kaum Beachtung fanden, aber als Bewohnerinnen durchaus große Präsenz zeigen, nicht zuletzt auch, weil sie in ihrer Rolle als Hausfrauen meist zuhause waren.
Im Zuge der Recherche stellte sich aber heraus, dass im Archiv der Genossenschaft sämtliche alleinstehenden Mieter:innen seit dem Erstbezug zwar aufgeführt waren, verheiratete Paare allerdings nur unter dem Namen des Mannes. Um die Bewohnerinnen ausfindig zu machen, entstand schließlich in Zusammenarbeit von Henriette Lutz beim Verein créatrices – Frauen gestalten die Schweiz die Idee des Kooperationsprojekts mit der Berner Fachhochschule im Fach Entwurfstheorie unter der Leitung von Ulrike Schröer. Die im Buch publizierten und sehr persönlichen Erfahrungsberichte von 8 Frauen basieren auf jenen Interviews, die von den Studierenden mit den Bewohnerinnen im Neubühl geführt wurden und die einen sehr hilfreichen und interessanten Einblick in die Wahrnehmung der Nutzerinnen bieten.
Als die Werkbundsiedlung Neubühl bei Zürich 1932 zur Erstvermietung angepriesen wurde, hatte man den Slogan „Wohnen wie in den Ferien“ gewählt. Durch ihre gut geplanten Außenräum,e, Erschließungen und ihre kompakten rationalen Grundrisse wurde die Siedlung schließlich nicht nur zu einer bedeutenden Zeitzeugin des Neuen Bauens in der Schweiz, sondern hat auch dazu beigetragen, dass deren Bewohnerinnen auch heute noch fast ihr ganzes Leben dort verbringen. Dies ist zuletzt nicht nur deshalb möglich, weil verschiedene Wohnungstypen – vom kleinen Studio bis zum Sechs-Zimmer-Reihenhaus – geschickt in die Siedlung integriert wurden.

Genossenschaftlicher Wohnalltag
Das Buch ist ein einfühlsames Porträt der zeitgenössischen Lebenswelten der Bewohnerinnen, ergänzt durch Beiträge zur Geschichte, Typologie und Bedeutung der Siedlung. Aus Sicht der Nutzerinnen und Akteurinnen einer Architektur der Moderne wird eine Diskrepanz zwischen male construction und female use aufgezeigt.
Das Neubühl ist aber nicht nur ein Baudenkmal, sondern auch das Zuhause von ganz vielen Menschen. Wir sind eine gemeinnützige, demokratisch organisierte Wohnbaugenossenschaft – etwas, das uns von anderen Werkbundsiedlungen unterscheidet“, schreibt Rebecca Omoregie, von 2019-2025 Präsidentin der Genossenschaft Neubühl in der Einleitung.
Ein Novum begleitet diesen Einblick in den genossenschaftlichen Wohnalltag, sich dabei auf die dort lebenden Frauen zu konzentrieren. „Frauen waren in der Geschichte der Genossenschaft kaum im Rampenlicht, als Bewohnerinnen aber immer sehr präsent. Die Porträts zeigen sehr schön, dass man die Qualität der Siedlung intensiver erlebt, wenn man sich auch tagsüber hier aufhält und den Wechsel des Lichts, des Wetters und der Jahreszeiten beobachten kann“, merkt Omoregie weiter an.
Frauen hatten zwar auch im Rahmen des genossenschaftlichen Gemeinschaftslebens stets eine wichtige Rolle gespielt und spielen diese noch heute, in den Planungsvorgang selbst hat man sie allerdings nicht integriert. Es ist interessant zu sehen, dass trotz der in den 1920ger Jahren entstandenen Ideen einer Rationalisierung des Haushalts diese auf Interesse vor allem deutscher Architekt:innen stieß. So etwa hatte Margarete Schütte-Lihotzky 1926 im Rahmen des Projekts Neues Frankfurt von Ernst May ihre mittlerweile allbekannte Frankfurter Küche entworfen. Die um 1930 „im zeitgenössischen Architektur- und Gestaltungsdiskurs in der Schweiz und in Zürich präsenten Expert:innen für Hauswirtschaft schafften den Sprung ins Planungsteam für die Siedlung Neubühl allerdings nicht. In den Quellen gibt es keinen Hinweis darauf, dass Frauen in deren Planung oder Ausführung einbezogen worden wären“, merkt Nina Hüppi in ihrem Beitrag „Neues Bauen neues Kochen? Küchengestaltung in der Siedlung Neubühl an. Die Architekten – und die männliche Form wird hier von den Autorinnen bewusst gewählt – agierten als Kollektiv. Offiziell waren keine Frauen beteiligt. Einige der Bewohnerinnen sind über viele Jahrzehnte in der Genossenschaft verblieben, und bewohnten entsprechend ihren wechselnden persönlichen Bedürfnissen über die Zeit auch unterschiedliche Wohnungen.

Nahe beieinander wohnen
Denn auch die Genossenschaft Neubühl stellt wie viele andere Wohnbaugenossenschaften Belegungsvorgaben. So kann etwa eine Familie nur eine Wohnung mieten, die maximal ein Zimmer mehr zur Verfügung stellt als die Zahl deren Mitglieder. In einer Vier-Zimmer-Wohnung müssen daher wenigstens drei Personen wohnen. Das bedeutet, dass Bewohner:innen von Schweizer Genossenschaften im Schnitt nur etwa 36 Quadratmeter Wohnfläche pro Person nützen, während es im übrigen Wohnungsmarkt mehr als 46 Quadratmeter sind und im Neubühl überhaupt nur 31,9 Quadratmeter. Wobei die Regelung der Belegung während der ganzen Mietdauer gilt, sodass man verpflichtet ist etwa, wenn die Kinder ausgezogen sind, in eine kleinere Wohnung umzuziehen.
„Wir kommen mit wenig privatem Raum aus, leben sehr nahe beieinander und teilen viele gemeinschaftliche Räume“, erzählt Rebecca Omoregie. „Ebenso können die Bewohnenden auch in ihrem Wohnobjekt die historische Bausubstanz oder das Erscheinungsbild der geschützten Siedlung nicht nach Belieben verändern. Der Rollladen auf dem Balkon, die Katzenklappe in der Tür, das geht bei uns alles nicht“. Hierdurch entstehen immer wieder „Zielkonflikte zwischen der Pflege des architekturhistorischen Erbes und den Ansprüchen an zeitgemäßes Wohnen, zwischen individuellen Bedürfnissen und dem Wohl des Kollektivs“, so Omoregie weiter, was, wie sie schreibt, mitunter als Einschränkung wahrgenommen würde. Aber Mitglieder einer Genossenschaft hätten viel Verständnis für deren Regelungen. Denn „wer hier wohnt, ist stolz darauf, Teil der Genossenschaft Neubühl zu sein. Den vielbeschworenen «Neubühlgeist», den niemand genau beschreiben kann und der aber bis heute spürbar ist werden aufmerksame Lesende vielleicht zwischen den Zeilen dieses Buches entdecken“.
„Frauen leben im Neubühl“ sucht die zeitgenössischen Lebenswelten der Bewohnerinnen vorzustellen und ergänzt deren Erfahrungen mit Texten zu Geschichte, Typologie und Bedeutung der Siedlung. Anhand der Stimmen der Nutzerinnen und Akteurinnen gelingt den Herausgeberinnen eine Annäherung an die Architektur der Moderne, bei der die Diskrepanz zwischen der männlichen Konstruktion und weiblicher Nutzung sichtbar wird.

Zu den Autor:innen
Sandra König studierte Architektur in Berlin, anschließend folgten Bühnenbildassistenzen in Berlin und Hamburg, bevor sie ein Architekturbüro gründete. Seit 2007 lebt sie in Zürich und ist seit 2012 Mitinhaberin von AMJGS Architektur. Sie engagiert sich in Vereinen und Netzwerken für die Sichtbarkeit von Frauen in gestalterischen Berufen und ist im Vorstand des Schweizerischen Werkbundes.
Henriette Lutz studierte Architektur an der TU München, sowie Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. An der Berner Fachhochschule war sie Teil der Institutsleitung für Siedlung, Architektur und Konstruktion. Sie ist in Forschung, Lehre und als selbstständige Architektin in Zürich tätig. Zudem ist sie im Vorstand von créatrices.ch und Co-Gründerin von Research Walkers.
Ulrike Schröer studierte Architektur in Berlin und promovierte an der ETH Zürich. Sie ist als selbstständige Architektin in Basel tätig und seit 2011 Professorin an der Berner Fachhochschule, an der sie auch Teil der Leitung des Instituts für Siedlung, Architektur und Konstruktion ist. Sie ist Mitglied des Stiftungsrates des Visarte Künstlerhauses sowie Vorstandes des Baselbieter Heimatschutzes.
Frauen leben im Neubühl, Vom Wohnen in einer Ikone, Sandra König / Henriette Lutz / Ulrike Schröer (Hg.)
Broschur, 16,5 × 23,5 cm, 208 Seiten, 70 s/w Abb., Deutsch, Jovis Verlag Berlin, November 2025
ISBN 978-3-98612-199-0
E-Book: ISBN 978-3-98612-200-3






