Eine gewisse Demut und Offenheit rückt die noch vor der Eröffnung der 61. Kunstbiennale Venedig verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh in den Mittelpunkt ihres Ausstellungskonzepts. Bis 22. November kann man diesem noch an diversen Schauplätzen in der Stadt, in den Giardini und im Arsenale nachspüren.
Auch der von Kouoh gewählte Titel In Minor Keys widerspiegelt ihre kuratorische Haltung, er bezieht sich auf die feinen Nuancen, die jene von ihr ausgewählten Künstler:innen heranziehen, und die auch in den nationalen Pavillons zu finden sind. Mit durchwegs leisen Tönen versuchen die Künstler:innen sich dennoch lautstark Gehör zu verschaffen, um auf den prekären Zustand unseres Planeten hinzuweisen. Sie illustrieren dessen Verletzbarkeit, und unsere Gleichgültigkeit, und sind gleichzeitig eine teils deutliche, teils poetisch sanfte Aufforderung, nachzudenken und zu handeln.
Der von Kouoh gewählte Titel In Minor Keys, eine Begrifflichkeit aus der Musik für Töne in Moll, für ruhige, tiefe Tonarten, steht im übertragenen Sinn auch im Gegensatz zum aktuell vorherrschenden politischen Chaos und den lauten weltweiten Krisen, die uns in unserem Lebensumfeld begleiten, unser Überleben bedrohen. Aber er nimmt auch wie in der Musik Bezug auf das Gemeinsame, wie im aufeinander abgestimmten Orchester, kann es auch in Leben nur gemeinsam eine Lösung geben. Es ist ein Versuch, die Schönheit, Verletzbarkeit ebenso wie den immer beängstigenderen Zustand unseres Daseins bewusst zu machen. Nicht dem lauten und schrillen Spektakel, sondern den weichen Zwischentönen gilt hier die Aufmerksamkeit Es sind Zwischentöne, die sich nicht aufdrängen und ihre Wirkung erst nach und nach entfalten. Kouoh verfolgte die Umsetzung einer Vision, die sich in einer Neuordnung der globalen Perspektiven versucht, die die Kunst der Gegenwart als vielstimmig oft auch in ihren Widersprüchen aufzeigt. Nach ihrem unerwartet plötzlichen Tod wurde ihre Idee von einem Team umgesetzt.

Auf die Zeichen der Erde hören
Koyo Kouoh wählte keine großen, eindeutig lesbaren Narrative, sondern Arbeiten, die fragmentarisch, intim, oft bewusst unaufgeregt erscheinen. In vielen Werken finden sich keine unverkennbaren Botschaften, bei deren Betrachtung stellt sich vielmehr ein Gefühl, ein Zustand ein, der die Brüche zwischen Vergangenheit und Gegenwart spürbar werden lässt.
Die Ausstellung versteht sich weder als Aneinanderreihung von Kommentaren weltpolitischer Ereignisse noch als Akt der Gleichgültigkeit oder Flucht vor komplexen und ständig miteinander verflochtenen Krisen. Sie verweist vielmehr auf eine radikale Rückbesinnung auf den natürlichen Lebensraum und die ursprüngliche, emotionale, visuelle, sinnliche, affektive und subjektive Rolle der Kunst in der Gesellschaft.
Die diesjährige Kunstbiennale bietet Intimität und lädt ein, den beständigen Zeichen der Erde und des Lebens zu lauschen, im Einklang mit den Frequenzen der Seele. „Werden Molltonarten in der Musik oft mit Fremdheit, Melancholie und Schmerz assoziiert, so offenbaren sie hier in den künstlerischen Arbeiten auch ihre Freude, ihren Trost, ihre Hoffnung und ihre Transzendenz“, so Koyo Kouoh.
Diese kleine Auswahl der Redaktion möchte dazu einladen, vor Ort selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Österreich, Seaworld Venice
Im österreichischen Pavillon wählt Florentina Holzinger, die Meisterin spektakulärer Inszenierungen, hingegen eher einprägsame und durchaus laute Tonarten. Sie verstört selbst nackt, als menschlicher Schwengel im Rahmen der Eröffnung und lässt mit vollem Körpereinsatz eine mächtige Glocke vor dem Pavillon dumpf erklingen, als würde sie die Endzeit einläuten wollen oder einen Weckruf ertönen lassen, uns zwingen, bewusst hinzuschauen und den bevorstehenden ökologischen Zusammenbruch wahrzunehmen. Eine ebenfalls nackte Frau auf einem Wasserjet fährt in einem gefluteten seitlichen Raum im Höllentempo absurde nicht enden wollend im Kreis. Im nächsten Raum klettern nackte Frauen auf einem aus dem Wasser ragenden Mast, oder hängen daran kopfüber herab, als sei es der letzte sichtbare Rest eines gesunkenen Schiffs. Und vor dem Pavillon tauchen in einem gläsernem Riesenaquarium Frauenkörper in jenem Wasser, zu dem immer wieder das in einem Kreislauf gereinigte Urin der Biennale-Besucher:innen zufließt. Holzinger führt uns mit ihren Interventionen sehr konkret und voyeuristisch die weltweit grassierende Wasserproblematik vor Augen. Leise und laut zugleich.

Argentinien, Monitor Yin Yang
Der Boden des argentinischen Pavillons ist über und über mit Salz bedeckt und darf betreten werden. Matias Duville hat darauf eine vergängliche, begehbare Zeichnung aus Kohle angelegt. Die Besucher:innen spazieren, begleitet von einem beunruhigenden düsteren Soundtrack, inmitten einer Landschaft, in der Berge, Wälder, ein Fluss und Wasserfall zu erkennen sind. Die scheinbare Idylle wird jedoch durch eine Reihe von Symbolen unserer modernen Konsumgesellschaft gestört, darunter finden sich Automobile, Hochhäuser oder ein Staubsauger. Angespielt wird hier auf die menschengemachte Umweltzerstörung wie etwa die Austrocknung der Salzseen Argentiniens durch den dort voranschreitenden Lithiumabbau unter großem Wasserverbrauch und auf die Vergänglichkeit.

Deutschland, Ruin
Das Äußere des deutschen Pavillons gleicht einem ehemaligen sozialistischem Plattenbau und nimmt Bezug auf die ehemalige DDR. Die vietnamesische Künstlerin Sung Tieu hat die Fassade mit rund drei Millionen winzigen Mosaiksteinchen verkleidet und schafft so, ein verpixeltes Abbild eines Berliner Wohnkomplexes, in dem sie selbst als Kind gelebt hatte. Noch vor der Wende war der Bau einer der größten Wohnkomplexe vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen in der DDR, nach der Wende wurde aus ihm ein Ghetto, heute ist er eine verwahrloste Ruine. Tieus Installation befasst sich mit jenen vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen, zu denen auch ihr Vater gehörte, die nach der Wende fallen gelassen, zwischen Behördenwillkür und Rassismus leben mussten. In den Seitenflügeln des Pavillons widmet Sung Tieu sich ihrer Mutter, deren Gliedmaßen sie aus Glas nachgießen ließ und so an rassistische Körpervermessungen aus der Kolonialzeit erinnert.
Den Hauptraum bespielt das Werk von Henrike Naumann (im Februar 2026 verstorben), in dem die mintgrünen Wände, an die Farbe ehemaliger sowjetischer Kasernen in der DDR erinnern sollen. An den Längswänden wird ein Relief aus halbierten Stühlen zur Chronologie der deutschen Design-Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts geführt, an der eine Geschmacksentwicklung und Alltags-Ästhetik in Ost und West ablesbar wird. An der Eingangswand verteilt, befinden sich auf den ersten Blick unzusammenhängende Objekte wie Holzbilder, Vasen, Milchkannen, Sicheln, Gasmaske, Mistgabel und mehr, von Naumann „Hieroglyphen“ benannt, die deutsche Geschichte und Ideologie zu erschließen suchen.

Spanien, Migrant Art Gallery
Seit zwei Jahrzehnten sammelt Oriol Vilanova auf Flohmärkten und in Secondhandläden Postkarten. Seine Ausstellung im spanischen Pavillon trägt den Titel Los Restos – die Überreste. Er hat die Wände des Pavillons mit über 50.000 alten und neueren Postkarten tapeziert, so dicht an dicht, dass kein freier Fleck mehr übrig geblieben ist. Beim Betreten des Pavillons, der bis auf die Wandgestaltung an sich leer blieb, werden die Besucher:innen von der großen Anzahl der kleinformatigen Abbildungen überwältigt. Streng und präzise aneinander und übereinander gereiht, füllen die Karten akribisch einheitlich im Hochformat und nach einem strengen Raster angeordnet alle Wände, von der Decke bis zum Boden. Auf den ersten Blick verschwimmt alles zu einem verpixelten gigantischen Gesamtbild und die unbändige Kleinteiligkeit mit ihren Details erschließt sich erst aus der Nähe. Es ist als wolle Vilanova Dinge mit den Abbildungen auf seinen Postkarten vor dem Vergessen retten. Sortiert wurden sie nach unterschiedlichen Gesichtspunkten, je nach Motiv gruppenweise zusammengestellt, manchmal von einer farblichen Anordnung unterbrochen. Zu erkennen sind Naturaufnahmen, Vögel, Katzen, Denkmäler berühmter Städte, Brunnenanlagen, Brücken, Boote, Zirkuszelte, Kunstwerke, Märkte, Luftaufnahmen, Statuen und vieles mehr. Ohne zeitliche oder räumliche Grenzen umfassen die Bilder die ganze Welt. Alles hier verweist auf Wiederholung, Erinnerung und subtile Abweichung. Diese Postkarten wurden einst beschrieben, versendet, letztlich vergessen und weggeworfen. Nun kehren sie als Überreste gelebter Erfahrung zurück. Sie sind nicht mehr nur Darstellungen von Orten oder Denkmälern, sondern werden zu zerbrechlichen Zeugen der Vergänglichkeit. Vilanovas beharrliches Sammeln lädt ein, über Erinnerung, Vergessen und Fragilität nachzudenken, und sich zu fragen, was übrig bleibt und was wir bewahren wollen.

Indien, Our time for a future caring
Zuhause ist nicht immer der Ort, an dem wir heute leben. Manchmal ist es ein Ort, an dem wir einst gelebt haben, oder einer, der durch Erinnerung und Gefühl neu erschaffen wird. Für jene, deren Leben von Bewegung über Regionen und Generationen hinweg geprägt ist, wird das Zuhause nicht zum festen Ort sondern vielmehr zu einem transportierbaren Zustand. Geographies of Distance: Remembering Home versteht das Zuhause nicht als stabile Struktur, sondern als eine Idee, die als Reaktion auf Veränderungen ständig neu gestaltet wird.
Die Ausstellung spiegelt einen Moment des Wandels in Indien wider, wo Städte in beispiellosem Tempo wachsen. Fünf Künstler verleihen diesem Zustand Gestalt. Alwar Balasubramaniams Tonarbeiten dokumentieren die Zerbrechlichkeit des Landes. Sumakshi Singh rekonstruiert ein abgerissenes Wohnhaus aus weißem Garn und visualisiert das Zuhause als eine zarte verletzbare Struktur, die nur durch Fürsorge erhalten wird. Ranjani Shettar verwandelt organische Materialien in einen schwebenden Garten riesiger Pflanzen und thematisiert damit die Bedeutung der Flora für die indische Psyche. Skarma Sonam Tashis Behausungen aus Pappmaché erinnern an Ladakh, wo die historische Altstadt von Leh, Hauptstadt der indischen Himalaya-Region Ladakh und zahlreiche weitere jahrhundertealte Kulturstätten der Region durch Klimawandel, Massentourismus und moderne Infrastrukturentwicklung massiv bedroht sind. Asim Waqifs Bambusinstallation schließlich symbolisiert das rasante Wachstum moderner Städte, das unweigerlich unsere kollektive Vergangenheit verdrängt. Der Pavillon ist eine Einladung über einen Zustand nachzudenken, der die gesamte Menschheit betrifft und darüber, wie Erinnerung, Migration und Wandel unser Verständnis von Zugehörigkeit prägen.

Saudi-Arabien, May your tears never dry, you who weep over stones
Dana Awartanis Werk verschmilzt den unvorstellbar großen Zeitraum der Erd- und Kosmosgeschichte mit der Unmittelbarkeit des Augenblicks. Wie an einer archäologischen Grabungsstätte beschreiten die Besucher:innen einen Mosaikboden aus jenen Mustern und Motiven, die an zahlreichen Kulturerbestätten in der arabischen Welt zu finden sind – Orte, die aktuell durch von Menschen verursachte Kriege und Gewalt bedroht sind. Awartanis Arbeit setzt sich aus tausenden Fliesen zusammen, die jeweils aus natürlichem Lehm und Ton von Hand gefertigt wurden – in Zusammenarbeit mit in Saudi-Arabien ansässigen Handwerkern der arabischen Welt, Afghanistans und Südasiens. Bei der Herstellung wurde auf traditionelle Lehmziegel-Bautechniken zurückgegriffen, die in Westasien und darüber hinaus verbreitet sind. Weil man auf Bindemittel verzichtete, weisen die Fliesen Risse auf, die sich beim Trocknen gebildet haben. Ein akribischer Entstehungsprozess ist hierbei ebenso prägend wie prachtvolle geometrische, florale und tierische Motive. Beeindruckend monumental und doch auf den menschlichen Maßstab ausgerichtet, nimmt das Mosaik den Boden des gesamten Pavillons ein. Die Betrachter:innen sind eingeladen, in die hier erschaffene Welt einzutauchen und sich zugleich der Zerbrechlichkeit des Materials bewusst zu werden. Awartani bezieht sich auf Mosaike, historischer Stätten in Palästina, Syrien und im Libanon, etwa auf Fußböden von Moscheen, Kirchen und Synagogen ebenso wie auf weltliche, private und öffentliche Orte tiefer historischer und materieller Bedeutung. Das imaginäre Terrain unterstreicht auf poetische Weise die Dringlichkeit, das kulturelle Erbe der arabischen Welt zu schützen und zu bewahren – und spiegelt so wider, dass die gemeinsame Rolle als Wächter, die Menschheit selbst definiert.






