Mit der Ausstellung „Atelier Bow-Wow. Suturing Together“ erlaubt die Secession Wien bis 16. November einen Einblick in die Arbeiten des 1992 von Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima in Tokio gegründeten Architekturbüros Bow-Wow.
Diese onomatopoetische Namensgebung ist kein Zufall, steht sie doch im engen Zusammenhang mit dem von Bow-Wow, als japanischem Meister der Mikroarchitektur, geprägten Begriff der „Pet-Architecture“ (Haustier-Architektur), mit dem die Bauaufgabe, kleinster Gebäude auf schmalen und unregelmäßig geformten und verschachtelten Grundstücken in den Zwischenräumen der Stadtlandschaft vor allem im Raum Tokio gemeint ist. Für die in die Lücken zwischen bestehenden Bauten eingefügte Architekturen sind kreative Lösungen, Pragmatismus und ein Ethos der Nachhaltigkeit in gleichem Maß gefragt.
Maßgeschneidert
Die Wiederverwendung auf dem Bauplatz vorgefundener ungenutzter Ressourcen – natürliche Materialien oder entsorgte Gegenstände – gehört außerdem zu den wichtigsten Prinzipien des Ateliers, das die Beziehung des Menschen und seiner gebauten Umwelt in den Mittelpunkt seiner Arbeit rückt. Im Vordergrund der Herangehensweise steht dabei die gemeinschaftliche Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Das maßgeschneiderte Einbinden des Neuen in das bestehende Gefüge stellen Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima dem Begriff des „Suturing“ gleich, der so viel wie nähen oder flicken bedeutet. „Wir nähen. Wir trennen nicht Subjekt und Objekt, Sein und Beziehung, sondern verbleiben in ihrem vermischten Zustand und nähen dieses Netzwerk selbst zusammen. (…) Wir werden von dem gemacht, was wir machen, und wir gestalten die Umwelt, in der wir leben. Wir nähen auf der Grundlage dieser Rekursion von Selbst und Umwelt. Wir verkünden dies der Welt“, präzisieren sie. Gearbeitet wird vor dem Hintergrund einer extremen Bebauungsdichte in Japans Städten, wobei man sich ebenso an historischen Traditionen japanischen Bauens und Wohnens wie an dessen Prinzipien inspiriert.


Im Mittelpunkt der Mensch
Bekannt wurde das Atelier Bow-Wow auch für seine Interpretation und Anwendung des Konzepts der Verhaltenspsychologie im Rahmen seiner Planungstätigkeit. Laut Tsukamoto und Kaijima definiert diese Disziplin den architektonischen Ausdruck anhand des Verständnisses der komplexen Beziehung zwischen Mensch (Bewohner:in eines Ortes), der gebauten Umwelt und dem städtischen Raum. Die Erforschung der Gliederung eines Gebäudes, der inhärenten Eigenschaften von Elementen wie Wärme, Wind, Licht oder Wasser sowie des Verständnisses des individuellen und alltäglichen menschlichen Verhaltens schlägt sich in einer stärker ortsgebundenen Architektur nieder.
Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima sehen Architektur nicht als statisch, sondern als veränderbaren Teil eines größeren Netzwerks an, in dem Dinge, Menschen, Bauwerke der Nachbarschaft, Wetterbedingungen und ortsspezifische Dynamiken aktive Auswirkungen auf den Gestaltungsprozess haben. Architektur ist ein vitaler Knotenpunkt innerhalb eines größeren Ökosystems. Das Atelier Bow-Wow versucht der wachsenden Entfremdung zwischen Menschen, Dingen und der natürlichen Welt, und damit einer durch die kapitalistische Wachstumsideologie beschleunigten Entwicklung, entgegenzuwirken. Im Zentrum deren Arbeiten steht eine Grundsatzfrage: Wie ist es möglich, Architektur und Gesellschaft im Lichte eines ökologischen Wandels neu zu denken?
Neben theoretischer Forschung und aufwändigen Architekturprojekten verwirklicht das Büro regelmäßig Ausstellungen und Diskursprogramme.
Atelier Bow-Wow. Suturing Together
bis 16. November 2025
www.secession.at






