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Ausstellungsansicht Leandro Erlich. Schwerelos, Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: by Kruszewski/Leandro Erlich Studio

Ausstellungsansicht Leandro Erlich. Schwerelos, Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: by Kruszewski/Leandro Erlich Studio

in ausstellung

Steht die Welt Kopf?

Redaktionvon Redaktion
9.02.2025

So scheint es zumindest gerade, wenn man die Ausstellungshalle im Kunstmuseum Wolfsburg betritt. Hier findet sich plötzlich der Mond auf der Erde wieder, ein Haus hängt kopfüber von der Decke, Wolken sind in Schaukästen gefangen, Besucher:innen schweben scheinbar schwerelos in einem Raumschiff. Die Ausstellung „Leandro Erlich. Schwerelos“ bringt Altbekanntes gehörig durcheinander. Der 1973 geborene argentinische Künstler, dessen Arbeiten nicht zuletzt durch ihre Ortsbezogenheit intensiv mit Architektur und Raum befassen, zeigt uns in seinen surreal-fantastischen Installationen im Kunstmuseum Wolfsburg, wie leicht es ist, unsere übliche Perspektive umzukehren und bringt unsere Vorstellung von Schwerkraft ein wenig durcheinander.

Mit seinen zum Teil raumgreifenden Installationen hebelt Erlich die physikalischen Gesetzmäßigkeiten aus und schafft es, uns neue Sichtweisen auf vertraute Zusammenhänge zwischen Technologie, Wissenschaft, Ökologie, Migration und Raumfahrt vorzuführen. Die noch bis 13. Juli laufende Ausstellung – seine erste Einzelausstellung in Deutschland – hat Erlich für das Kunstmuseum Wolfsburg konzipiert.
„Das Kunstmuseum Wolfsburg ist ein ungewöhnlicher, wirklich einzigartiger Raum. Die Ausstellungshalle hat mit 16 Metern Deckenhöhe enorme Dimensionen. Das bietet vielfältige Möglichkeiten, stellt allerdings auch eine Herausforderung dar. Angesichts dieses riesigen Luftvolumens sah ich eine Möglichkeit, Ideen und Überlegungen zu formulieren, die ich in den letzten Jahren entwickelt habe“, sagt Erlich in einem Gespräch mit Andreas Beitin und Dino Steinhof. „Dabei geht es um verschiedene Themen, die mich umtreiben – unser Platz in der Welt, technologische Entwicklungen, die Weltraumforschung und die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Erdoberfläche“.

Der Wendepunkt, den ich an der Illusion interessant finde, ist die Erzeugung von Zweifeln; auf diese Weise kann die Illusion kritisches Denken fördern.
Leandro Erlich

Erlich verwandelt den Ausstellungsraum in eine Art Blackbox, in der gewohnte Perspektiven umgekehrt und die Besucher:innen eingeladen sind, Phantasie und Einbildungskraft freien Lauf zu lassen. So etwa geht die überdimensionierte Skulptur Moon (2024) als Halbkuppel mit ihrem Durchmesser von fast zwanzig Metern und einer Höhe von rund zwölf Metern gerade über dem Museumsboden auf. Erlichs Mond ist begehbar und in seinem Inneren birgt eine zweite Kuppel eine Projektion verschiedener Sternenkonstellationen und nachts hell erleuchteten Städten mit ihren Straßennetzen. Durch sphärische Klänge begleitet verwandelt sich die multimediale Installation in ein immersives 360°-Panorama. Über ein Treppenhaus nähert man sich der Mondoberfläche, und es eröffnet sich von dort oben ein spektakulärer Rundumblick über den gesamten Ausstellungsraum.tädten mit ihren Straßennetzen. Durch sphärische Klänge begleitet verwandelt sich die multimediale Installation in ein immersives 360°-Panorama. Über ein Treppenhaus nähert man sich der Mondoberfläche, und es eröffnet sich von dort oben ein spektakulärer Rundumblick über den gesamten Ausstellungsraum.

The Clouds, 2018 – 2022 von Leandro Erlich, Kunstmuseum Wolfsburg, 2024, Courtesy Kunstmuseum Wolfsburg und Leandro Erlich Studio © Leandro Erlich Studio Foto: Marek Kruszewski

Ein Spiel mit Illusionen

Auch ein Raumschiff steht scheinbar startklar bereit. Die etwa 13 Meter hohe Skulptur Spaceship (2024) kann betreten werden und mittels mehrerer Spiegel wird uns vorgegaukelt, wir würden Astronauti:innen gleich schwerelos im All schweben. Aber selbst hier ist nichts wie es auf den ersten Blick scheinen mag, denn anstatt eines des nächtlichen Sternenhimmels hat die Spitze des Raumschiffs ein 36 mal 36 Meter großes, digital generiertes fiktives Landschaftsbild (Soprattutto, 2024) ins Visier genommen, eine Abbildung, die uns aus der Kartografie oder von Satellitenaufnahmen her vertraut ist. Als auf den Kopf gestellte Welt eröffnet sich über den Köpfen der Besucher:innen auf der gesamten Deckenfläche des Ausstellunsgraumes das Abbild irdischer Naturlandschaften. Zu sehen sind klar definierte Agrarlandschaften, Straßennetze und bauliche Strukturen, die uns deutlich vor Augen führen, wie der Mensch des Antropozäns die Erdoberfläche nach seinem Willen geformt und verändert hat. Die vollständige Umkehrung der Perspektive nützt Erlich, „um die Parameter unseres Blicks wiederherzustellen – nicht nur retinal, sondern auch konzeptuell“, wie er ausführt. „Ich halte Objektivität für vollkommen illusorisch. Mich interessiert, wie der Mensch ständig sich selbst betrachtet, in allem das eigene Ich wiederfindet und die Wirklichkeit, die im Grunde immer den Menschen widerspiegelt, gewissermaßen erfindet. Diese Überlegung steht hinter den Hybriden, wie der Schnecke mit dem Gehirn und dem Schmetterling mit Flügelohren. Als würde die Natur ohne die Grenzen unserer Beziehung zu uns selbst eigentlich gar nicht existieren, als wäre sie ein innerer Spiegel“.


Leandro Erlich, Spaceship, 2024, Blick in die Installation Kunstmuseum Wolfsburg, 2024, Courtesy Kunstmuseum Wolfsburg und Leandro Erlich Studio, © Leandro Erlich Studio Foto: Marek Kruszewski

Leandro Erlich, Moon, 2024, innerhalb der Installation, Kunstmuseum Wolfsburg 2024, Courtesy Kunstmuseum Wolfsburg und Leandro Erlich Studio, © Leandro Erlich Studio Foto: Marek Kruszewski

Miteinander?

Darunter schwebt in luftiger Höhe Pulled by the Roots (2015/2024). Das entwurzelte Haus steht allegorisch für Heimat und Heimatlosigkeit und möchte an Menschen der Flucht- und Migrationsbewegungen erinnern, die in unwürdige Lebensbedingungen geworfen, ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie durch kriegerische und politische Konflikte oder den Auswirkungen der Klimaveränderungen dazu gezwungen werden. Das schwebende Haus mit eindrucksvollem Wurzelwerk verdeutlicht aber auch, dass die Architektur von Menschenhand als integraler Bestandteil der gestalteten Umwelt weitreichende Folgen für die Natur hat – ausgehend vom Verbrauch natürlicher Ressourcen bis zum Ausstoß umweltschädlicher Emissionen bei deren Entstehung. „Die Verbindung zwischen einem archetypischen Haus, das vom Boden losgelöst ist, und den Wurzeln, die keinen Ort finden, mit dem sie sich verbinden können, ist ein poetisches Bild der Verletzlichkeit, die dadurch entstanden ist, dass wir uns von der natürlichen Ordnung, der wir unseren Ursprung verdanken, entfernt haben“, erläutert der Künstler. Das Haus ist ein Ausgangspunkt, aber auch ein beweglicher Blickpunkt – ein Blick, der umher kreist, obwohl er das Gewicht seiner ganzen Vergangenheit trägt.

Die etwa 13 Meter hohe Skulptur Spaceship (2024) kann betreten werden und mittels mehrerer Spiegel wird uns vorgegaukelt, wir würden Astronaut:innen gleich schwerelos im All schweben. Ausstellungsansicht im Kunstmuseum Wolfsburg, Courtesy Kunstmuseum Wolfsburg und Leandro Erlich Studio © Leandro Erlich Studio Foto: Marek Kruszewski

Die auf vier Vitrinen aufgeteilte Arbeit The Cloud (2018–2022) zeugt vom Verhältnis von Himmel und Erde, oben und unten, innen und außen. Leandro Erlich ist es scheinbar gelungen, flüchtige Wolkenformationen einzufangen und für die museale Präsentation zu verewigen. Mit mehrere hintereinander geschichteten, bedruckten Glasscheiben gelingt die Illusion eines realistisch anmutenden Blicks auf das himmlische Wolkenspiel –erst bei näherer Betrachtung werden Tiere oder Umrisse Südamerikas erkennbar.

In der Serie Hybrid Nature (2021–2023), kleinformatiger Skulpturen aus Bronze, Keramik, Marmor und Glas, geht es Erlich um das komplexe Verhältnis von Mensch und Natur. Mischwesen vereinen menschliche, tierische und pflanzliche Merkmale: ein winziges Haus, das in einem Kohlkopf geschlüpft zu sein scheint, ein Schmetterling der anstatt Flügel menschliche Ohren erhalten hat oder eine Schnecke, deren Gehäuse einem Gehirn gleicht. Diese surreal anmutenden Figuren schärfen unseren Blick für evolutionäre Prozesse der Erdgeschichte und fokussieren gleichzeitig Fragen nach zukünftigen Entwicklungen.

Mich fasziniert die menschliche Fähigkeit, Wirklichkeit zu konstruieren. Leandro Erlich

Den Zuschauer:innen weist Leandro Erlich zugleich die Rolle der Akteur:innen und Interpret:innen zu und schafft es damit, mit seiner höchst illusionistischen Arbeit alle einzubeziehen. Auf den ersten Blick oft irritierend, surreal und spielerisch entpuppen sich seine Installationen bei genauerem Hinsehen als durchaus kritische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen und Herausforderungen und nimmt Bezug auf Manipulationsmöglichkeiten anhand künstlich generierter Bilder. „In all meinen Werken zeigt sich die Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise. Was wir sehen, ist immer eine Frage der Wahrnehmung, der stärksten Facette der Realität“, so Erlich. „Es gibt einen impliziten Aspekt sowohl des Verständnisses als auch der Konstruktion dessen, was wir ‚real‘ nennen. Jede Arbeit ist eine Reflexion über die Architektur dieses Realismus.“

Leandro Erlich, wurde 1973 in Buenos Aires, Argentinien, geboren, wo er aufwuchs. Er lebt und arbeitet in Montevideo, Uruguay. Erlich hat bislang in zahlreichen bedeutenden, vor allem außereuropäischen Museen ausgestellt: 2022: Pérez Art Museum, Miami; 2019: MALBA, Buenos Aires; 2018: HOW Art Museum, Shanghai; 2017: Mori Art Museum, Tokyo; 2013: Barbican, London; 2009: Museo Nacional Reina Sofia, Madrid; 2008: PS1 MoMA, New York). 2023 wurde er mit einer Retrospektive im Palazzo Reale in Mailand geehrt.

Bis 13. Juli 2025
www.kunstmuseum.de

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