Warum nicht in einer ehemaligen Fabrik wohnen? Die Architekt:innen Barbara Calas-Reiberger und David Calas befassen sich seit Längerem mit dem Erhalt und der Nutzung bestehender Bausubstanz. Nun geben Sie mit einem Leitfaden Einblick in die wichtigsten Schritte einer denkmalgerechten Sanierung und Umnutzung von großvolumigem Bestand im ländlichen Ortskern.
Der nachhaltige Umgang mit Bestand ist Barbara Calas-Reiberger und David Calas ebenso ein Anliegen, wie die sinnvolle Revitalisierung und neue Nutzungsmöglichkeiten. Die beiden haben ihre Überzeugung in die Praxis umgesetzt und erwarben den 1850 erbauten und lange Jahre leerstehenden Komplex einer ehemaligen Strickwarenfabrik in Hirschbach, Niederösterreich. Im Sinne einer nachhaltigen Bestandsentwicklung als sinnvolle Alternative zum ausufernden Einfamilienhausbau auf der grünen Wiese haben sich die Architekt:innen zum Ziel gesetzt, diesen nun mit einer wirtschaftlich tragbaren gemeinschaftlichen Wohnnutzung wiederzubeleben. „Das Thema Wohnen ist stark emotional aufgeladen und einem trägen Wandel unterworfen, weshalb die Frage nach der Bewohnbarkeit unserer gebauten Umwelt offen scheint: Muss es immer ein Neubau sein? Muss Boden dafür versiegelt werden? Diese Fragen lassen sich mit einem Blick auf unsere bereits vorhandenen Ressourcen an gebauter Gebäude-Struktur klar beantworten“, so die Autor:innen.Vor allem im ländlichen Raum steht ein erheblicher Anteil großvolumiger Gebäude komplett oder teilweise leer. Aber gerade großvolumige Leerstände würden enormes Potenzial für Wohnraum bergen, sind die beiden überzeugt, „ohne zusätzlichen Bodenverbrauch und ohne neue Erschließungskosten an der Siedlungsgrenze“.

Leerstand als Ressource
Auf 132 Seiten liefert „Wohnen in einer ehemaligen Fabrik? Leitfaden zur Aktivierung großvolumiger Leerstände in ländlichen Ortskernen“ Anregungen und praxisrelevante Empfehlungen und möchte so „die Vorstellbarkeit des Wohnens im großvolumigen Leerstand erhöhen und Wege der Leerstands-Attraktivierung und -Aktivierung aufzeigen“. Im Mittelpunkt stehen dabei der ländliche Raum und dessen unterschiedliche Ortsstrukturen. Mit dem Leitfaden will man jene Menschen erreichen, die großformatigen leerstehenden Gebäuden zwar bereits eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen, etwa Eigentümer:innen, Gemeinden, Initiativen, Planer:innen oder engagierte Einzelpersonen, die aber noch nach möglichen Nutzungsideen der Bausubstanz suchen.
Die Verfasser:innen möchten ihr Nachschlagewerk auch als Beitrag zu den Klima- und Flächenzielen Österreichs verstanden wissen, insbesondere zu der bis 2040 angestrebten Klimaneutralität. Denn sowohl die EU-Energieeffizienzrichtlinie (EED) sowie die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) würden die Bedeutung von Bestandserhaltung, Sanierung und effizienter Nutzung vorhandener Bausubstanz unterstreichen. Großvolumiger Leerstand eröffne eine Vielzahl von Möglichkeiten, um ein Gebäude für neue Nutzungen zu adaptieren, einen Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten und zu helfen, sparsam mit der Bebauung neuer Flächen umzugehen, unterstreichen die Verfasser:innen. Hierfür seien gängige Abriss-Neubau-Routinen durch eine ganzheitliche Betrachtung des Lebenszyklus von Gebäuden zu ersetzen.
„Leerstands-Aktivierung gelingt nicht nur über rechtliche Vorgaben und technische Maßnahmen. Sie erfordert die aktive Einbindung relevanter Akteur:innen – Eigentümer:innen, Gemeinden, Politik und Verwaltung bis hin zu Zivilgesellschaft und Bauwirtschaft. Beteiligungsformate spielen dabei eine zentrale Rolle, um Bewusstsein zu schaffen, Wissenslücken zu schließen, gemeinsame Visionen für neue Möglichkeitsräume zu entwickeln und eine Umsetzung anzugehen“, sind David Calas und Barbara Calas-Reiberger überzeugt.
Das wahre Problem sei dabei nicht die bauliche Machbarkeit, sondern läge vielmehr in unserem Umgang mit leerstehender Bausubstanz und einer notwendigen Einbeziehung aller Akteur:innen. Es brauche die Aktivierung eines gemeinsamen Verständnisses, Dialog, partizipative Prozesse und transparente Kommunikation, um sich von Emotionen zu lösen und somit großvolumigen Leerstand nicht mehr als Belastung sondern als Ressource wahrzunehmen.

Im Rahmen der Niederösterreichischen Wohnbauforschung „Junges Wohnen+ – Gemeinschaftliches Wohnen im großvolumigen Leerstand“ untersuchten die beiden Architekt:innen am Beispiel der ehemaligen Strickwarenfabrik Hirschbach – dieTextilfabrik – deren mögliche Adaptierung zu Wohnzwecken. Praxisrelevant dokumentiert, sind auch die praktischen Erfahrungen der Initiative dieTextilfabrik Gegenstand dieses Leitfadens und zeigen beispielhaft, wie Wohnen im nicht genutzten Bestand mitten im Ortskern gelegen zum Ort eines neuen Wohnideals werden kann, das nicht nur den Menschen und der Leistbarkeit sondern auch der Umwelt entgegenkommt. Das Kapitel „#dieTextilfabrik – Ohne aktive Menschen keine Leerstandsaktivierung“ befasst sich ausführlich mit dem Projekt dieTextilfabrik und den an einer Umsetzung engagierten Akteur:innen.
Und wozu dieser Leitfaden?
Der Leitfaden widmet sich bewusst sozio-kulturellen, sowie planerischen und ökonomischen Aspekten. Nach einer kurzen Definition der Begriffe Attraktivierung und Aktivierung und Begriffserläuterungen behandeln die ersten beiden Kapitel den großvolumigen Gebäudeleerstand im Ortskern, der meist als „hässlich, alt und abrisswürdig“ wahrgenommen wird, ebenso wie mit Gebäudetypus, andere Wohnformen am Land und marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen. Es wird darauf hingewiesen, dass Gebäudebrachen auch Zeugen vergangener Zeiten seien und daher als emotional aufgeladen wahrgenommen würden. Die Autor:innen weisen darauf hin, dass diese Bauten „auf alle Fälle auch identitätsstiftend sind in der direkten Umgebung oder für die gesamte Region“, und dass es, „um Leerstand zu aktivieren, somit viele unterschiedliche Ansätze“ brauche. Außerdem sei Leerstand nicht nur ein bauliches, sondern ein kulturelles und soziales Thema, das mit Eigentumsfragen, Erinnerungen, Emotionen und wirtschaftlichen Erwartungen verknüpft sei.
Es erfolgt eine durchaus hilfreiche Klarstellung von Begrifflichkeiten ebenso wie die Beantwortung der Frage „Wann ist ein Leerstand `großvolumig´?“. Weiter geht es mit den Abschnitten „Andere Wohnformen am Land“, „Leistbares Wohnen am Land“ oder „Leerstandsaktivierung“.

Am Beispiel der Textilfabrik Hirschbach im Waldviertel befasst sich der Leitfaden ebenfalls mit den Komponenten zur Attraktivierung und Aktivierung großvolumigen Leerstands durch Wohnnutzungen. Und es wird nachvollziehbar dargestellt, wie Prozesse dieser Art vor Ort und in der Praxis gemeinschaftlich abgewickelt werden können: „Leerstand ist selten `attraktiv´, wenn er als verwahrlost, geschlossen und unsichtbar wahrgenommen wird. Attraktiv wird er, wenn Menschen ihn wahrnehmen, betreten, bespielen und seine Potenziale erfahren können. Denn nur dann entsteht Bewusstsein und Vorstellbarkeit. Dazu braucht es bewusste Strategien der Sichtbarmachung, Erzählung und Nutzung, von der ersten Attraktivierungsmaßnahme bis zum Wohnprojekt“.
In seinem Aufbau und der thematischen Gliederung möchten Barbara Calas-Reiberger und David Calasder mit dem vorliegenden Leitfaden zur Nachahmung einladen und unterschiedliche Methoden aufzeigen, um transformative Bestrebungen im Bestand erfolgreich umzusetzen. Diese sollten – so die Autor:innen – als Prozess betrachtet werden und die Attraktivierung sei dabei als notwendiger Schritt vorzuschalten.
Das im Umgang mit Leerstand erfahrene Architekt:innenduo versucht somit die Entscheidung zur Wiederbelebung zu bestärken. Schritt für Schritt führt der Leitfaden durch diesen Prozess und vermittelt Erfahrungen auf dem Weg zur sinnvollen und nachhaltigen Belebung bislang vergessener Bausubstanz. Die Verfasser:innen erklären, worauf es bei der Aktivierung von Leerstand ankommt und worauf man nicht vergessen darf, verständlich und einprägsam, begleitet durch gut lesbare Grafiken und Fotos. Sie treten damit den Beweis an, dass es sich letztlich jedenfalls lohnt, ungeliebte und vernachlässigte Substanz genauer zu betrachten, deren verstecktes Potential zu erkennen – nicht zuletzt auch angesichts der in Bestandsbauten gebundenen grauen Energie, der Vermeidung unnötiger Ressourcenverschwendung und überbordender Bodenversiegelung. Infolge dramatischer klimatischer Entwicklungen auf unserem Planeten kommt der Sicherung lebenswerten Wohnraums umso größere Bedeutung zu. Hierzu gehören nicht zuletzt auch der Erhalt und rücksichtsvolle Umgang mit dem Bestehenden, das eine Chance auf ein zweites Leben allemal verdient.
Als Booklet kann der Leitfaden direkt über info@dietextilfabrik.at bestellt werden.






