Die österreichische Künstlerin Inge Dick versucht, in ihrem Werk das flüchtige und unsichtbare natürliche Licht im Raum durch Malerei, experimentelle Fotografie und Film als Zeit- und Farbphänomene sichtbar zu machen. Aber wie kann es überhaupt gelingen, Licht abzubilden, zu fotografieren? Was wie eine verrückte Idee klingt, wurde für Inge Dick zur künstlerischen Herausforderung.
In der Ausstellung Inge Dick. Vom Licht berührt zeigt die Landesgalerie Krems noch bis 10. Jänner 2027 Werke aus all ihren Schaffensperioden, von feinen Zeichnungen, Szenen aus Altenburg oder dem Naschmarkt aus den 1960er Jahren, über dynamische Kalligraphien bis hin zu ihren eindrucksvollen Lichtfotografien.
In ihren Gemälden, Fotografien und dem Medium Film ist die Künstlerin dem Tageslicht seit langem auf der Spur. Hat das Licht eine Farbe, und können wir sie wahrnehmen? Das war ihre Anfangsfrage. Und wenn ja, welche Farbe hat es? Verändert sie sich?

Von der Wahrnehmung des Lichts …
Genaue Beobachtungen mit dem menschlichen Auge genügten dieser Fragestellung auf Dauer nicht, denn das Auge passt sich an. Wenn also ein Farbspektrum morgens eigentlich ganz anders erscheint als nachmittags, gleicht die Korrespondenz von Auge und Gehirn diese Modulation aus. Anders eine Kamera. Mit Polaroids bleibt der Blau-Anteil des Lichts im Bild erhalten. Mit minutiösen Versuchsanordnungen begann nun die Lichtforscherin die zahlreichen Farbvarianten herauszusuchen. Mit genauer zeitlicher Taktung fotografierte Dick eine weiße Wand zu unterschiedlichen Tageszeiten und erhielt somit Einblick in die wechselnden Schattierungen – von lichtem Weiß über Hellgelb bis zu Rosa, Blau und Grautönen.

„Dicks Arbeiten sind zutiefst geprägt von der Wahrnehmung natürlichen Lichts. In ihrer Beschäftigung mit der Malerei hat sie früh erkannt, dass das Licht keine konstante verlässliche Lichtfarbe hat, sondern sich verändert im Tagesablauf, mit den Wetterlagen und abhängt von dem Ort, an dem man sich befindet“, führt Gerda Ridler,die Kuratorin dieser Retrospektive zu Dicks 85. Geburtstag und künstlerische Direktorin der Landesgalerie Niederösterreich in Krems aus. „Inge Dick hat es geschafft mit der optischen Linse diese Veränderungen sichtbar zu machen. Wie sich das Licht im Laufe eines Tages, eines Monats, eines Jahres verändert, können wir nur erahnen, aber in der Kunst von Inge Dick sehen“.
Fotografieren hat die 1941 in Wien geborene Künstlerin, die längst der Stadt den Rücken gekehrt hat und am Mondsee lebt, im Eigenstudium erlernt. An der Angewandten in Wien hatte sie Gebrauchsgrafik studiert, zuvor die Modeschule Hetzendorf absolviert. Ihre fotografischen Lichtstudien begannen zunächst schwarzweiß, mit der Dokumentation von Licht und Schattenreflexen im Atelier. Die eigentlich unsichtbaren Elemente des Lebens, Licht und Zeit, wurden zum Hauptthema ihrer künstlerischen Arbeiten.


… und vom Vergehen der Zeit
„Licht ist ein Phänomen, das jedes Wesen zum Leben erweckt. Ohne Licht können wir nicht leben, es ist ein Geheimnis, es ist mein Thema“, erläutert Inge Dick. Sie gilt als herausragende Vertreterin der österreichischen und internationalen Gegenwartskunst, der experimentellen Fotografie und des Films.
Inge Dick arbeitete seit Ende der 1970er Jahre mit der damals spektakulär neuen Technik der Polaroid-Kameras, auch mit der weltweit größten Polaroid-Kamera, die es je gab. Diese befand sich in Boston und war nicht transportierbar, sie war wie ein kleiner Raum, in dem man hineintreten konnte. Die Fotografin schaffte es im Jahr 1999, für ihre Fotografien mit ihrem Assistenten Zugang zu diesem Gerät zu erhalten. Die Ausdrucke dieser Riesenkamera waren über 2,5 Meter lang. „Das Polaroidmaterial ist für mich so besonders faszinierend, weil es kein Korn hat, es ist wie Malerei, schaut in die Tiefe der Farbe und das ist so einzigartig, noch dazu ist jedes Foto ein Unikat, weil unwiederholbar. So wie jede Sekunde in unserem Leben unwiederholbar ist“, sagt Inge Dick. Die so entstandenen leuchtend roten und intensiv blauen Bilder sind ebenfalls in Krems ausgestellt. Zwar wird dieses Gerät längst nicht mehr betrieben, die Fotoserien aber geben Zeugnis von dessen unbändiger Farbkraft.

Da die Künstlerin sich stets für neue Techniken interessierte, kam nach Polaroid die Digitalkamera. Ihr beeindruckend schönes Jahreszeitenprojekt „jahres licht weiss“ fertigte sie mittels 4 Digitalfilmen an. Darin fängt sie jene sich während des Jahres verändernden Lichtnuancen ein, die sie in den jeweiligen Jahreszeiten fotografiert hat. Ihre Auswahl stellte sie in vier Monumentaltafeln zusammen. Diese haben neben ihrer ästhetischen Eleganz auch eine starke Präsenz, die dazu einlädt, genauer hinzusehen.
Es lohnt sich, der Betrachtung ihrer Arbeiten etwas mehr Zeit zu widmen, und die leichten Farbnuancen auch auf sich wirken zu lassen – denn kein Moment hat dasselbe Licht wie der nächste. „Die Zeit und die Veränderung des Lichts festzuhalten, fasziniert mich und ist mein Lebensthema“, betont die Künstlerin. Inge Dicks Arbeiten sind ein poetischer Versuch, das Vergehen der Zeit und die Veränderung der Lichtintensität mit Nuancen der Lichtfarben in Bilder zu fassen.
Bis 10. Jänner 2027
Landesgalerie Niederösterreich






