Ein überlebensgroßes Nashorn macht sich im mittelalterlichen Kirchenschiff im Kunstmuseum Magdeburg breit und verstellt bis 5. Juli 2026 Zugang und Blick auf die romanische Architektur.
„The Rhinoceros in the Room“ oder Ein Märchen von Banalität und Bösem nennt der Künstler Itamar Gov seine invasive raumgreifende aufblasbare Skulptur.
Spätestens seit dem berühmten Holzschnitt, den Albrecht Dürer 1515 schuf, ohne das Tier jemals gesehen zu haben. Es war anatomisch falsch dargestellt und hatte ein zusätzliches Horn auf den Schultern. Die mysteriöse beängstigende Kreatur fesselte die Fantasie der Betrachter:innen. Dürers Abbild steht als Symbol kaiserlicher Macht und Prestige, das Tier selbst verkörpert Kraft. Das Nashorn war als Sinnbild imperialer Macht eng mit Europa verbunden, es zog das Interesse Schaulustiger und selbst mächtiger Potentaten auf sich.
Von den Menschen fast ausgerottet stellt das halbblinde bis zu 5 Tonnen wiegende dickhäutige und exotische Tier trotz eindrucksvoller Körpermaße und seiner sensiblen Natur auch eine Gefahr für den Menschen dar. Genau auf dieser Ambivalenz beruht die Installation das „Rhinozeros im Raum“ und lässt gleich einmal Assoziationen mit der allgemein geläufigeren Formulierung „Der Elefant im Raum“ wach werden. Eine ursprünglich russische, heute vor allem im englischen Sprachraum verbreitete Metapher, die seit der Jahrtausendwende auch im Deutschen populär ist. Sie bezeichnet ein Problem, das zwar für eine Gruppe von Menschen klar erkennbar und bedeutsam ist, aber von diesen nicht thematisiert wird und daher geschwiegen wird. Die Gründe für das Schweigen können vielfältig sein, etwa aus der Angst vor persönlichen Nachteilen und Repressionen oder die Furcht, jemanden – womöglich Anwesende – zu verletzen, ein Tabu zu brechen oder ungeschriebene Regeln zu missachten.

Fragile Grenzen
Gov verbindet historische Ereignisse, philosophische Ideen und lokale Legenden und sucht die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung zu hinterfragen.
Sein Rhinozerus inspiriert sich einerseits auch an dem 1959 entstandenen Theaterstück von Eugène Ionesco, in dem der Autor die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand heranzieht, und andererseits an der hebräischen Formulierung „sich zu rhinocerisieren”, die den Prozess beschreibt, durch den Individuen und Gesellschaften autoritären Strömungen folgen und dabei gegenüber gewalttätigen Auswirkungen dieser Entwicklungen gleichgültig werden. Itamar Govs Installation setzt sich dabei mit Themen wie Mythos, Autoritarismus und demokratische Resilienz auseinander. Traum und Alptraum okkupieren den Kirchenraum und erinnern durch den Untertitel Ein Märchen von Banalität und Bösem mahnend an Hannah Arendts Ausspruch von der „Banalität des Bösen“ als Ausdruck totalitärer Herrschaftssysteme.
Die Präsenz des monochromen Ungetüms scheint den architektonischen Rahmen zu sprengen. In seiner schieren Größe vermittelt das Wesen, das als Symbol für Muskelkraft und Widerstandskraft steht, unweigerlich den Eindruck, hier nichts verloren zu haben, und ruft gleichzeitig Neugier und Staunen.
Die gewaltige Skulptur des in Berlin lebenden israelisch-deutschen Künstlers wird begleitet von aus allen Himmelsrichtungen erklingender Musik des französischen Solisten Bruno Delepelaire. Die Mehrkanalkomposition für acht Celli (Bruno Delepelaire und Moritz Huemer) und Gesang (Noa Beinart), aus der man klassische Melodien ebenso wie ein beruhigendes Wiegenlied heraushören kann, wird auch durch Textzeilen aus Goethes Erlkönig ergänzt ebenso wir mit Klängen aus dem hebräischen Hitragut von Paul Ben-Haim. Dabei stimmen Erlkönig und Hitragut eine Art Dialog an, ein Gute-Nacht-Lied sowie ein gruseliges Märchen, im steten Wechsel zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror.
Itamar Gov, geboren 1989 in Tel Aviv, lebt seit 2010 in Berlin, studierte Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte in Bologna, Berlin und Paris. Gov hat seine Arbeiten in zahlreichen Institutionen auf der Welt präsentiert und war Artist-in-Residence unter anderem an der Cité internationale des arts, dem Nordic Artists‘ Centre, und 2025 der Casa Baldi Rom.
Die Altistin Noa Beinart wurde 1992 in Tel Aviv geboren, absolvierte ihr Gesangsstudium an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin, war u.a. Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper und Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und engagiert am Royal Opera House Covent Garden in London sowie bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen.
Bruno Delepelaire, 1989 in Frankreich geboren, begann seine musikalische Ausbildung am Pariser Conservatoire. 2012 setzte er sein Studium in Berlin fort. Als vielfach ausgezeichneter Solist und Kammermusiker ist Delepelaire seit November 2013 Erster Solocellist der Berliner Philharmoniker. Als Solist trat er u.a. mit den Nizza Philharmonikern, dem Aalborg Symphonieorchester, den Berliner Barocksolisten sowie der Bayerischen Kammerphilharmonie auf.
www.kunstmuseum-magdeburg.de
Hinweis: Vom 12. bis 22. März, während der Magdeburger Teleman-Festtage, ist „The Rhinoceros in the Room“ nicht in der Klosterkirche zu sehen.





