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Barbara Pflaum, „Keineswegs ein Ort des Lasters, sondern die Zuflucht der Schlaflosen und Nachtarbeiter: das kleine Nachtcafé Schwarzenberg“, 1961 Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum

Barbara Pflaum, „Keineswegs ein Ort des Lasters, sondern die Zuflucht der Schlaflosen und Nachtarbeiter: das kleine Nachtcafé Schwarzenberg“, 1961 Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum

in sehenswert

Vom richtigen Moment

Redaktionvon Redaktion
2.06.2026

Barbara Pflaum (1912–2002) gilt als Pionierin der österreichischen Pressefotografie. Das Wiener MAK widmet der Fotografin noch bis 16. August 2026 eine Personale.

Pflaums besondere Beobachtungsgabe und ihr exzellentes Gespür für Formen machte sie zu einer der Wegweiserinnen des österreichischen Fotojournalismus in den 1950er Jahren. Über zwei Jahrzehnte lang hatten Ihre Arbeiten das Bild des Magazins Die Wochenpresse geprägt.
Mit 40 begann sie nach ihrer Scheidung, als Mutter von drei Kindern, ein Studium an der damaligen Akademie für angewandte Kunst und entdeckte die Fotografie für sich, der sie sich fortan mit großer Hingabe widmete.

Barbara Pflaum, Passant:innen stehen vor dem Schaufenster eines Elektrogeschäfts mit Fernseher, Wien, um 1960 Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum


Mehr als 100 ihrer Fotografien aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren sind in der Ausstellung im Kunstblättersaal des MAK zu sehen. Dabei wird eine bislang wenig bekannte Facette Ihres Werks offenbar, ihre aufmerksamen und oft humorvollen Beobachtungen des Wiener Alltags.

Bilder des Alltags

Anfang der 1950er Jahre hatte Pflaums damaliger Lebenspartner, der Reisende, Schriftsteller und Fotograf Herbert Tichy, ihr ihre erste Kamera geschenkt. Nachdem sie diese vorerst dazu verwendete ihre Kinder und Freundinnen abzulichten, weckten die Porträtaufnahmen die Aufmerksamkeit des Besitzers jenes Fotolabors, in dem sie ihre Filme entwickeln ließ. Er war es auch der sie ermutigte, ihre Fotos einer Illustrierten zu zeigen, mit dem Erfolg, dass sie in der Foolge zwischen 1954 und 1958 für die Wiener Illustrierte tätig wurde. Parallel dazu hatte sie den bekannten japanisch-amerikanischen Fotografen Yoichi Okamoto kennengelernt, der die Bildredaktion des US-Informationsdienstes leitete und junge Fotograf:innen im modernen Fotojournalismus schulte.

Barbara Pflaum, „Möbeltransport“, Wien, um 1960 Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum


Die Zusammenarbeit mit Okamoto prägte den Stil von Barbara Pflaum entscheidend und führte schließlich auch zu ersten Veröffentlichungen im Wiener Kurier.
Pflaum besuchte ab der Mitte der 1950er Jahre mit ihrer klassischen Mittelformatkamera für die Wochenpresse zahlreiche Theater- und Opernpremieren, Vernissagen, politische Veranstaltungen und gesellschaftliche Events. Sie schoss Porträts von Staatsoberhäuptern, Parteiführer:innen und internationalen Künstler:innen, dokumentierte Parlamentsdebatten, Empfänge, Konferenzen und kulturelle Höhepunkte. Viele der von ihr porträtierten Prominenten landeten auf der Titelseite des Wochenmagazins – Aufnahmen, auf die sie besonders stolz war und die sie zu Lebzeiten wiederholt in Ausstellungen zeigte.

Porträt der Stadt

Es gelang ihr ihre Position als Fotografin durch Veröffentlichungen in der Presse sowie durch Ausstellungen im Wiener Konzerthaus und zwei eigene Publikationen zu festigen. Aber neben alle den offiziellen Aufträgen interessierte sie sich unermüdlich für das Wiener Alltagsleben: für die Menschen in Kaffeehäusern, auf Märkten, in Parkanlagen oder bei Festzügen, Passant:innen, Straßenhändler:innen, Kinder, die spielen oder einfach Menschen im öffentlichen Raum. Aber ganz besonderes Interesse hatte sie an der sich baulich verändernden Stadt, sie dokumentierte alte Stadtviertel während ihres Umbaus, deren Abriss, Neubau ebenso wie die beginnende Gentrifizierung.

Barbara Pflaum, „Sie lebt von der G’frett-Verbreitung”, Ecke Kärntner Straße und
Philharmonikerstraße, Wien, um 1960 Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum


Einige dieser Fotografien, die ihren ganz persönlichen Beobachtungen entsprangen, erschienen in ihrem Bildband wie ist Wien?, der 1961 erschien. Der Großteil wurde jedoch nie veröffentlicht und verblieb jahrzehntelang in Pflaums Archiv. Diese Aufnahmen eröffnen einen ebenso lebendigen wie humorvollen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner:innen. Darauf sind Alltagsszenen, aber auch Straßenproteste zu sehen, etwa Weihnachtsmärkte oder damals zur Demolierung anstehende Stadtteile. Es gelingt ihr dabei die städtische Atmosphäre im Wien der Nachkriegszeit einzufangen. Der Großteil, der gezeigten Aufnahmen, die heute bei brandstaetter images aufbewahrt werden, sind aus dem Archiv der Fotografin. Diese selbst gefertigten Abzüge, die zum Teil deutliche Gebrauchsspuren tragen, machen deren Verwendung als Arbeitsmaterial sichtbar.

Vielschichtig komponiert

Pflaum arbeitete vorzugsweise mit einer Rolleiflex, einer zweiäugigen Kamera für 6 x 6 cm Film, die ihre persönliche Handschrift wesentlich mitbestimmte. Diese setzte ein bewusstes und sehr überlegtes Arbeiten voraus, da der Film jeweils nach zwölf Aufnahmen zu wechseln war. Da die Rolleiflex auf Hüfthöhe gehalten wurde und der Bildausschnitt auf eine Mattscheibe auf der Oberseite der Kamera projiziert wurde konnte dieses nur von oben betrachtet werden. Auch wurde das Bild im quadratischen Format komponiert. Da das Bildformat in Zeitschriften allerdings meist rechteckig benötigt wurde, musste die Aufnahme während des Vergrößerungsprozesses beschnitten werden.

Barbara Pflaum, Spielendes Kind vor dem Theseustempel im Volksgarten, Wien, um 1960 Silbergelatineabzug Foto: APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum


Pflaums Fotografien sind durch eine starke, vielschichtige Komposition charakterisiert, wobei der Vordergrund oft unscharf bleibt und sich in der Tiefe der eigentliche räumliche Kontext öffnet. Das eigentliche Geschehen aber – ein kurzer Moment, eine Begegnung, eine Geste – passiert erst in einer dritten Ebene. Durch diese Bildstruktur erhalten die Fotos eine spezielle Dynamik und der Blick fällt gezielt auf das Wesentliche.
Sie hatte eine besondere Gabe, den richtigen Moment einzufangen, ebenso wie für die Originalität vieler ihrer Kompositionen, in denen sie vor allem darauf achtete, die Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, als wolle sie dabei eine Geschichte erzählen. Barbara Pflaum gelang es anhand einzelner flüchtiger Momente ein vielschichtiges fotografisches Porträt Wiens über den Zeitraum von über einem halben Jahrhundert zu erzählen.

Kuratiert wurde die Ausstellung von der Kunsthistorikerin Karolina Ziębińska, die sich schwerpunktmäßig der Fotografie widmet. Ziębińska leitete von 2021 bis 2025 das Museum of Warsaw und war davor von 2014 bis 2020 Kuratorin am Centre Pompidou in Paris und zehn Jahre an der Zachęta – National Gallery of Art in Warschau tätig. Sie ist 2008 Mitgründerin der Archaeology of Photography Foundation. Sie kuratierte mehr als 50 Ausstellungen und gab zahlreiche Publikationen zu bedeutenden Fotograf:innen heraus.

Bis 16. August 2026
MAK Wien, Kunstblättersaal
www.mak.at

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