Zur 64. Ausgabe des Salone del Mobile.Milano werden von 21. bis 26. April auf dem Mailänder Messegelände Rho mehr als 1.900 Aussteller:innen aus 32 Ländern erwartet. Aber zahlreiche Veranstaltungen locken wie jedes Jahr auch zur Design Week in die Stadt.
Neben den jährlichen und biennalen Veranstaltungen EuroCucina / FTK – Technology For the Kitchen und dem Salone Internazionale del Bagno, feiern dieses Jahr der Salone Contract und Salone Raritas ihr Debut.
Die Wegeführung durch die Messehallen des diesjährigen Salone wird von einer noch besucherfreundlicheren Ausstellungsarchitektur begleitet, die den Besucher:innen nicht nur einen besseren Überblick ermöglichen soll, sondern auch für eine bessere Orientierung in den Hallen sorgt. Seine Premiere feiert der Salone Contract — für dessen Masterplan Rem Koolhaas und David Gianotten (OMA) verantwortlich zeichnen. Mit ihm möchte man dazu einladen, die großen Themen dieses sich wandelnden Ökosystems des Möbeldesigns zu erkunden — von der Kontextanalyse bis zum Besuchererlebnis, von integrierten Einrichtungslösungen bis hin zur Stärkung der B2B-Netzwerkdimension. Ein weiteres Debut steht mit dem Salone Raritas an. Im Rahmen von curated icons, unique objects, and outsider pieces (Halle 9) werden 25 Aussteller:nnen eine neue Plattform ins Leben rufen und eine Brücke zwischen dem Bereich der Sonderanfertigungen und dem Projektmarkt spannen, kuratiert von Annalisa Rosso, als Editorial Director und Cultural Events Advisor des Salone del Mobile.Milano. Das einaldende Ausstellungsdesign schuf das italienische forschungsorientierte Designstudio Formafantasma, das sich mit den ökologischen, historischen, politischen und sozialen Kräften auseinandersetzt, die das Design heute prägen. Im Rahmen all seiner Arbeiten widmet sich das Studio dem Kontext, den Prozessen und den Details stets mit der gleichen Sorgfalt. Der analytische Ansatz von Formafantasma spiegelt sich in akribisch ausgearbeiteten visuellen Ergebnissen, Produkten und Strategien wider und wird auch bei der Gestaltung des Salone Raritas zum tragen kommen.

Das Messe-Universum des Salone
Mit der Einführung des Salone Contract maöchte man die Präsenz der Branche in wachstumsstarken Sektoren wie Gastronomie, Hospitality, Immobilien, öffentlichem Raum und Schifffahrt stärken, Bereiche, die neue Kompetenzen und neue Ausrichtungen erforderlich machen. Im Mittelpunkt des Spin-offs 2026 steht ein Internationales Forum mit einem Vortrag von Rem Koolhaas, der mit David Gianotten von OMA den gemeinsam erstellten Masterplan 2027 für den Salone Contract präsentieren wird.
Der Salone Raritas hingegen richtet seinen Fokus auf einzigartige Sammlerstücke und wird unter der Teilnahme von 28 Aussteller:nnen aus internationalem Umfeld (Nilufar, Salviati x Draga & Aurel, Mouromtsev Design Editions, Mercado Moderno, Parasite 2.0 X Bianco67 und Brun Fine Arts) diese neue Plattform, als Dialogformat mit Architekt:innen, Innenarchitekt:innen und Akteuren der Hotellerie weiterführen. Man möchte als Bezugspunkt zum professionellen Projektmarkt ein Segment etablieren, in dem Forschung und Experiment zunehmende Bedeutung zukommen soll.
„Die Herausforderung, der wir uns gestellt haben, besteht darin, die Messe nicht nur als fixen Bezugspunkt in einem unsicheren Umfeld zu verankern, sondern als ein Ökosystem, das in der Lage ist, das Wachstum der Branche zu begleiten, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, die sich wandelnde Welt vorausschauend zu interpretieren“, unterstreicht die Direktorin des Salone Maria Porro die Intention der Veranstalter.

Auf dem Salone del Mobile.Milano wird das architektonische Projekt auch dazu beitragen, die Entwicklungen der Zeit besser zu deuten. In diesen Kontext fügt sich ABITO (was gleichermaßen mit „Kleidung“ sowie mit „ich wohne“ übersetzt werden kann) ein, eine von den Architekt:innen Palomba Serafini Associati kuratierte Ausstellung, die Mode und Design miteinander verknüpft, um anhand von Objekten und Kleidungsstücken zu zeigen, wie sich die Gesellschaft und mit ihr die Lebens- und Wohnformen wandeln.
Von 17. bis 26. April kehrt auch der Design Kiosk auf die Piazza della Scala zurück, der sich – kuratiert von Reading Room – mit einem abwechslungsreichen Vortrags-und Diskussionsforum dem neuen unabhängigen Verlagswesen widmet. Der Kiosk auf der Piazza Sant’Eustorgio in der Nähe der Porta Ticinese wird hingegen ebenfalls zum Veranstaltungsort aber auch zum Ausgangspunkt eines von Bianca Felicori, der Gründerin von Forgotten Architecture, konzipierten Stadtrundgangs, der an fünf emblematischen Bauwerken des 20. Jahrhunderts vorbeiführen wird.
All jene, die sich auf eine individuelle Entdeckungstour Mailands begeben wollen, begleitet der neue in gedrucktem wie in digitalem Format verfügbare Stadtführer Salone in the City.
Ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Designs
Am Abend des 24. April 2026 werden im Rahmen der Notte Bianca del Progetto, einer Initiative des Mailänder Salone del Mobile, erstmals alle historischen Design- und Architektur-Archive Mailands einen einzigen Abend lang kostenlos öffentlich zugänglich sein.
Die Designgeschichte Mailands ist eng mit ihren Protagonist:innen verknüpft und lässt sich anhand ihrer zahlreichen hier angesiedelten Archive entdecken, jener Archive, an denen durchwegs legendäre Designerstücke das Licht der Welt erblickt haben. Orte, an denen Entwurfskizzen, Pläne, Fotos, Modelle und Prototypen oder Notizen aufbewahrt werden, die es auch heute noch ermöglichen, die einzelnen Entwicklungsschritte bei der Entstehung eines Projektes nachzuvollziehen. Im Rahmen der Notte Bianca del Progetto, die vom Salone del Mobile gemeinsam der Architekturschule des Politecnico di Milano veranstaltet wird, eröffnen sich Räume, die die Zeit überdauert haben, in denen unzählige weltberühmte Objekte erdacht wurden und in denen man dem kreativen Potenzial immer noch nachzupüren vermag. Ein reiches Programm aus Führungen und kostenlosen Veranstaltungen, von 18:30 Uhr bis 23:00 Uhr, erlaubt es in jene Welt des Designs einzutauchen, die vom Entstehungsprozess einer ganzen Reihe mittlerweile unverzichtbarer Designklassiker erzählt.

Diese erste Ausgabe von Common Archive erstreckt sich auf die wichtigsten historischen Archive der Stadt, eine der weltweit dichtesten Art von Design-Speicher internationalen Niveaus. Von der Cittadella degli Archivi über das CASVA – Centro Alti Studi sulle Arti Visive bis zu Institutionen wie die Triennale Milano mit dem Centro Cuore und dem Politecnico di Milano, führt die Route auch zu Verbänden und Museumsarchiven, wie das AIAP-Zentrum für Grafikdesign Dokumentation und die Historische Sammlung Compasso d’Oro im ADI Design Museum mit seiner umfangreichen Fondazione-Fiera-Milano-Sammlung und der Sammlung des Castello Sforzesco.
Programmhöhepunkt der Notte Bianca del Progetto-Premiere sind aber zweifellos die offen zugänglichen Ateliers, Archive und Stiftungen der führenden Gestalter:innen des 20. Jahrhunderts wie Achille Castiglioni, Franco Albini, Vico Magistretti, Gae Aulenti, Giovanni Muzio, Gio Ponti, Giancarlo Iliprandi, Bruno Danese oder Jacqueline Vodoz, von Persönlichkeiten also, deren Ateliers ihre ganz persönliche, intime und höchst kreative Atmosphäre noch heute offenbaren. „Common Archive lenkt den Blick weg vom Objekt und vom Gebauten. Hin zu dem, was sich dahinter verbirgt. Hin zu den Bedingungen, die den Entwurf erst möglich machen. Mit dieser Initiative präsentiert sich Mailand für einen Abend nicht als Bühne, sondern als lebendiges Gedächtnis, als unverzichtbares Erbe für Forschung, Bildung und Wissensvermittlung“, fasst Maria Porro, die Präsidentin des Mailänder Salone del Mobile diese erste Initiative zusammen.
Common Archive sieht ebenfalls am 24. April eine außerordentliche Abendöffnung der Fabbrica del Vapore und der dort laufenden Ausstellung INTERDEPENDENCE: past, present, future, vor. Sie lädt mit einer Auswahl von Designobjekten des Archivs des CASVA zur Erkundung des Designs als Instrument ein, um die Vergangenheit anhand diverser Projekte in den Hörsälen des Politecnico di Milano und in 50 internationalen Designschulen näher zu beleuchten.

Und was passiert in Zukunft mit den Möbeln?
Aber „unser Verhalten ändert sich ebenso wie unsere Erwartungen, und die Märkte müssen darauf mit neuen Produkten und Dienstleistungen reagieren“, wie der Business-Futurist und Technologie-Experte Alberto Mattiello, einleitend zur internationalen Pressekonferenz des Mailänder Salone 2026 anmerkte. Mattiello lebt seit etwa zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten, in Miami. Seit geraumer Zeit, so erzählt er, werde dort auf Plakaten ein humanoider Roboter beworben, der um 500 Dollar im Monat, als Putzhilfe für die eigenen vier Wände engagiert werden kann. „Aber ist das nun ein Haushaltsgerät? Vielleicht etwas mehr. Denn damit wird vielmehr ein neues Konzept eingeführt, einer Art des Zusammenlebens, das wir uns für die Zukunft vorstellen können, mit Systemen, die in unserem Wohnumfeld mit uns zusammenarbeiten werden. Und es stellt sich damit die Frage: Was passiert mit den Möbeln? Das Möbelstück wird zu einer Art Infrastruktur des hybriden Zusammenlebens“, so Mattiello. „Das Ziel ist klar“, führt er weiter aus „es geht darum, irgendwann ein Lebensmodell zu erreichen, in dem sich Maschinen um all die Dinge kümmern, die wir als nicht besonders angenehme Arbeit empfinden, wie etwa das Putzen unserer Wohnung. Das bedeutet, dass sich der Fokus beispielsweise von einem Gegenstand hin zu gewonnener Zeit verlagert. Und was passiert mit dem Design? Das Design verlagert sich vom Produkt zu einer Art Lebensstil, der gemeinsam mit der Technologie gelebt wird“, sieht der Business-Futurist die Zukunft. Und er führt weiter aus: „Wir alle gewöhnen uns daran, künstliche Intelligenz zu nutzen im Beruf wie im Privaten. Es wird sich in diesem Jahr deutlich zeigen, dass diese Beziehung zur künstlichen Intelligenz viel enger werden wird. KI-Systeme werden uns immer besser verstehen lernen, und die Art und Weise, wie wir mit ihnen interagieren, wird viel persönlicher werden“.
Was passiert mit den Möbeln? Das Möbelstück wird zu einer Art Infrastruktur des hybriden Zusammenlebens.
Alberto Mattiello
Laut Mattiello wird dies Auswirkungen haben. Denn sobald wir uns daran gewöhnten, dass unsere Erwartungen steigen, und wir eine durchaus persönliche Beziehung zu einer Maschine aufbauten, die uns versteht, mit uns spricht und uns kennt, würden wir dieses Bedürfnis nach mehr Individualisierung wahrscheinlich auch in den physischen Raum übertragen, meint er. „Vielleicht werde ich also in naher Zukunft immer weniger nach einem neutralen und standardisierten Raum suchen, sondern vielmehr nach mehr Persönlichkeit, mehr Charakter, mehr Einzigartigkeit. Dann könnte diese Einzigartigkeit zu einer Art kultureller Antwort auf die Hyperpersonalisierung werden, die uns die Technologie heute ermöglicht“.
Geht es nach Mattiello so gibt es also eine ganze Reihe von Räumen, die in unserem Zuhause mehr und mehr an Bedeutung gewinnen – das Badezimmer zum Beispiel, wo wir uns ganz auf uns selbst konzentrieren und versuchen zu verstehen, wie uns Hightech in unserem täglichen Leben unterstützen kann. Hierbei gehe es um Systeme, die uns nicht nur überwachen könnten sondern um proaktive Technologie, die nicht nur reagiere, sondern bereits vorab wisse, was wir benötigen. Es werde also nicht mehr genügen, eine Maschine zu besitzen, die weiß, was gerade passiert, sondern das Ziel wir sein, eine Maschine sein Eigen zu nennen, die im Voraus verstehe, was passieren werde. „Es liegt auf der Hand, dass die gesamte immaterielle Infrastruktur, die uns die Digitalisierung seit Jahren beschert, immer wichtiger und strategischer werden wird“, unterstreicht Mattiello. Und hier schließt sich der Kreis zum diesjährigen Salone del Mobile: „Ich kaufe keine Möbel mehr, sondern Infrastrukturen, die aus Daten, Beziehungen, Inhalten und Updates bestehen. Und diese Dynamik wird zwangsläufig alle Märkte tiefgreifend verändern. Wenn Technologien die Spielregeln verändern, wird es wichtig, ein Gespür dafür zu haben, wie sich dies auf die Märkte auswirken wird – und die Messe ist seit jeher einer jener Orte, an denen die Zukunft ganz selbstverständlich zur gemeinsamen Kultur wird“ und somit, wie Alberto Mattiello abschließt, muss auch der Messe selbts auf diese Veränderungen reagieren.




