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asphalt/Kollektiv für Architektur in Aktion bei den Vorbereitungen im Rahmen des Projekts "Umbauhof". Foto: Clara-Maria-Fickl

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Wiederverwertung ist keine Notlösung

Christine Müllervon Christine Müller
10.07.2026

„Umbauhof. Ein Ort für die Wiederverwendung von Bauteilen“ ist im Birkhäuser Verlag erschienen und widmet sich damit dem Umbau als „Wort der Stunde in der architektonischen Gegenwart“ und entspricht damit dem Ruf nach zirkulärer Baukultur. Das im Rahmen der Architekturtage 2024 präsentierte sich das Projekt „Umbauhof“ als „Infrastrukturmodell, das den Übergang von einer linearen zu einer zirkulären Baupraxis“ als notwendiges Szenario sichtbar zu machen sucht.

Den Bauhof als zentrale kommunale Einrichtung zur Sammlung, Trennung und Zwischenlagerung von Abfällen und Wertstoffen, kennen wir alle. Er ist aber auch eine Ort, der organisatorischen und technische Einrichtung, in der vor allem Kommunen, aber zum Teil auch Unternehmen, ihre Aufgaben der Instandhaltung, Pflege und Bewirtschaftung von Infrastruktur und Liegenschaften bündeln. Er dient also als zentraler Standort für Personal, Fahrzeuge, Maschinen und Materialien, die man benötigt, um den öffentlichen Raum funktionsfähig, sicher und gepflegt zu halten.Die Entstehung der Bauhöfe reicht in eine Zeit zurück, in der Städte ihre Infrastruktur mit eher einfachen Mitteln unterhielten, in Form Materialhöfen, wo Pflastersteine, Holz, Werkzeuge und Zugtiere bereitgehalten wurden. Mit der Industrialisierung und dem Wachstum der Städte im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden zunehmend organisierte Bauämter und Werkhöfe, aus denen sich in der Folge die modernen Bauhöfe entwickelten. Bauhöfe sind dafür zuständig, kleinere Schäden an Fahrbahnen zu beheben, Gehwege auszubessern, Straßenschilder zu montieren oder zu erneuern und Markierungen zu unterhalten und sind darüber hinaus durch die Pflege von Parks, Friedhöfen, Straßenbegleitgrün oder Spielplätzen auch für das Stadtbild mitverantwortlich.
Ausgehend von dieser kommunalen Einrichtung, entstand das Feldexperiment im Rahmen der Architekturtage 2024, als Pilotprojekt „Umbauhof“ und der Idee, dass dieser Ort– nun als Umbauhof – auch bei der Wiederverwendung von Bauteilen und der Reduktion von Bauabfällen eine zentrale Rolle spielen könnte. Den temporären Interventionen gelang es ein Themenfeld freizulegen und dessen gesellschaftliche und räumliche Relevanz spürbar zu machen. Ausserdem standen die Interventionen stellvertretend für die weitreichendere Idee, den Umbauhof als dauerhafte öffentliche Infrastruktur des Umbaus zu instituieren.
Einige Bauhöfe wurden für das Pilotprojekt ausgewählt, um diese temporär in Umbauhöfe zu verwandeln und mit diesem zukünftigen Ort eine neue Typologie vorzuschlagen, die ein aktiver Handlungsraum und überregionales Netzwerk für den Alltag des Weiterbauens sein könnte.

Auf Zeit werden die ausgewählten Objekte dem Müllkreislauf entzogen, gesammelt, … Foto: Nikolaus Gartner
… gereinigt, fotografisch dokumentiert und fiktiv zur neuerlichen Entnahme angeboten. Foto. asphalt

Vor der Entsorgung gerettet

Der im Birkhäuser Verlag erschienene handliche Band nimmt unterschiedliche Perspektiven einer gemeinsamen Aufgabe ins Visier und versteht dabei den Umbauhof „als Modell, das zeigt, wie der Übergang zu einer zirkulären Baupraxis konkret organisiert, kulturell verhandelt und architektonisch gestaltet werden kann“.
In zum Teil unscharf verschwimmenden Fotos wird die Aktion einer Performance gleich dokumentiert: Das in weiße Overalls gekleidete Team von asphalt/Kollektiv für Architektur wird am Mistplatz tätig, Kofferräume werden geöffnet, beladene Anhänger nach noch brauchbarem Material durchforstet, es werden gezielt Gegenstände ausgewählt und vor dem Entsorgen gerettet. Auf Zeit werden die ausgewählten Objekte dem Müllkreislauf entzogen, sie werden gesammelt, gereinigt und wie in einem Schauarchiv aufgelegt, Stück für Stück vermessen, fotografisch dokumentiert, katalogisiert und fiktiv zur neuerlichen Entnahme angeboten. „Besucher:innen der Abfallsammelstelle passierten neugierig, musterten die ausgestellten Objekte mit Anmut, wunderten sich über die Qualität und brauchbare Beschaffenheit der Gegenstände, die entsorgt werden hätten sollen“, wie Nikolaus Gartner in der Einleitung beschreibt. „Kastenfenster, die nur eine neue Verglasung benötigten, historische Holztüren mit schmiedeeisernen Beschlägen, stabförmige Holzwerkstoffe, keramische Sanitärgegenstände, Möbel aus Vollholz, intakte Beleuchtungskörper und ganze Ziegel zählten zu jenen Bauteilen und Baustoffen, die aspahlt vor der Entsorgung „gerettet“ hatte und nun gut wahrnehmbar präsentierte“.

Kofferräume werden geöffnet, beladene Anhänger nach noch brauchbarem Material durchforstet, es werden gezielt Gegenstände ausgewählt und vor dem Entsorgen gerettet. Foto: asphalt

Höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel

Diese Aktion legt den Finger in die Wunde und zeigt, in Anbetracht dessen, dass die Bauwirtschaft einer der größten Verursacher von Abfall ist, dass der Abriss und die Entsorgung von Bestandbauten vermeidbar ist. Ein Paradigmenwechsel tut Not. Höchste Zeit angesichts der ökologischen Krise und des verschwenderischen Ressourcenverbrauchs sowie der bei der Errichtung eingesetzten grauen Energie „eine Umbaupraxis und Bauteilewiederverwendung zu etablieren“.
Der vorliegende Band ist ein Versuch, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu schärfen und bietet auch noch eine ganze Reihe von Beiträgen, die die Problematik unter unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachten. So etwa geht Andrea Kessler mit ihrem Text „Ressource, Verantwortung, Wandel“ auf die Notwendigkeit für eine Umgestaltung des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema Ressourcennutzung ein. Asphalt erläutern in ihrem Beitrag die Idee hinter dem temporären Projekt „Umbauhof“, mit dem die Gruppe im Rahmen der Architekturtage vom Architekturraum Burgenland beauftragt worden war. Dietrich Erbens Text „Es gibt kein leeres Grundstück“ erzählt davon, dass es sich „beim Neubau auf dem vermeintlichen leeren Baufeld stets um den Umbau einer bislang anderwertig genutzten Fläche handelt. Dies betrifft gerade den Umbau in Dörfern“. Elena Boerman und Dirk E. Hebel befassen sich in „Weniger Treibhausgasemissionen durch Wiederverwendung“ mit wissenschaftlichen Recherchen und politischen Lenkungsmechanismen. Den Begriff der Zirkularität nimmt sich auch Philipp Kitzbeger in „Über die Zeitlichkeit einer nachhaltigen Materialpraxis“ zum Thema, und setzt sich mit den Begriffen von Zirkularität und Nachhaltigkeit auseinander. Ergänzt werden die Beiträge durch ein Interview mit Marcella-Malin Brunner, Natascha Peinsipp, Maura Schmitt und Felix Steinhoff von aspahlt über deren Erfahrungen mit den Pop-up-Umbauhöfen.

Unter den zur Entsorgung angelieferten bauteilen fanden sich Kastenfenster, die nur eine neue Verglasung benötigten …
ebenso wie historische Holztüren mit schmiedeeisernen Beschlägen. Fotos: asphalt


„Das kommunale Rohstofflager der Zukunft“ titelt der Beitrag von Marie Grützner und Astrid Staufers Text beschließt den Band. Mit „Schönheit im Wandel oder Wo bleibt da die Architektur?“ benennt sie die einstige „Sehnsucht nach visueller Abstraktheit und Reinheit“ des Entwurfs. „Nachdem die im Wege stehenden Bauten geopfert waren, setzte der Stift auf dem weißen Papier an, um die Welt zu bändigen“. Die Krise sieht sie als Chance und meint „die Not der Ökologie schafft Raum, um gemeinsam nach einer wieder mehrfachsinnigen und mehrfachsinnlichen Schönheit zu suchen“.
Kurz und bündig, aber ebenso treffsicher fällt der Beitrag von Hermann Czech aus, der gleich zu Beginn seiner Zeilen ohne Umschweife anmerkt: „Umbau und Wiederverwendung aus Klimaschutzgründen ist keine Notlösung. Es war schon immer eine kulturelle Verarmung, etwas Bestehendes unnötigerweise zu vernichten“.

Umbauhof
Ein Ort für die Wiederverwendung von Bauteilen
Hrsg.: Architekturraum Burgenland, apshalt/Kollektiv für Architektur, Wegweisendes Pilotprojekt aus dem Burgenland, Birkhäuser Verlag, Basel 2026, 168 Seiten, 129 farb. Abbildungen, Deutsch, 16,5 x,23,5 cm, Broschur ISBN 978-3-0356-3122-7

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