Dass Städte sich verändern und weiterentwickeln gehört zu ihren wichtigsten Merkmalen – doch in der Klimakrise und der fortdauernden Ressourcenknappheit kann die Antwort längst nicht mehr Abriss und Neubau sein. Bei der Veranstaltung „Zirkuläre Potenziale der obsoleten Stadt“ im Architekturzentrum Wien präsentierten kürzlich Stefan Rettich (Architekt und Gastprofessor an der TU Wien), Katharina Kothmiller (co-form) und Lina Streeruwitz (StudioVlay Streeruwitz) von Impuls Habitat 2030 mögliche Alternativen.
Die Nachnutzung oder Umnutzung bestehender Gebäude setzt bereits einen wichtigen Schritt in Richtung Ressourcenschonung. Das Potenzial ist hoch, denn durch gesellschaftliche und technologische Veränderungen verschiebt sich auch der Bedarf an Gebäude. Tankstellen, Bürogebäude, Parkhäuser, Kinos und Kirchen werden obsolet, nicht mehr gebraucht und nicht mehr genutzt: sie werden zu so genannten „Obsentials“ und stehen für Neuinterpretationen zur Verfügung. Wichtig ist hier nun, wie Stefan Rettich ausführt, der nächste Schritt, nicht jedes Haus einzeln zu betrachten, sondern die Verbauweise der Stadt. Zu schauen, wo sich eben diese Obsentials aus verschiedenen Funktionsebenen häufen. Dann entsteht nämlich eine Art Domino-Effekt: wenn ein Büroturm aus der Nutzung fällt, braucht man auch das Parkhaus nebenan nicht mehr, und weniger Leute gehen einkaufen. Die übliche Deutung wäre, dass hier ein Trading-Down stattfindet und sich der Trend in diesem Stadtteil nun vom vollständigen Angebot mit pulsierendem Leben zu zunehmenden Leerständen inklusive ausbleibender Kundschaft weiterentwickeln wird. Man kann darin aber auch das große Potenzial sehen, ganze Quartiere neu zu programmieren.
Entsprechend dieser neuen Betrachtungsweise als wertvolle Stadtelemente nennt man sie dann „Nuggets“. Stefan Rettich berichtet von 24 solchen Nuggets in Hamburg. Wenn man geschickt Quartiersprozesse entwickelt, kann man tatsächlich diesen Stadtteilen neue Impulse geben und diese klimagerecht gestalten.

Relevante Umnutzung
Zu den verwendeten Objekten gehören Shopping-Malls – in den USA spricht man seit Längerem vom Dead-Mall-Phänomen, das sich aber auch in europäischen Ländern ausbreitet. Außerdem geht es um große Tankstellen, Einzelhandels-Einrichtungen und Kirchen, die potenziell und teilweise konkret Wohnraum bieten. Friedhöfe können zu Parks werden, wie etwa in Hamburg, wo der ehemalige evangelische Friedhof mittels eines Entwicklungskonzepts des Landschaftsarchitekturbüros Gudrun Lang zum Wohlers Park umgewandelt wurde.
In einem Forschungsprojekt wurden an die 350 realisierte Beispiele ausgewertet. Auch abgesehen von den Leuchtturm-Projekten wie Tour Bois-le-Prêtre von Lacaton & Vassal, finden sich in Paris viele Re-Use Beispiele, etwa Parkhäuser. In Basel verwandelten Esch Sintzel Architekten Weinlager in ein nachhaltiges Wohnhaus, in Montreal wurde vom Büro FABG eine Tankstelle von Mies van der Rohe in ein Generationenzentrum mit Seniorentreff und Jugendclub umgebaut. Ein altes Speichergebäude im Nordhafen von Kopenhagen, das höchste Gebäude der Stadt, wurde vom Architekturbüro Cobe in „The Silo“ mit 38 Wohnungen verwandelt. Ein Beispiel für Stadtbegrünung ist der Skygarden in Seoul – MVRDV haben eine Stadtautobahn aus den 1970er Jahren in einen Park umgewandelt. In 16 Meter Höhe wachsen hier 24.000 einheimische Pflanzen mit 228 Arten und Unterarten.
Vielfältige Perspektiven und Mega-Trends wie Digitalisierung, Globalisierung, Individualisierung ziehen disruptive Effekte nach sich. Solche Situationen schaffen Gelegenheiten, dass aus der Nische Innovationen eindringen und den Raum dann verändern können. Die Transformationsprozesse dringen auch ins Zentrum der Entscheidungen vor und entwickeln Dynamik – Stefan Rettich ist daher für die Zukunft optimistisch.

Was bis 2030 passieren muss
Einen positiven Ausblick bieten auch Streeruwitz und Katharina Kothmiller von Habitat 2030, allerdings mit dringenden Forderungen. Während die EU eine CO2-Senkung um 55 Prozent bis 2030 vorgibt, stellen sie klar, dass man eine CO2-neutrale Bauweise erreichen muss. Dazu sind alle Maßnahmen notwendig, ganz vorne die Aktivierung von Leerstand und die Sanierung der obsoleten Stadt, so dass sie weniger Betriebsenergien braucht. Wenn es Neubau gibt, dann müssen Bau und Betrieb klimaneutral sein.
Dass klimaneutrales Bauen schon lange möglich und auch dringend notwendig ist, macht es umso unglaublicher, dass es nicht längst umgesetzt wird, konstatieren Lina Streeruwitz und Katharina Kothmiller. Seit 1995 wurde mehr CO2 verbraucht als in der gesamten bekannten Geschichte vorher.37 Prozent der globalen CO2-Emissionen stammen aus Errichtung und Betrieb von Gebäuden, wohingegen der gesamte Flugverkehr „nur“ für rund 3 Prozent verantwortlich ist. Das zeigt, wie groß der Hebel ist. Früher steckte ein Großteil der Emissionen im Betrieb, heute in den Baustoffen, der Herstellung und Errichtung. CO2-Emissionen können in einem Gebäude auch gespeichert werden, etwa wenn man Holz, Stroh oder Lehm in einem Gebäude verbraucht.

Verständliche Ökobilanzierungen
Habitat 2030 hat sich in den letzten Jahren damit beschäftigt, einen Standard für Ökobilanzierungen zu entwickeln, anhand derer CO2-Emissionen von Bauprojekten nachvollziehbar und vergleichbar werden. Zunächst ging es um nichts anderes, als den Status Quo aufzuzeigen, denn ohne dieses Wissen ist ein Zielpfad für die CO2-Absenkung nicht zu bestimmen. Um die Daten aus unterschiedlichen Quellen nutzbar zu machen, einigte man sich auf eine einfache Rechnung: eine Multiplikation von Massen oder Volumina mit ihren Emissionen zuzüglich einer Summe der einzelnen Baustoffe. Mittlerweile sind dazu ausreichend Informationen verfügbar, weil mit BIM gearbeitet wird, aus denen diese leicht extrahierbar sind.
Der Fokus liegt auf der Phase A, der Herstellung. Denn B, die Nutzung des Gebäudes, und C, die Entsorgung, sind schwer vorherzusehen – man hofft jedoch, dass die Gebäude länger als die bisher angesetzten 50 Jahre stehen und auch wiederverwendet werden. Bisher gängige Normen haben alles addiert und durch 50 Jahre dividiert, was die Tatsache verschleiert, dass die Errichtung zum jetzigen Zeitpunkt geschieht, folglich diese Emissionen für die eingesetzten Bauprodukte auch jetzt entstehen. Wenn man Klimaziele erreichen will, muss man die Frage stellen: wann entstehen Emissionen? So ergibt sich ein Peak in der Phase A.
Zehn Büros haben mit einem Forschungsinstitut gemeinsam Parameter festgelegt, und sich darauf geeinigt, in einem ersten Schritt das Global Warming Potential (GWP) zu untersuchen. Alle Phasen werden bilanziert und getrennt ausgewiesen, mit einem Aufschlagswert für Haustechnik und frühe Planungsphasen. Die Ökobilanzierungen zeigen, dass man pro Quadratmeter ziemlich einfach 0,3 Tonnen CO2 einsparen kann.
Ein klarer Überblick entsteht durch übersichtliche Grafiken, in denen die unterschiedlichen Bauweisen die Kategorien Mineral, Hybrid, Holz, Bestand/Sanierung vergleichbar werden. CO2 Emissionen und Jahreszahlen bilden dabei die Achsen, an denen entlang sich der Zielpfad entwickelt. Anhand konkreter Projekte, deren Ökobilanzierung erstellt wurde, lässt sich nun einordnen, wie sich diese auf dem Weg in die Klimaneutralität positionieren. Verschiedene Farben markieren die Bauweisen der Projekte. Man sieht, dass die grau markierten mineralischen Bauweisen sehr weit oben auf der Emissionsskala stehen, während die Holzbauten in Grün deutlich unter die Linie des Zielpfades kommen.
Habitat 2030 ist ein Zusammenschluss von Vertreter:innen aus Architektur, Bauträgerschaft, Bauunternehmen, Klimaaktivismus, Medien, Verwaltung, Wissenschaft und Forschung. Als Genossenschaft setzt sich Habitat 2030 für die Transformation der Bauwirtschaft zur Klimaneutralität ein. Jeden Mittwoch findet online ein Klimafrühstück statt, ein Bildungs- und Austauschformat, an dem man kostenlos teilnehmen kann. Katharina Kothmiller (co-form) und Lina Streeruwitz (StudioVlayStreeruwitz) gehören zum Kernteam.
Stefan Rettich ist Architekt und Professor für Städtebau an der Universität Kassel. Von 2011–2016 war er Professor für Theorie und Entwerfen an der Hochschule Bremen, zuvor lehrte er vier Jahre am Bauhaus Kolleg Dessau. Er ist Gründungspartner von KARO* architekten. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Grundfragen von Raum und Politik, Strategien der nachhaltigen Stadt- und Innenentwicklung sowie die Obsoleszenz von Gebäuden und deren Transformationspotenzial. Im Sommersemester 2026 war er Gastprofessor beim futurelab der TU Wien.
Die Veranstaltung „Zirkuläre Potenziale der obsoleten Stadt“ mit Vortrag & Diskussion fand am 1. Juli 2026 im Architekturzentrum Wien statt, als Kooperation von Az W und future.lab der TU Wien, mit Unterstützung des Klima- und Energiefonds.






