Ein Buch für die eher besinnliche Zeit des Jahres: „Tote Gebirge“. Agnes Prammer und Johann Schoiswohl haben zwei eigenständige fotografischen Weisen zusammengeführt und sich dabei auch mit dem Sterben und Trauern befasst.
Das Ergebnis ist ein Künstlerbuch von stiller Wucht, dem es gelingt zu berühren, durch Zurückhaltung, Rhythmus und Tiefenschärfe. Der Grafikerin Christine Zmölnig (von Sensomatic) gelang es, sich auf die eigenständigen künstlerischen Herangehensweisen zu verschmelzen. Den Rhythmus des Buches und dessen elegantes Erscheinungsbild bestimmen neben den unregelmäßig platzierten Texten im ruhigen Blocksatz und in schmalen, durchgehenden Spalten die besonderen Eigenschaften der beiden eingesetzten Papiere. Mit der klug und einfühlsam gewählten wechselnden Abfolge glänzenden und transparenten Papiers nützt Zmölnig die unterschiedlichen Materialitäten. Das beidseitig gussgestrichene Papier „Bindakote White“ mit hochglänzender Oberfläche, aus einem natürlichen, chlorfreien Faserstoff, steht im bewussten Gegensatz zu den klassischen, ruhigen Fotografien, die klar und mit einer gewissen Dynamik platziert sind. Die Bindakote-Seiten wechseln einander mit semi-transparentem 60g Papier „IBO“. Dieses semitransparente Leichtgewicht, das seinen Weg in viele Kunstbücher gefunden ist die perfekte Wahl für Mehrschichtigkeiten. Christine Zmölnig ist es hier gelungen, mit den unterschiedlichen Papiersorten Fotografien und Essay ruhig und einfühlsam miteinander zu verweben.
Zurückhaltung und Tiefenschärfe
„Totes Gebirge“ ist ein künstlerisches Langzeitprojekt von Agnes Prammer und Johann Schoiswohl, das sich in zwei eigenständigen fotografischen Vorgangsweisen auch mit dem Sterben und Trauern befasst. Beide verbinden mit ihrer stimmigen Kombination von Landschafts- und Porträtfotografie die bewusste Verlangsamung des fotografischen Abbildungsprozesses als künstlerisches Credo.
Die bildende Künstlerin und Medienpädagogin Agnes Prammer setzt für ihre Porträtarbeiten das aus der Frühzeit der Fotografie stammende Kollodium-Nassplattenverfahren ein. Dabei wird eine Glasplatte vor der Belichtung in einer mobilen Dunkelkammer mit einer lichtempfindlichen Schicht präpariert, und nach dem Auslösen noch im feuchten Zustand entwickelt. Auf den fast wie versteinert anmutenden Porträts, die wegen der langen Belichtungszeiten vom Gegenüber ein Höchstmaß an Konzentration verlangen, zeigen sich durch den fragilen Prozess mechanische und chemische Spuren in Form von Kratzern und blinden Flecken. Zum Teil werden die dargestellten Personen sogar partiell davon verdeckt, und die vermeintliche Patina erzeugt ein Gefühl des „Memento mori“ (Susan Sonntag) oder gar einer Art „Einbalsamierung“ (Roland Barthes). In Entsprechung des ästhetischen Bildkonzepts der Künstlerin, werden die Dargestellten nicht ausschließlich als Individuen gezeigt, sondern vielmehr als Modelle und Platzhalter für andere.

Prammers Menschenbilder verschränken sich mit den Landschaftsbildern von Johann Schoiswohl, der als bildender Künstler in Wien tätig, im oberösterreichischen Almtal eine kleine Landwirtschaft betreibt. Seine Heimat ist Ausgangspunkt für seine Expeditionen ins Tote Gebirge. Dabei geht es ihm stets um Orte der Erinnerung: „In den Fotos von vertrauten Plätzen und Blicken, die aber bei mir auch mit Gedanken zu Tod und Verlust verbunden sind, entsteht mein Bild vom Toten Gebirge“, sagt er.
Seine präzisen Bildausschnitte legen die Oberflächen der zerklüfteten Gebirgsformationen der alpinen Karstlandschaft frei, im Wechsel mit atmosphärischen Seestücken im Spiel des Lichts und Wechsel der Jahreszeiten. Die felsigen Oberflächen der Landschaft zeigen gleichsam wie Gesichter Spuren des Vergänglichen, des Alterns. Und Prammers Porträts können ebenso als Landschaften gelesen werden – denn beide Künstler:innen sehen das jeweils eingesetzte Genre als eine Art Metapher.
Durch die hier entstandene Mehrschichtigkeit bleibt Raum für eigene Gedanken. Unerwartete Brüche überraschen. Gleichzeitig ist die ungewöhnliche Leichtigkeit und Zartheit der Publikation eine Einladung, schichtenweise auf Entdeckungsreise nach Fotografien und Texten zu begeben, und sich mit sanftem Respekt auf das Thema einzulassen.
Der Essay von Sandra Gugić verwebt sich auf fast durchscheinendem Papier mit den Fotografien. Ein reduziertes Buch, von großer gestalterischer und emotionaler Dichte.

ISBN: 978-3-903334-74-8
„Totes Gebirge“ wurde als eines Der Schönsten Bücher Österreichs 2024 ausgezeichnet und erhielt eine Silbermedaille beim Deutschen Fotobuchpreis 2025/26.






