Dass es gelingen kann, Räume mit besonderer Wohnqualität zu schaffen und dabei urbanes Leben mit ländlicher Umgebung im Einklang stehen kann, zeigt ein Stadtspaziergang von architectural tours vienna. Am 11. Juli führt Felicitas Konecny zu drei ganz unertschiedlichen Wohnsiedlungen im 14.Wiener Gemeindebezirk.
Mit der Industrialisierung wuchsen die Städte und setzen auf Verkehr und versiegelte Flächen. Die im 19. Jahrhundert aufkommende Gartenstadtbewegung wollte einen Ausgleich schaffen und mehr Grün in der Stadt vorsehen. Vom Briten Ebenezer Howard in England erdacht, entstand die Gartenstadtidee 1898 als Reaktion auf die dicht bebaute und rasch wachsende Großstadt mit schlechten Wohn- und Lebensverhältnissen. Anstelle unkontrollierten Wachstums neuer Stadtviertel am Rande bestehender Großstädte und voranschreitender Verdichtung der Stadtzentren, schlug Howard neue unabhängige Städte im Umland vor, auch um eine Slumbildung zu vermeiden. Gegen Spekulationsgewinn sollte die Umwandlung billigen Agrarlands in wertvolles Bauland der (genossenschaftlich organisierten) Allgemeinheit der neuen Stadt zugutekommen und somit einen großen Teil der Baukosten tragen. Die so entstehende „Gartenstadtbewegung“ wurde zu einer städtebaulichen Strömung, die ein Leben im Grünen, also Siedlungen mit Gärten zur Selbstversorgung, Parks und kleiner Industrie propagierte, und das Einfamilienhaus mit Garten als ideale Wohnform.
Wohnvisionen
Auch heute steht die Stadtentwicklung in Ballungsräumen nicht nur durch die Klimaveränderungen vor vielfältigen Herausforderungen. Neue Wohnformen inspirieren sich dabei auch an der Gartenstadtidee des frühen 20. Jahrhunderts. Von Jahr zu Jahr scheint die Realität die Prognosen der Klimawissenschaftler zu überholen. Extreme Hitzewellen werden intensiver und langanhaltender. Zu dichte und hohe Bebauung heizt unsere Städte auf. Die Zeit drängt, umfassende und weitreichende kühlende Maßnahmen umzusetzen, und etwa intensiver zu begrünen. Es zeigt sich immer mehr, dass zusammenhängende, städtische Grünflächen und vor allem Bäume Abhilfe schaffen können. Der Rundgang widerspiegelt jedenfalls am Beispiel der drei ausgewählten Siedlungen, wie klimatischen Veränderungen auch in Hinblick auf zukünftige Entwicklungen begegnet werden kann.
Unter dem einenden Titel „Gartenstadtvisionen in Penzing – Architekturführung“ wählt Konecny drei Wiener Projekte aus unterschiedlichen Entstehungszeiten, die jedoch allesamt zeigen, dass es möglich ist, Grünraum und städtisches Wohnen in einer perfekten Fusion für mehr Wohnqualität miteinander zu verbinden. Der Stadtspaziergang führt zur utopischen Siedlung Eden (1921), zur einst visionären Stadt des Kindes (1974) und zur internationalen Mustersiedlung 9=12 (2007).

Siedlung Eden (1921)
Die 25 höhenmäßig gestaffelten Reihenhäuser der Siedlung Eden am Wolfersberg in Wien 14 an der steilen Edenstraße gelegen, wurde in den Jahren 1922-1923 nach den Plänen des österreichisch-schweizerischen Architekten und Stadtplaners Ernst Egli (1893-1974) errichtet. Entsprechend den Reformprogrammen nach dem Ersten Weltkrieg waren die maximal 500 Quadratmeter großen Grünflächen hinter dem Haus für den Obst- und Gemüsebau gedacht. Genossenschaftlich orientierte Reformsiedlungen waren nicht nur als mögliche Lösung der Wohnungsmisere gedacht, sondern auch als Basis einer kooperativen Lebensweise, wobei Garten- und Obstbau auch die Subsistenzwirtschaft fördern sollte. Die 1920 gegründete Siedlungs- und Produktionsgenossenschaft Neue Gesellschaft erhielt von der Stadt Wien am Wolfersberg ein Areal von 40 Hektar und weitere Pachtgründe von der Habsburg-Lothringischen Vermögensverwaltung zuerkannt und 1921 erfolgte die Grundsteinlegung für die ersten Gebäude von „Eden“. An diesem durchaus mutigen Experiment waren u.a. Architekt:innen wie Adolf Loos oder Margarete Schütte-Lihotzky beteiligt. Unter den Bauten war auch ein Mädchenheim für 15 verwahrloste und unterernährte Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren, der Theosophischen Bruderschaft für Erziehung, für dessen Architektur Schütte-Lihotzky verantwortlich zeichnet. Das heute noch existierende Gebäude ist ein sehenswertes Zeugnis der einstigen Visionen.

Die Stadt des Kindes (1974)
Aus Anlass des 50. Bestandsjubiläums der Republik Österreich hatte der Gemeinderat 1968 beschlossen, im 14. Bezirk auf dem Areal des ehemaligen Palais Huldenberg (nach seinem späteren Eigentümer dem Industriellen August Lederer ab 1929 auch Ledererschlössel genannt) eine Betreuungseinrichtung der Stadt Wien für Kinder und Jugendliche zu errichten. Das Palais war zwischen 1709 und 1715 nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach als Gartenpalais für Daniel Erasmus Freiherr von Huldenberg, dem Gesandten des Königs von England am Hof Kaiser Karls VI. errichtet worden. Dem Wiener Architekten Anton Schweighofer, der 1969 den Architekturwettbewerb zur Errichtung der Stadt des Kindes gewonnen hatte, war es ein Anliegen, das kunsthistorisch wichtige Objekt, etwa als Direktionsbau oder Bibliothek, zu erhalten. Die Stadt Wien sah allerdings davon ab und der historische Bau wurde überstürzt abgerissen. In dem in der Folge auf etwa 48.000 Quadratmetern großen Gelände nahe des Lainzer Tiergartens zwischen 1971 du 1974 errichteten Komplex fanden zirka 260 Pflegekinder der Stadt Wien im Alter von drei bis 19 Jahren ihr Zuhause auf Zeit. Schweighofers Siegerprojekt hatte auch eine öffentliche Mitnutzung von Gemeinschaftseinrichtungen durch die Bewohner:innen des Stadtteils Weidlingau vorgesehen. Der Entwurf galt als reformpädagogisches und architektonisches Vorzeigeprojekt, das international große Beachtung fand. Die 1995 einsetzende Reform „Heim 2000“ führte sukzessive zur Schließung aller Großanstalten in Wien, so auch der Stadt des Kindes. In der Folge setzte man auf eine dezentrale Unterbringung in Krisenzentren bzw. Wohngruppen. Und da der Komplex von Anton Schweighofer nicht unter Denkmalschutz stand, wurde er 2008 großteils abgerissen und nur zum Teil in eine neue Wohnhausanlage integriert. Ein Protest gegen den Abriss des Gebäudekomplexes, der von einer Unesco Expertenkommission als „Juwel moderner Architektur“ bezeichnet worden war und der mit Theater, Schwimmhalle, Turnsaal und vielen kleinen Zimmern für eine Umnutzung zu einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt geeignet gewesen wäre, blieb erfolglos. Selbst die kurze Besetzung durch die vorwiegend aus Architekturstudent:innen bestehende Gruppe „Freiraum“ konnte den Abriss nicht verhindern.

Mustersiedlung 9=12
Als Paradebeispiel einer geförderten Wohnhausanlage in Wien-Hadersdorf bezeichnete die Stadt Wien anlässlich ihrer Eröffnung 2007 die Mustersiedlung 9=12 mit 10 individuell gestalteten Mehrwohnungsbauten. „Die neue Anlage bietet einerseits das Wohngefühl von Einfamilienhäusern und vermeidet andererseits die Zersiedelung eines Gebiets“, hieß es in der entsprechenden Presseaussendung. Architekt Adolf Krischanitz hatte ein wegweisendes Konzept entwickelt, das die Gestaltung der in Beton errichteten Häuser durch neun bekannte Architekten aus drei Ländern vorsah. Jeder Bau mit drei bis sechs Wohnungen überzeugte damit mit einzigartigem Charakter. Die Bauträgergesellschaft ÖSG – Stadtentwicklungs- und Wohnbaumanagement GmbH (ein Unternehmen des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW) und der GSG) errichtete in Zusammenarbeit mit dem Generalunternehmer Strabag auf rund 7.800 Quadratmetern zehn individuell gestaltete Mehrwohnungshäuser, realisiert nach den Plänen von Architekten aus Österreich (Hermann Czech, Heinz Tesar, Adolf Krischanitz), der Schweiz (Peter Märkli, Roger Diener, Marcel Meili/Markus Peter) und Deutschland (Hans Kollhoff, Otto Steidle, Max Dudler) unter der Leitung von Adolf Krischanitz. Die 10 als Stadtvillen gedachte Bauten tragen die Handschrift des jeweiligen Architekten und die 42 Wohnungen zwischen 82 und 130 Quadratmetern verfügen über Loggien, Balkone oder Terrassen. Charakteristisch für die Siedlung ist das großzügige, den gesamten Bauplatz umfassende Grünraumkonzept der Landschaftsplanerin Anna Detzlhofer, das der örtlichen Vegetation angepasst ist.
Der damalige Wohnbaustadtrat Michael Ludwig erklärte zur Umsetzung: „Die Stadt Wien fördert Wohnprojekte, die das Abwandern in das Wiener Umland verhindern. So auch die Errichtung der Mustersiedlung Hadersdorf, die mit Fördermitteln von 2,5 Millionen Euro unterstützt wurde. ,9=12′ ist ein Projekt, das den Wohntraum vieler Menschen erfüllt: Leben in der Stadt mit gleichzeitig viel Grün zwischen den Häusern und rundherum. Die Mustersiedlung Hadersdorf stellt eine gelungene und zukunftsweisende Antwort auf die Frage des verdichteten Wohnens an der Peripherie dar. Die Wohnungen bieten eine perfekte Symbiose aus urbanem Leben und ländlicher Umgebung.“
Gartenstadtvisionen in Penzing – Architekturführung
Treffpunkt: 14., Bahnhof Hütteldorf, Bus 52A, 09:00 Uhr
Abfahrt pünktlich mit dem Bus um 09:34
Bitte Fahrschein mitbringen!
Dauer: Ungefähr 3 Stunden
Fußweg ca. 4 km.
Endpunkt: Stadt des Kindes
Felicitas Konecny, architectural tours vienna führt im Rahmen der „Wiener Spaziergänge“
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