Das Generalthema von Turn On 2026 lautete „kreative Dissonanzen“. Und es ging damit auch um die Frage einer neuen Position in der Architektur in einer Zeit der großen Umbrüche. Eine Überraschung: die Festrede hielten diesmal mit Aimée Michelfelder und Jurek Brüggen, des Büros AFEA – Association for Ecological Architecture, ein sehr junges Team, das sich nicht nur mit der Zukunft auseinandersetzt, sondern sich aktiv für eine bessere Zukunft engagiert.
„Wie weiter? Diese Frage stellen wir uns als Architektinnen und Architekten vielleicht dringender denn je. Diese Festrede ist ein Vorschlag, ein Vorschlag dafür, wie wir als Architektinnen und Architekten Möglichkeitsräume eines anderen Lebens und Zusammenlebens initiieren können. Wir nennen das transformative Prozesse. Prozesse, die nicht nur Gebäude verändern, sondern auch Strukturen, Beziehungen und Vorstellungen davon, wie wir leben wollen. Prozesse, die Vorschläge machen für mögliche und für bessere Zukünfte. Doch was bedeutet das konkret?“, beginnt Aimée.

Alles ist Bestand
An den Beginn des Vortrags stellt sie einen Blick an jene Orte, an denen die beiden begannen, Architektur zu machen, in Derendingen, einem Vorort von Solothurn in der Schweiz und in den Havelauen von Werder, einem neuen Stadtgebiet im Umland von Berlin, beides keine besonders charmanten Orte, aber genau dort hätten beide etwas verstanden, erzählt Aimée: In der Reihenhaussiedlung ihrer Eltern wohnten früher viele Familien. Mit der Zeit zogen die Kinder aus und viele Zimmer standen leer. Eines Tages hörte Aimée von einer Nachbarin, die ein Zimmer in ihrem Haus verplomben ließ. Es wurde ein Raum dauerhaft verschlossen, der damit auch nicht mehr nutzbar war. Aimée war, wie sie anmerkt, irritiert, denn Verdichtung sei doch gleichzeitig in der Schweiz eines der zentralen Themen. Um den Flächenverbrauch zu begrenzen, werden in der Schweiz kaum noch neue Bauflächen ausgewiesen und in vielen Städten werden Häuser abgerissen, um größere Gebäude zu errichten und mehr Wohnfläche zu schaffen, auch in Derendingen, und gleichzeitig werden Zimmer dauerhaft geschlossen. Warum?
Der Grund ist ein Gesetz, der sogenannte Eigenmietwert, eine Steuer auf selbstgenutztes Wohneigentum. Je größer die Wohnfläche, desto höher die Steuer. Für ältere Menschen wurde deshalb ein sogenannter Unternutzungsabzug eingeführt, eine steuerliche Reduktion für dauerhaft nicht genutzte Räume. „Eine gut gemeinte Regelung, eine finanzielle Entlastung wurde so zum Anreiz für Leerstand“, wie Aimée hervorhebt. „Diese Irritation war der Ausgangspunkt für ein Projekt. Wir nennen es ‚Alles bleibt anders‘. Die Idee ist, einfach, leerstehende Zimmer in Einfamilienhäusern systematisch umzunutzen mit minimalen Eingriffen“. Das bedeute, Verdichtung im Bestand und in der Nutzung. Dafür entwickelte AFEA einen Katalog minimalinvasiver Umbauten und ein genossenschaftliches Modell für Finanzierung und Betrieb.

In seiner Heimatstadt Werder – setzt Jurek Brüggen fort – hatte die Stadt gemeinsam mit einem Investor ein großes Thermenprojekt geplant. Kurz vor dessen Fertigstellung mündete ein Streit beider Parteien zur Stilllegung der Baustelle, die zu einer Bauruine zu werden drohte. Eine Bürgerbewegung kämpfte für alternative Nutzungen des Quartiers, etwa mit Kindergartenplätzen, Schulräumen, einem Jugendzentrum oder Räumen für die Musikschule. Abriss und Neubau standen jedoch im Raum. „Auch mich irritierte das“, sagt Jurek, „viele Millionen waren bereits verbaut worden. Nun sollten noch einmal Millionen ausgegeben werden für einen Neubau an derselben Stelle“.
Gemeinsam mit dem Architekten Theo Herrmann schlugen Aimée Michelfelder und Jurek Brüggen eine Umnutzung vor. Den Kindergarten plante man im ehemaligen Blütenbecken, die Musikschule in den Massagezimmern, das Jugendzentrum im Becken der Poolbar, Klassenräume in den großen Gruppenräumen. „Dabei wären alle Treppen, Tragstrukturen und Sanitärbereiche erhalten geblieben und doch wäre ein völlig neues Gebäude entstanden, ein Haus für alle und für alles“, erzählt Jurek.
Unsere Aufgabe als Architektinnen und Architekten ist es, nicht nur Gebäude zu entwerfen, sondern Zukünfte vorzuschlagen.
Aimée Michelfelder & Jurek Brüggen
Alles hängt miteinander zusammen
Eben genau diese Erfahrungen würden auf etwas Grundsätzliches verweisen, sagen die beiden: „Alles ist Bestand und Bestand ist alles“. Denn Bestand sei – wie Aimée weiter ausführt – nicht nur das Gebäude, es seien auch Gesetze, Gewohnheiten, Geschichten, Ökonomien, Politik, Wünsche und Ängste darunter zu verstehen. All das präge die Realität, in der Architektur entsteht. Das Bestandgebäude sei daher oft nur ein kleiner Teil der Analyse, denn oft seien es gerade banal scheinende Gebäude, denen niemand einen besonderen Wert zuschreiben würde, hierzu gehörten die heute oft ungeliebten und leerstehenden Plattenbauten oder vielerorts baufälligen Garagenanlagen aus DDR-Zeiten.
Man habe versucht zu verstehen, so Jurek weiter, welche Kräfte, welche Möglichkeiten hier vielleicht noch unsichtbar seien. „Denn nichts passiert einfach so. Hinter jeder Situation stehen Strukturen und genau diese Strukturen sind unser eigentlicher Bestand.Wenn wir diesen erweiterten Bestand ernst nehmen, dann können wir nicht mehr trennen nicht zwischen gebaut und natürlich, nicht zwischen materiell und immateriell, denn alles hängt miteinander zusammen“.
Dennoch basiere ein großer Teil der heutigen nachhaltigen Architektur immer noch auf einer Trennung. „Der Mensch hier und die Natur dort. Gebäude werden zu abgeschlossenen Systemen, wir isolieren sie, und kontrollierten ihre Atmosphäre. Lange sei versucht worden, die Welt, in der wir leben, von der Welt zu trennen, von der wir leben. Doch diese Vorstellung funktioniert nicht mehr, denn der Bausektor gehört heute zur den größten Verursachern der menschgemachten Umweltbelastung“, so Jurek Brüggen.
Manchmal ist die beste Transformation eine sehr leise.
Aimée Michelfelder & Jurek Brüggen
Es reicht nicht mehr, ein Gebäude nur effizienter zu machen. Wir müssen unser Verhältnis zur Welt grundsätzlich neu denken. Es gäbe nur eine gemeinsame Welt, führen beide weiter aus. „Eine Welt, die wir teilen mit anderen Menschen, mit anderen Lebewesen, mit der Erde selbst. Und wenn wir Architektur in dieser gemeinsamen Welt verstehen, dann verändert sich ihre Rolle. Architektur gestaltet nicht nur Räume, sie gestaltet Möglichkeiten des Zusammenlebens“.Ein inspirierendes Beispiel sieht Aimée in Friedensreich Hundertwassers „Baummieter“. Hundertwasser schlug vor, in Wohnhäusern Räume für Bäume einzuplanen und Bäume als Untermieter aufzunehmen.„Der Mensch zahlt Miete in Geld, der Baum zahlt Miete in etwas anderem, in Schatten, in Kühlung, in Luft. Der Baummieter ist natürlich ein radikaler Gedanke, aber genau darin liegt seine Kraft. Er verändert die Perspektive. Plötzlich wird sichtbar, dass Architektur immer auch eine Beziehung organisiert zwischen Menschen, zwischen Menschen und Natur, zwischen Leben und Umwelt. Architektur wird damit zu einem Vorschlag für eine andere Form des Zusammenlebens. Aber wer beauftragt uns damit? Die Gesellschaft eher nicht“.
Architektur beginnt mit dem Entwurf
Transformation entstünde selten durch einen Auftrag. Es brauche Initiativen, meinen die beiden Architekt:innen. Oft beginne Transformation mit einem Vorschlag, mit einer gestellten Frage. Architektur könne Initiative sein, nicht als Reaktion, sondern als Handeln. Das bedeute, Akteur:innen zusammenbringen, den Bürgermeister kontaktieren, eine Genossenschaft gründen, mit Nachbar:innen sprechen. Also nicht auf den Auftrag warten, sondern Möglichkeiten eröffnen.
Wenn wir von innen heraus arbeiten, aus dem Bestand, aus den Menschen und aus den Geschichten eines Ortes, dann verändert sich auch unser Verständnis von Architektur zu Architektur als Prozess.
Aimée Michelfelder & Jurek Brüggen
Das proaktive Initiieren von Projekten durch Planer:innen setze einen Prozess in Gang, der grundlegende Veränderungen auslösen könne: „Einen Prozess von innen heraus, aus dem Bestand, aus den Menschen und aus den Geschichten eines Ortes. Wenn wir so arbeiten, dann verändert sich auch unser Verständnis von Architektur zu Architektur als Prozess“.
Ein schönes Beispiel dafür sehen die beiden in der Place Léon au Coq in Bordeaux von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die beauftrag worden waren, den Platz zu verschönern. Nach Gesprächen mit den Bewohner:innen stellten die Architekt:innen jedoch fest, dass der Platz bereits funktionierte. Also schlugen sie etwas Radikales vor: Nichts zu verändern, nur zu pflegen. „Manchmal ist die beste Transformation eine sehr leise. Wenn Architektur ein Prozess ist, dann verändert sich auch unser Verständnis von Form“, sagen Aimée und Jurek. Für die beiden ist Form nicht der Ausgangspunkt, sondern Ergebnis und Ausdruck des Prozesses. Die Schönheit eines Projektes entstehe aus der Kohärenz seines Prozesses, aus der Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Menschen beteiligt sind, wie Ressourcen genutzt werden und wie der Bestand weitergedacht wird.

Alles bleibt anders
Daraus entstünde eine neue Ästhetik, eine Ästhetik des Weiterbauens, eine Ästhetik der Transformation, eine Ästhetik, in der Spuren des Bestehenden sichtbar bleiben, in der Materialien wiederverwendet werden, in der Konstruktion nicht verborgen werden, sondern eigene prägende Wirkung einnehmen würden. Auch wenn diese Ästhetik manchmal irritiere, wie sie sagen.
Vorwürfe in den Medien sähen die neue Ästhetik manchmal als zu grob, zu roh, zu wenig gestaltet. Wellblech, sichtbare Konstruktionen, wiederverwendete Bauteile, all das scheine nicht dem gewohnten Bild architektonischer Schönheit zu entsprechen, erzählt Aimée. „Aber vielleicht zeigt diese Kritik vor allem, dass sich unsere Vorstellung von architektonischer Schönheit gerade verändert. Denn wenn Architektur aus einem transformativen Prozess entsteht, wenn wir Bestehendes ernst nehmen, wenn wir Ressourcen erhalten, wenn wir neue Nutzungen ermöglichen, wenn wir Räume verändern, ohne alles zu ersetzen, dann entsteht eine andere Form, eine Form, die nicht aus der Idee eines perfekten Bildes entstand, sondern aus einem Prozess der Veränderung“.
Und vielleicht ist genau das die Ästhetik der Transformation, eine Architektur, deren Form aus dem Prozess hervorgeht. „Für uns ist etwas schön, wenn es in sich stimmig ist, für Menschen, für Umwelt und Ressourcen. Wir plädieren für ein Verständnis von Schönheit, das alle Aspekte des Bestandes einbezieht, im Entwurf ebenso wie in der Gestalt“.
Transformative Prozesse würden oft klein beginnen, merkt Aimée Michelfelder an, mit einer Beobachtung, mit einer Irritation, mit einer Idee, aber sie könnten weitreichende und grundlegende Veränderungen auslösen. „Denn jeder Entwurf ist mehr als ein Gebäude. Er ist ein Vorschlag dafür, wie wir leben könnten. Und genau das ist unsere Aufgabe als Architektinnen und Architekten, nicht nur Gebäude zu entwerfen, sondern Zukünfte vorzuschlagen“.
Jurek Brüggen, geboren 1993 in Berlin, studierte Architektur an der ETH in Zürich.
Aimée Michelfelder 1993 in der Schweiz geboren, studierte eben da und im Anschluss an der Universität der Künste in Berlin. Ihr Büro haben sie in Berlin.
AFEA – Association for Ecological Architecture
Turn On Architekturfestival 2026






