Warum Architektur, die ihre ursprüngliche Funktion verloren hat, wie dieser kleine Pavillon, der einst als Wartehäuschen diente, nicht mit neuen Inhalten bestücken? Hier im schweizerischen Biel im Kanton Bern wählte man die Kunst und aktuell „See You“ von Cyril Gfeller.
Als Tramway Wartehäuschen 1933 errichtet, wurde der Bau 2003 als Werk der „Bieler Moderne“ unter Denkmalschutz gestellt, später als Bushaltestelle genutzt, die mittlerweile längst nicht mehr angefahren wird. Wartehäuschen wurden von den städtischen Verkehrsbetrieben „als Symbole für Fortschritt und Modernität“, die vom „avantgardistischen Gestaltungswillen“ zeugen sollten, geplant und errichtet. Seit 2010 als Enrique Muñoz García den Artspace Juraplatz gründete, waren hier bislang bereits über 100 Ausstellungen mit renommierten Künstlern wie Joan Fontcuberta, Cristina de Middel oder dem österreichischen Künstler Rainer Ganahl, zu sehen. Aktuell scheint es jedoch eher, als würden die Passant:innen gesehen oder vielmehr beobachtet.

Die Augen wissen, dass Du da bist
Das schmale Bauwerk ist dem ansteigenden Terrain angepasst und sein weit ausladendes Betondach folgt im Westen dem halbkreisförmigen Kiosk, im Osten der runden, in Metall ausgeführten Telefonzelle. Für die aktuelle Bespielung hat der Kurator des Artspace Juraplatz Enrique Muñoz García Cyril Gfeller gewählt, der das statische und leblose Gebäude mit einem vermeintlich vergnüglichen Wesen beseelt. „Das Dach ist wie ein Hut, das gibt ihm ein Wesen“, sagt Gfeller. Der Bieler Medienkünstler hat dem Kiosk mit seiner multimedialen Installation Leben eingehaucht. In den Fenstern des Pavillons erscheinen zwei große Augen, die den Vorbegehenden folgen. Sie blinzeln, fallen aus Müdigkeit zu oder blicken neugierig, vor allem aber reagieren sie dabei auf jede Bewegung. Die eingesetzte Technik ist die so genenannte Lidar-Technologie, eine Methode, um Abstand und Geschwindigkeit zu messen, wobei ein Laser-Scanner nur die Bewegung und Position von Objekten erfassen kann. Menschen werden zu anonymen Punkten im Raum. „Die Augen wissen nur, dass du da bist“, erläutert Gfeller. Es wird dabei weder gefilmt, noch werden Daten gespeichert. Es sei eine Art von Überwachung, die nicht identifiziere, eine Aufmerksamkeit, die im Moment bleibe. Die beiden großen Augen, die den Passant:innen aufmerksam zu folgen scheinen und die Vorbeigehenden, sofern sie bemerken, dass die Aufmerksamkeit sich auf sie richtet, wohl etwas in Verlegenheit zu bringen vermag.
Wenn man also ein wenig Zeit und Spaß hat, dann kann man das Augenpaar sogar ein wenig auf die Probe stellen, und herausfinden, ob es ihm auch wirklich gelingt, einen nicht aus den Augen zu lassen?

Sehen und gesehen werden
In Zeiten wie diesen, in denen meist alle in Eile sind und die uns umgebende Architektur kaum mehr wahrgenommen wird, ist Gfellers Werk die beste Gelegenheit, einmal kurz innezuhalten und den Blick schweifen zu lassen, vielleicht auch um festzustellen, dass selbst kleine funktionale Bauten wie dieser Kiosk aus den 1930ger durchaus Beachtung verdient.
Gfellers Installation verwandelt den öffentlichen Raum in eine spielerische unauffällige Präsenz, die sowohl an Begegnung wie Überwachung denken lässt und dabei durchaus auch irritiert. Die Gedanken schwanken zwischen „Endlich sieht mich jemand!“ und „Was weiß dieses Ding über mich?“ Willst du gesehen werden? Storys werden gepostet, damit man sie sieht und liest. Man geht durch die Stadt und hofft, bemerkt zu werden. Die Menschen sehnen sich nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, nach einem Moment der Verbindung. „Gleichzeitig ist uns bewusst, dass Kameras im Stadtbild mittlerweile allgegenwärtig sind. Algorithmen analysieren, wie wir gehen, was wir kaufen, wo wir anhalten. Wir werden ständig beobachtet – und fühlen uns trotzdem unsichtbar“, schreibt Cyril Gfeller über seine Installation.
Eben diese Ambivalenz möchte „See You“ sichtbar machen. Der Pavillon nimmt die Menschen wahr – aber was bedeutet das? Aufmerksamkeit oder Kontrolle? Begegnung oder Datenerhebung? Verspieltheit oder Verstörung? Wie sich der Vorbeigehende fühlt, wenn die Augen ihn ansehen und folgen, gibt Antwort auf diese Fragen.
Wenn niemand vorbeigeht, dann schlafen die Augen ein und schließen sich. Einer einzelnen Person folgt ein aufmerksamer, interessierter fast zärtlicher Blick. Die Augen begleiten den Weg des Vorübergehenden, blinzeln, sind neugierig. Man wird gesehen.
Bei zwei Personen blinzelt das Augenpaar und jedes Auge fixiert eine andere Person, es bedeutet geteilte Aufmerksamkeit auch wenn sich die Augen letztlich nicht entscheiden können, wem sie mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen sollen.
Kommt gar eine Personengruppe vorbei, löst dies die totale Überlastung aus, dann springen die Augen hektisch hin und her, nervös, gereizt. Das System bricht zusammen, genau wie Menschen, wenn zu viel auf sie zukommt.
Raum für Fragen
Aber „See You“ blickt nicht nur hinterher, Technologie wird greifbar und thematisiert damit jene Systeme, die zunehmend unser tägliches Leben prägen. Die Augen wirken lebendig, fast einfühlsam – aber sind letztlich nichts mehr als ein System, Sensoren, Code und Daten.
Und genau das ist der Punkt. Die Installation, die mit Leben beseelt und dadurch auch zugänglich scheint, lädt uns ein, uns mit Fragen zu beschäftigen, die wir üblicherweise eher zu vermeiden suchen: „Was bedeutet es, wenn Systeme dieser Art normal werden? Wann hören wir auf, sie zu bemerken? Wo verschwimmt die Grenze zwischen Verbindung und Überwachung?“ Aber „See You“ liefert keine Antworten, sondern öffnet Raum für Fragen – ohne Angst, ohne zu Moralpredigen. Es ist nicht nur ein Pavillon, der dich mit großen Augen ansieht, sondern vor allem eine Einladung, über die Bedeutung des Gesehenwerdens ein wenig nachzudenken.
Installation “See You” von Cyril Gfeller
bis 12. Februar 2026
Artspace Juraplatz, Juravorstadt 2A, Biel (CH)
Die kommenden Ausstellungen im Artspace Juraplatz:
28. Februar 2026, Nine Dragon Heads / Künstlerkollektiv aus Südkorea kuratiert von Park Byoung Uk.
6. März 2026, Bettina Grossenbacher kuratiert von Bruno Zgraggen/Video Window.
7. April 2026, Baptiste Croze kuratiert von Stéphane Robert
9. Mai 2026, Biel/Bienne Festival of Photography kuratiert von Sarah Zürche






