Geometrische Formversuche des Wohnens der letzten 500 Jahre widmet sich anhand von Grundrissen, Zeichnungen und Fotografien die Ausstellung „Der Hang zur Geometrie“ im Kunsthaus Mürz noch bis zum 15. Februar 2026.
Martin Feiersinger wurde 1961 in Brixlegg Tirol geboren. Seit langem lebt und arbeitet der Architekt in Wien. Geometrische Formen haben es ihm seit jeher angetan. Vor allem faszinieren ihn dabei Typologien des Wohnens und damit private Räume der Vergangenheit wie der Gegenwart – und auch jene Wohnbauten, die Architekt:innen für sich selbst geschaffen haben.
Seit vielen Jahren untersucht Feiersinger etwa die geometrischen Versuche eines Sebastiano Serlio oder Vincenzo Scamozzi ebenso wie von Francesco Borromini, Fischer von Erlach, Claude-Nicolas Ledoux oder Karl Friedrich Schinkel, von Lina Bo Bardi, Carlo Scarpa oder Paolo Portoghesi, Lois Welzenbacher, John Hejduk und Richard Buckminster Fuller bis hin zu Anne Tyngs „Inhabiting Geometry“ – Anne Griswold Tyng (1920–2011), die als zweite Ehefrau von Louis Kahn, unbekannter Weise einige Projekte ihres Mannes federführend begleitet und mitgestaltet hat. Auch ihr großes Interesse galt der Geometrie, den platonischen Körpern und Proportionslehren sowie der Fibonacci-Reihe, wobei sie unterschiedliche, räumliche Maßstäbe innerhalb eines Raumes zueinander in Beziehung setzte. Auch die spielerisch verschränkten Wohnarchitekturen der 2023 verstorbenen Pariser Architektin Renée Gailhoustet sind in der Ausstellung präsent.

(oben) Aldo Rossi (1931–1997), (unten) Paolo Portoghesi (1931–2023) Foto: Grundrissatlas Werner Feiersinger

Renée Gailhoustet (1929–2023) Foto: Grundrissatlas Werner Feiersinger

Gae Aulenti (1927–2012), Aldo Rossi (1931–1997),
John Hejduk (1929–2000), Paolo Portoghesi (1931–2023),
Paolo Portoghesi (1931–2023) Foto: Grundrissatlas Werner Feiersinger
Ein Kosmos der Formen
Die Ausstellung widmet sich dem faszinierenden Kosmos der Geometrie in vier unterschiedlichen Themen und anhand konkreter Beispiele von der Renaissance bis zur Gegenwart.
Akribisch wurden für die Ausstellung alle Grundrisse in eine gut lesbare und vergleichbare geometrische Form gefasst und mit Fotos der Bauwerke zu einem Archiv der Geometrien zusammengetragen. Auf fast spielerische Art werden Objekte mit historischer Referenz, Auszüge aus theoretischen Abhandlungen und Beispiele aktueller Praxis anhand von Zeichnungen, Raumkörpern und Proportionsmodellen ausgestellt.
So etwa beginnt der Rundgang mit „Geometrische Körper“ und Modellen der platonischen Körper sowie der vollen und hohlen Regelkörpern. Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet der Bereich „Polyhedristen“ mit Leonardo da Vincis Illustrationen zu De Divina Proportione oder der Lehre vom „Goldenen Schnitt“ des Mathematikers Luca Pacioli, die das geometrische Wissen seit der Antike in „vollen und hohlen Körpern“ veranschaulichen. In Kunst und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts wurden Platonische Körper und daraus abgeleitete Polyeder zum Sinnbild geometrischer Virtuosität und Darstellungen von komplexen Vielflächnern finden sich in Lehrbüchern und kunstgewerblichen Gegenständen.
Der nächste Abschnitt „Recherchen zum architektonischen Raum“ führt vom Raumtypus des Studiolo, der in der Renaissance entstand, nachdem frühe italienische Humanisten den Begriff auch für ein besonderes „Gehäuse“ ihrer geistigen Welt und Tätigkeit ansahen – über den „Dome Home“ – die geodätische Kuppel – zum Haus mit hexagonförmigem Grundriss und weiter bis zur Megastruktur. Aber auch in der Moderne riss das Interesse an geometrischen Regelkörpern nicht ab: So hat etwa die amerikanische Architektin Anne Tyng in der Forschung Anatomy of Form: The Divine Proportion in the Platonic Solids das Interesse an Geometrie mit den räumlichen Möglichkeiten innovativer Konstruktionstechniken verknüpft. Und Richard Buckminster Fuller entwickelte Stableichtkonstruktionen (geodätischen Kuppeln), um die Architektur „unbeschwerter“ zu machen. Die französische Architektin Renée Gailhoustet hingegen verband die Liebe zur Geometrie mit einem sozialen Anspruch, weshalb sie sich über ihre gesamte Laufbahn hinweg dem sozialen Wohnungsbau verschrieben hat.
Abschnitt 3 „Grundrissatlas“ versammelt chronologische Wohnbeispiele von der Renaissance bis zur Gegenwart anhand der Grundrisse von 100 Häusern aus 500 Jahren: Martin Feiersinger durchstreift mit seinem Grundrissatlas im Maßstab 1:50 mit erdachten und realisierten Wohnhaus-Beispielen von der Renaissance bis in die Moderne die Architekturgeschichte und zeigt neben den geometrischen Vorlieben auch kulturelle und soziale „Muster“.

Abschnitt 4 „Follies“ umfasst schließlich architektonische Besonderheiten. So setzen zum Beispiel die ausgestellten Grundrisse eines Bernhard Fischer von Erlach dem freien Spiel mit geometrischen Grundformen kaum Grenzen. Ganz anders hingegen ist etwa die spätgotische Dreiheiligen-Kapelle in Bruck ein eindrückliches Beispiel für die Triangulation der Nutzungen: Sakralbau-Wohnhaus-Denkmal.
In Abschnitt 5 stehen Häuser für sich selbst. Zu sehen ist dabei das eigene Wohnhaus des Frührenaissancemalers Andrea Mantegna mit dem er einen idealtypischen Ort künstlerischen Wirkens erschuf, ebenso wie Entwürfe von Architekt:innen für den eigenen Arbeits- und Wohnort quer durch die Epochen von repräsentativen Architekturen bis zu bescheidenen Bauwerken, von Palästen bis zu einfachen Hütten.
Weiter geht es mit Minimalhäusern: Etwa der „Maison Ellipse“ der irischen Architektin Eileen Gray, in der diese mit Material und Geometrie experimentierte, um den Prototypen einer transportablen Minimalwohnung zu entwickeln. Die mobile Schutzhütte „Refuge Tonneau“ der französischen Architektin Charlotte Perriand ist in den 1960er Jahren wiederum Referenz vieler Alpenbiwaks, z.B. auch für jenen von Mario Cereghini, Architekt des Miar, der gemeinsam mit der Architektengruppe der Razionalisti Comaschi (Terragni, Lingeri, Dell’Acqua, Mantero, Ortelli e Ponci) am Bau des Prototypen der “Casa sul Lago” für la V. Triennale di Milano beteiligt war.

Paolo Portoghesi, Haus Papanice, Rom (1966-69) Foto: Martin Feiersinger

Renée Gailhoustet, Wohnquartier Le Liegat, lvry-sur-Seine (1971-1981) Foto: Martin Feiersinger
Traktate und die „Geometrie der Freiheit“ sind Thema des nächsten Abschnitts, dem die architektonische Typenlehre des klassizistischen französischen Architekten und Architekturtheoretikers Jean-Nicolas-Louis Durand, die in der Traktatliteratur eine Sonderstellung einnimmt, zugeordnet ist. Mit einem modularen System, das auf einem quadratischen Raster basierte, entwickelte Durand für alle wichtigen Bautypen eine egalitäre Entwurfsmethodik. Auf Basis eines strikten modularen Systems, das auf einem quadratischen Raster basierte, wurde für jede Bauaufgabe eine ökonomische und zweckmäßige Lösung vorgelegt. Seine schematischen Typenentwürfe fasste er in einer Art Baukatalog zusammen und diese über Grundriss, Aufriss und Schnitt dar. Zeitgenossen erkannten die Grenzen solcher Regelwerke und konstatierten „mangelnde Ideen“. Das Kontrastprogramm dazu lieferte schließlich Paolo Portoghesi, der theoretische Wegbereiter der Postmodernen Architektur mit seinen Rotationssymmetrien, die in den 1960er Jahren eine „Geometrie der Freiheit“ postulierten, für eine organischere Form der modernen Architektur.
Den Platonischen Körpern widmet sich der nächste Bereich. Volle oder hohle Polyeder (Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder) sind seit der Renaissance reizvolle Anschauungs-Objekte angewandter Mathematik. Sie werden in der Ausstellung anhand von Materialien „aus der Welt des Bauens“ neu interpretiert und ganz so wie ihre historischen Vorbilder von der Decke abgehängt.
Außerdem laden Bücher, Zeitschriften und Archivmaterial am Archivtisch bzw. im Kiosk zur weiteren thematischen Vertiefung ein.
Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger habe die Schau gemeinsam kuratiert und möchten erkunden, wie sehr sich Geometrie jenseits eines morphologischen Formalismus in ihrer „Bewohnbarkeit“ bewährt. Dabei stellen sie sich ebenfalls die Frage, wie aus abstrakten Formen etwas Individuelles und Lebendiges entstehen kann. Ganz nach Paul Klees Motto „Kein Tag ohne Linie“, der sein Schaffen dieser Losung (Nulla dies sine linea, lt. Plinius d. Ä.) verschrieben hatte, spielt die (Nach-)Zeichnung in der Forschung zur gebauten und erdachten Architektur eine wichtige Rolle.
Martin Feiersinger studierte Architektur an der Hochschule für angewandte Kunst Wien und der Rice University in Houston; seit 1989 hat er ein eigenes Architekturbüro in Wien. In seinem breit gefächerten Werk finden sich Wohnhausanlagen ebenso wie Privathäuser, städtebauliche Konzepte wie auch Umbauprojekte, bis hin zu Ausstellungsgestaltungen und Follies. Mit seinem Bruder, dem Bildhauer Werner Feiersinger, verfasste er von 2004 bis 2015 die Bestandsaufnahme „Italomodern“ zur Nachkriegsarchitektur in Norditalien.
Gabriele Kaiser ist freie Architekturhistorikerin, Kuratorin und Autorin zu den Forschungsschwerpunkten Architektur und Fachdiskurs in Österreich nach 1945; 1996–2000 war sie Redakteurin bei architektur aktuell, 2001–2010 Kuratorin und Redakteurin im Az W, 2003–2010 Forschungsmitarbeit am Band III/3 des Führers „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“ von Friedrich Achleitner; 2010–2016 Leiterin des architekturforum oberösterreich (afo); 2013 Gründungsmitglied von diachron – Verein zur Verbreitung und Vertiefung des Wissens über Architektur (mit Eva Guttmann und Claudia Mazanek); 2016–2024 Vorstandsmitglied der ÖGFA; zahlreiche Ausstellungen und Publikationen. Kaiser lebt und arbeitet in Wien.
Tipp:
In Kooperation mit dem kunsthaus muerz lädt die ögfa am 24. Jänner zum Ausstellungsbesuch nach Mürzzuschlag. Es führen Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger begleitet von Felix Siegrist/ögfa.
Bis 15. Februar 2026
kunsthaus mürz
www.kunsthausmuerz.at






