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Ausgezeichnet wurde HolzOval, 2021, Konzept und Umsetzung von Stefan Breuer und Sebastian Hicks, ein temporärer sinnlich erfahrbarer Ort, an dem man ungezwungen und zufällig zusammenkommen kann. Foto: Sebastian Breuer

Ausgezeichnet wurde HolzOval, 2021, Konzept und Umsetzung von Stefan Breuer und Sebastian Hicks, ein temporärer sinnlich erfahrbarer Ort, an dem man ungezwungen und zufällig zusammenkommen kann. Foto: Sebastian Breuer

in kunst

Was bedeutet Peripherie heute?

Susanne Karrvon Susanne Karr
1.09.2026

Erst kürzlich wurden die Siegerprojekte des Open Call 2027/28 unter dem Titel Peripherien im Wandel in Klagenfurt vorgestellt. Insgesamt hatten sich 64 Einreicher:innen aus ganz Österreich und aus allen Sparten an der Ausschreibung beteiligt. Die Wichtigkeit der Förderung von Kunst und Kultur in Kärnten zeigt sich in den Zahlen: Insgesamt wären knapp 6 Mio. Euro nötig, um alle eingereichten Projekte auch umsetzen zu können.

Das Thema des Open Call der Kärntner Kulturstiftung KKS, „Peripherien im Wandel“, inspiriert zu räumlichen, aber auch intellektuellen Fragestellungen. Was bedeutet „Peripherie“ überhaupt noch in einer Zeit, in der auf unendlich viele Informationen von so vielen Orten der Welt zugegriffen werden kann? In einer Zeit, in der obendrein Diskussionen und eine kritische Befragung der überlieferten Geschichte die vermeintlichen „Zentren“ der Welt als Gewinner von Marketing- und Aufmerksamkeits-Strategien entzaubern? 
Das Gegensatzpaar „Peripherie – Zentrum“ mutet wie ein Relikt aus überkommenen Gedankenwelten und Weltbildern an. Der Fokus auf einen Wandel, wie ihn die Kärntner Kulturstiftung mit dem Titel anregt, erweitert zudem die Perspektive auf globale Zusammenhänge, die gerade in krisenhaften Situationen wichtig sind. Verbindungen müssen sowohl geografisch als auch zeitlich, nämlich generationenübergreifend, verstanden werden und dürfen sich nicht auf ein rein menschlich, und hier vor allem „westlich“ geprägtes Weltbild beziehen, wenn für alle längerfristig ein Überleben möglich sein soll.

Die Gewinner:innen des Open Call 2027/28 wurden in der Zentrale der Kärntner Sparkasse in Klagenfurt in Anwesenheit der drei Stiftungsvorständinnen der Kärntner Kulturstiftung – Monika Kircher, Ina Lerchbaumer und Gabriele Semmelrock-Werzer – und der Vorsitzenden des Kuratoriums Barbara Putz-Plecko präsentiert. Die Jury, bestehend aus der früheren Vizerektorin der Universität für angewandte Kunst Wien, Barbara Putz-Plecko, Bruno Strobl, Komponist für neue Musik, Julia Schuster, Leiterin des Kunsthauses Gmünd und Cvetka Lipuš, zweisprachige Autorin und Literatin – wählte die Projekte in einem zweistufigen Verfahren aus. Die Entscheidung fiel für die Projekte Resonanz der Gezeiten und Von Klagenfurt nach Klagenfurt – Dialogisch den Horizont expandieren.

Der luftige Pavillon HolzOval ist ein Ort, der keinen vorgeschriebenen, eindeutigen Nutzen vorgibt und dabei selbst wandlungsfähig bleibt. Foto: Gerhard Maurer

Partizipative Architektur

Mit Resonanz der Gezeiten haben Stefan Breuer und Sebastian Hicks (open form) mit HolzOval einen auf den ersten Blick temporären Ort geschaffen, an dem man sich treffen und miteinander sprechen kann, ungezwungen und zufällig, einen Ort, der keinen vorgeschriebenen, eindeutigen Nutzen vorgibt und dabei selbst wandlungsfähig bleibt. Denn mit der raffinierten modularen Holzkonstruktion entsteht eine Raumstruktur, die aus 108 ausklappbaren Holzsesseln besteht. Auf den zweiten Blick erschließt sich der innere Kern des Projekts: eine unsichtbare Ebene, auf der es um Kommunikation und Verbindung geht. Wo sich Grenzen verschieben, denn aus bis dahin Unbekannten werden Menschen, die wechselseitig in Kontakt treten können.
Leicht auf- und abbaubar kann man die ansprechende, leicht transportierbare Holzarchitektur rasch im öffentlichen Raum aufstellen, etwa in einem Park. Der nach oben offene gekuppelte Pavillon über ovalem Grundriss ist aus Holz, transportfähig, immer wieder einsetzbar, also durchaus nachhaltig und zieht die Blicke auf sich, denn er ist auch schön anzusehen. Dazu punktet er durch die originelle Idee, Elemente der Struktur als Sitzgelegenheiten verwenden zu können – man nimmt sich einfach aus der modularen Hülle ein Teil heraus, um bequem verweilen zu können. Dadurch bricht die Struktur auf, wird transparenter. Die temporäre Architektur erweist sich nicht nur als nützlich, sondern schafft zugleich einen besonderen tageslichtdurchfluteten Raum mit Aufenthaltsqualität. 
Die sinnliche Interaktion mit Material und Struktur bedeutet an sich bereits Partizipation – zu der nun die Möglichkeit des Austauschs mit anderen hinzukommt. Stefan Breuer und Sebastian Hicks haben zudem internationale und regionale Künstler:innen und Forscher:innen eingeladen, gemeinsam mit ihnen künstlerische, wissenschaftliche und gesellschaftsrelevante Dialoge anzuregen. So kann eine Gezeiten-Zone des permanenten Fließens zwischen kulturellem und gedanklichem Austausch entstehen.
Das Projekt findet in Kooperation mit internationalen Partner:innen statt, an diversen Orten in Borneo, Indien und Großbritannien. 
https://www.openedform.com

HolzOval punktet auch durch die originelle Idee, Elemente der Struktur als Sitzgelegenheiten verwenden zu können – man nimmt sich einfach aus der modularen Hülle ein Teil heraus, um bequem verweilen zu können. Foto: Sebastian Breuer

Nomadische Erzählräume

Dass Klagenfurt weltweit zweimal existiert, nahmen Nicole Six und Paul Petritsch zum Anlass ihrer Forschung über das Verhältnis Peripherie und Zentrum. Das 2. Klagenfurt liegt im Nordpolarmeer und ist eine Insel im Franz-Josef Land, das seinen Namen aus Dankbarkeit erhielt: Denn Klagenfurt am Wörthersee hatte die 1872–1874 durchgeführte Österreichisch-Ungarische Nordpol-Expedition unterstützt. 

Den Beginn des Projekts Von Klagenfurt nach Klagenfurt bildet eine temporäre Bodenzeichnung des Franz-Josef-Landes im Maßstab 1:25, die in Klagenfurt im öffentlichen Raum geplant ist, um erste Gespräche zu initiieren. Foto: Meer der Stille/Six Petritsch

Diese beiden Orte setzten die Künstler:innen nun miteinander in Verbindung und eröffnen nomadische Erzählräume, zu denen sie Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, regionale Vereine und eine interessierte Öffentlichkeit einladen. Sie selbst bringen dabei die Erlebnisse ihrer eigenen Reise in den Norden ein, anhand historischer Recherche, Kartografie, Reisejournalen, Fotografie und Akustik.
Auch die körperlichen Erfahrungen im hohen Norden spielen eine Rolle und ergänzen die Eindrücke. Peripherie wird so immer mehr zum Ort des Geschehens, in dem Verbindung und Kommunikation ebenso stattfinden wie in den vermeintlichen Zentren einer Agglomeration. Dass sich so der Radius der Wahrnehmung erweitern lässt, und auch Lebenswelten jenseits des eigenen Lebensumfelds interessant macht, wäre ein gewünschtes Ergebnis. Menschengemachte Veränderungen betreffen alle Lebewesen – sich dies klarzumachen, dazu kann eine Erweiterung der Perspektive beitragen.
Von Klagenfurt nach Klagenfurt möchte Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Hintergründe erreichen und durch ihre „nomadischen Erzählräume“ auch miteinander ins Gespräch bringen. Den Beginn des Projekts bildet eine temporäre Bodenzeichnung des Franz-Josef-Landes im Maßstab 1:25, die in Klagenfurt im öffentlichen Raum geplant ist, um erste Gespräche zu initiieren.
https://www.six-petritsch.com/

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